Das Rennen der Formel 1 heute in Monza ist schon allein deshalb sehenswert, weil alle verunsichert sind. Es gibt eine große Bandbreite an möglichen Szenarien, erst recht nach der sensationellen Pole von Pierre Gasly. Der Favoritencheck von Motorsport-Magazin.com nimmt sie alle ins Visier. Überholen und Teamorder sind heute immense Gefahrenquellen.
Was Gaslys Pole fundamental heute bewirkt, ist zuerst einmal, dass das schnellste Auto nicht von ganz vorn losfährt. Dass der Mercedes von George Russell schneller ist, da sind sich alle einig. Russell verpasste die Pole jedoch um sechs Hundertstel, nachdem es im letzten Q3-Schuss Windschatten-Streit mit Max Verstappen gab.
Für Russell wäre es zuerst einmal ein Traum, wenn er Gasly von der Linie weg schlagen könnte. Dann sollte er alles unter Kontrolle haben. Der Mercedes war am Freitag im Renn-Trimm eine knappe Sekunde schneller als der Alpine. Russell könnte Gasly abhängen, während der den Rest hinter sich aufhält und ihm Zeit verschafft. So viel zum theoretisch einfachsten Sieger-Szenario.
Wie schnell kann Pierre Gasly heute im Rennen?
Die Frage nach der Alpine-Rennpace ist der erste Unsicherheitsfaktor. "Das ist ein Problem für morgen", hatte Gasly am Samstag in der Pressekonferenz gescherzt. "Mein Plan ist, so lange wie möglich vorn zu bleiben. Wie lang wird das sein? Kein Plan. Mein Fokus wird darauf liegen, keine Fehler zu machen." Wie das hier geht, weiß Gasly, der 2020 in einem Chaos-GP mit einer roten Flagge in Führung gespült wurde und dann souverän seinen bislang einzigen F1-Sieg unter hohem Druck durch Carlos Sainz ins Ziel fuhr.
Alpine näherte sich erst am Samstag dem optimalen Setup. Außerdem war Gasly in FP1 auch nicht gefahren. Die eine Sekunde Rückstand im Renn-Trimm vom Freitag kann also bis heute geschrumpft sein. "Ich fühle mich eigentlich sehr wohl", meint Gasly. "Natürlich haben wir nicht die Pace der Jungs um uns herum, aber wir scheinen relativ zu gestern zugelegt zu haben."
Russell fürchtet außerdem den Topspeed des Alpine, der dieses Jahr bekanntlich auch den Mercedes-Motor im Heck hat: "Das wird ihnen im Rennen helfen." Der Mercedes mag schneller sein, aber kann er den Alpine locker überholen, wenn Gasly den Start gewinnt? Das bringt uns zum Energie-Management-Problem.
Überholen heute in Monza: Taktisch brandgefährlich für das eigene Rennen?
Das ganze Wochenende schon sind sich alle im Fahrerlager unsicher, wie das Racing heute ablaufen wird. Auf energiearmen Strecken erlebte die Formel 1 2026 bisweilen besonders extremes "Jo-Jo-Racing": Weil niemand wegen langer Geraden viel Strom laden kann, leert jedes Einsetzen dieser Energie zu einem Angriff mittels Boost-Knopf die Batterie des Angreifers sofort komplett. Der Überholte kann dann auf der folgenden Geraden einfach wieder kontern.
In Monza ist jetzt die Energie-Armut extremer, und das kickt diesen Effekt in die nächste Stufe. Wer hier einmal den Boost-Knopf drückt, braucht womöglich nicht nur zwei oder drei Geraden, sondern eine ganze Runde, um seinen Energiehaushalt wieder unter Kontrolle zu bringen. Dann kann ein fehlgeleiteter Angriff womöglich nicht nur in einem Konter resultieren, sondern in einen Netto-Positionsverlust gegen zusätzliche Autos.
Wie überholt man also jemanden, ohne sich sofort in ein Energie-Defizit zu begeben? Die Antwort kann erst das Rennen liefern. "Die ersten paar Runden könnten ziemlich chaotisch sein, und das schnellste Auto wird nicht unbedingt immer führen", meint Oscar Piastri. Eine Theorie wäre, dass es sich zu einer nach außen hin manchen MotoGP-Rennen ähnelnden Affäre verwandeln könnte. Fahrer, die bewusst nicht überholen, sondern im Windschatten des Vordermannes zuwarten, und dann rund um die Boxenstopp-Phase oder zum Finish erst zuschlagen.
Dem hilft, dass das Rennen sehr verschleißarm sein wird. Mit dem Hard-Reifen sollten laut Pirellis Berechnungen Stints jenseits der 30 Runden ohne große Probleme möglich sein. Der Unterschied zwischen den drei Mischungen ist im Rennen auch sehr gering. Lediglich eine Graining-Phase auf den weicheren Reifen ist möglich, sollte sich aber durchfahren lassen, solange der Fahrer keine Panik bekommt. So könnte es für Russell auch zielführend sein, einfach hinter Gasly zu warten, bis der zum Stopp abbiegt, um dann erst die überlegene Mercedes-Pace per Overcut auszuspielen.
Ferraris permanentes Energie-Defizit macht Sorgen für das Rennen
Für Mercedes werden die aus der zweiten Reihe startenden Ferrari von Charles Leclerc und Lewis Hamilton die größere Gefahr darstellen. Zuerst einmal sind sie zu zweit und können Russell für etwaige Passivität gegen Gasly sofort bestrafen oder zumindest per Strategie-Split unter Druck setzen. "Aber auf den Geraden werden wir zu kämpfen haben und gegenüber den anderen sehr exponiert sein", fürchtet Leclerc.
Ferraris Problem ist, dass der Mercedes dank seiner stärkeren Power Unit fundamental bessere Energie-Management-Profile fahren kann. "Sie haben Leistung auf Geraden, wo wir keine haben können", summiert Leclerc. "Da gibt es eine fundamentale Differenz auf den Geraden. Mal schauen, ob wir irgendein Wunder finden können, um sie an anderen Stellen zu überraschen." Das nährt aber auf der anderen Seite die Furcht, dass man sich unmöglich dauerhaft vor Russell halten könnte.
Nach dem Teamorder-Frust von Zandvoort denkt Lewis Hamilton am Samstag da schon voraus: "Wir sind an einem Punkt, wo wir mit 59 Punkten ein riesiges Defizit aufzuholen haben, besonders wenn Mercedes weiter in Sachen Speed vor uns liegt. Wir müssen als Team arbeiten." Er spricht es zwar nicht aus, aber alle seine Aussagen implizieren am Samstag klar, dass er vom Team jetzt langsam Priorität erwartet. Erst recht, nachdem dieses Team sich im Qualifying sehr bemüht hatte, beiden Fahrern möglichst gleichen Windschatten zu beschaffen. Ob man dieses Rennen aber mit Gleichbehandlung gewinnen kann, ist mit Topspeed- und Pace-Defizit mehr als fraglich.
Ein Mercedes fehlt - was können McLaren und Max Verstappen?
Max Verstappen, Oscar Piastri, Franco Colapinto und Lando Norris sehen sich diese Dramen von weiter hinten an. Verstappen hatte im Qualifying einen Defekt am Heck seines Red Bulls beklagt, McLaren stellte sich mit Fehlern und einer Grid-Strafe für Piastri selbst ein Bein. Beide Autos sind basierend auf dem Verlauf des bisherigen Wochenendes langsamer als der Mercedes und der Ferrari, brauchen also Hilfe durch Energie- oder andersartiges Chaos.
Das schnellste Auto kommt aus den Untiefen des Feldes. Kimi Antonelli startet wegen Motorstrafe nur von Platz 20, doch selbst mit einem nicht aufs Qualifying optimiertem Auto kam er am Samstag da bis auf zwei Zehntel an Russell ran. Im Longrun am Freitag hatte er Russell im Schnitt eineinhalb Zehntel pro Runde aufgebrannt.
Mercedes traut sich nicht, vom Podium als Ziel zu sprechen. Russell und beide Ferraris sind sehr weit weg. Doch in die obere Hälfte der Punkteränge vorzustoßen? Antonelli war am Freitag eine halbe Sekunde im Renn-Trimm schneller als McLaren. Das Hinterfeld wird ihn nicht lange aufhalten. Gute Punkte sind mindestens möglich.



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