George Russell geht am Start am überraschenden Polesetter Pierre Gasly vorbei und kontrolliert das Rennen an der Spitze, während der Alpine-Pilot das restliche Feld einbremst – so die Theorie vor dem Start des Großen Preises von Italien. Die Formel-1-Realität traf den Briten jedoch brutal: Russell musste sich seinem Teamkollegen Kimi Antonelli geschlagen geben, der nach einer Gridstrafe nur von Rang 19 ins Rennen gegangen war.

Selbst bei Mercedes hatte niemand den Italiener auf dem Zettel. "P5 war bei normalem Rennverlauf das Maximum", räumte der stellvertretende Teamchef Bradley Lord nach dem Rennen bei ServusTV ein. Doch an diesem Italien-GP war nichts normal. Gasly konnte am Start seine Position behaupten, musste aber nach der ersten Runde Russell ziehen lassen. Antonelli kämpfte sich derweil bis auf Rang 12 vor, ehe ein Unfall von Charles Leclerc zum Rennabbruch führte. Die Rotphase nutzte Russell für den Wechsel von Medium auf Hard, um das Rennen ohne weiteren Stopp durchzufahren. Antonelli wechselte von Hard auf Medium.

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Italien GP: Russell hatte Antonelli schon früh am Schirm

Beim zweiten Start verteidigte Russell seine Führungsposition, geriet in Runde elf jedoch unter Druck von Max Verstappen. Über mehrere Runden lieferten sich die beiden einen kompromisslosen Schlagabtausch. "Es war einfach sehr schwierig, den Windschatten zu brechen. Wer auch immer führte, war direkt wieder anfällig dafür, überholt zu werden", analysierte Russell. Der Brite setzte sich schließlich durch – doch Antonelli lag zu diesem Zeitpunkt bereits auf Rang drei. "Als ich Kimi nach wenigen Runden auf P5 sah, wusste ich, dass er um den Sieg mitfahren würde. Seine Anfangsphase war extrem beeindruckend", gestand Russell später.

In Runde 18 folgte der erste Tiefschlag für Russell: Kimi Antonelli zog auf der Start-Ziel-Geraden an ihm vorbei. Es entwickelte sich ein hochklassiges Duell um die Führung – für die Fans ein Augenschmaus, für Mercedes-Teamchef Toto Wolff ein Nervenkitzel am Kommandostand. Erst eine klare Ansage per Funk beendete die ständigen Platzwechsel. Die anschließende Verschnaufpause endete in Runde 28: Ein VSC – ausgelöst durch den Ausfall von Lance Stroll – rüttelte das Feld neu durcheinander. Antonelli und Verstappen nutzten die virtuelle Safety-Car-Phase für einen Boxentopp.

Antonelli steckte auf einen frischen Satz Medium um und kam auf Position 6 zurück auf die Strecke. Russell blieb hingegen draußen und verriet nach dem Rennen, dass er damit gerechnet hatte, dass die Verfolger seiner Linie folgen würden. "Die Crew an der Boxenmauer war wegen unseres Zweikampfs sicher nervös und froh, uns auf unterschiedliche Strategien zu setzen. Gegenüber Max deckt man so zudem beide Szenarien ab", begründete er die Entscheidung, mit der er zunächst vollkommen d’accord ging. Doch ab Runde 43 kippte das Rennen: Der harte Reifen an Russells W17 fing an, sich "aufzureißen", was sich in den Rundenzeiten niederschlug.

Antonelli war zu diesem Zeitpunkt der schnellste Mann im Feld und hatte den Rückstand auf Russell bereits auf 5,5, Sekunden verkürzt. Mit jeder Runde wurde man auch in der Mercedes-Box unruhiger. Marcus Dudley funkte an Russell: "Let's take no risks. Let's just bring this back, bring it home." [übersetzt: "Lass uns kein Risiko eingehen. Lass uns das einfach nach Hause bringen."]. Gefolgt von der Warnung: "We can see the damage on the tyre and those vibrations picking up every lap." [übersetzt: „Wir können den Schaden am Reifen sehen, und diese Vibrationen nehmen mit jeder Runde zu"]. Ein Führungswechsel an der Spitze schien unausweichlich, doch Russell gab den Sieg nicht kampflos auf.

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Bevorzugte F1-Strategie für Antonelli? Das sagen Russell und Wolff

Auf der Fahrt zur ersten Kurve trug es Russel beim Anbremsen zu weit hinaus, wodurch Antonelli am Kurvenausgang ins Straucheln geriet und durch das Kiesbett rutschte. In Runde 51 war es dann soweit. Laut Russell fühlte sich dieser Moment ähnlich wie Kanada an – von der Pole Position startend, führte er das Rennen an, bis ihn ein Motorschaden aus dem Rennen riss und Antonelli das Rennen gewann. "Ich hätte die Führung gerne auf der gleichen Strategie verteidigt. Ich fühlte mich in diesem Zweikampf in einer guten Position und wusste genau, was ich beim Energiemanagement tun musste, um mich zu verteidigen, und wann ich angreifen und meine Manöver setzen musste", betonte der Brite.

TV-Experte Martin Brundle warf bei Sky in den Raum, dass Antonelli mit dem Boxenstopp unter VSC gegenüber Russell bevorteilt wurde. "George wird sich mit dem Team zusammensetzen und fragen müssen: Warum habe ich nicht den bevorzugten, günstigen Boxenstopp bekommen? Für die Weltmeisterschaft war das Georges Gelegenheit, etwas gegen den Rückstand zu unternehmen – stattdessen ist der Rückstand weiter gewachsen." Toto Wolff nahm nach dem Rennen Stellung zu besagter Theorie und stellte klar, dass zum Zeitpunkt des VSC nicht klar gewesen ist, welche Strategie die Bessere sein würde.

"Zu diesem Zeitpunkt zeigte das System, dass die Einstopp-Strategie vorne liegt. Die Zweistopp-Strategie kam dem zwar nahe, aber sie würde den Rückstand nicht mehr aufholen können. Das war also die Aussage der Software. Du musst irgendwann eine Absicherung wählen, und das war zu diesem Zeitpunkt die naheliegende Absicherung", so der Mercedes-Teamchef. Rückendeckung bekam er ausgerechnet von Russell, der in der Pressekonferenz die Entscheidung des Teams verteidigte. "Ich war auf Hards, Kimi auf Mediums. Wenn einer zum Stopp kommen musste, dann er. Ich bin einzig über das Timing des VSC etwas frustriert." Aber selbst ohne VSC hätte es nach Ansicht von Wolff in Italien nur einen Sieger gegeben – und zwar Antonelli. "Heute gab es nichts, was ihn hätte aufhalten können."

Gasly-Sensation in Monza! Wolff sicher: Verstappen hat Russell die Pole gekostet! (09:51 Min.)