Die Hackordnung der Formel 1 wurde am Samstag erst im, und dann nach dem Qualifying von Ungarn auf den Kopf gestellt. Lando Norris steht etwas überraschend auf Pole vor Charles Leclerc. Lewis Hamilton und die Mercedes kommen erst ab Startplatz fünf. Das verspricht heute ein ungewöhnliches Rennen. Erst recht mit Ferraris Reifen-Entscheidungen, unterstreicht der Favoritencheck.

Ferrari war eigentlich als Favorit ins Qualifying gestartet, und so richtig schiefgegangen war es erst auf der letzten Q3-Runde. Die bekam Lewis Hamilton erst nicht auf die Reihe, weshalb er von Norris im Pole-Showdown ausgestochen wurde. Dann stand Hamilton auch noch Oscar Piastri im Weg, was ihm drei Strafplätze eintrug.

Strafen für Hamilton & Antonelli! Mercedes geschlagen - aber nicht von Ferrari! (09:57 Min.)

Zugleich wurde Kimi Antonelli auf dem Weg zu Platz vier in der letzten Kurve zu schnell unter Gelb erwischt und ebenfalls um drei Plätze nach hinten beordert. So steht jetzt Norris vorn neben Charles Leclerc, dahinter folgen Piastri und Max Verstappen. Erst dann kommen Hamilton, ein nach einem Q3-Defekt mit einem brandneuen Motor ausgerüsteter George Russell und Antonelli.

Das stellt grundsätzlich alles auf den Kopf. Mercedes hatte am Freitag in den Longruns die beste Figur abgegeben, hat jetzt aber kein Auto unter den Top-5 der Startaufstellung. Und Überholen ist auf dem kurvigen Hungaroring voraussichtlich auch mit den neuen Autos nicht leicht, weil die Strecke keine dramatischen Unterschiede beim Energiemanagement provoziert. Ein Anpassen der Energie-Vorschreibungen vor dem Wochenende war nicht durchgegangen. Damit verschiebt sich der Fokus auf die Strategie.

Was plant Ferrari heute im Rennen mit der Reifenstrategie?

Für die Reifen wird es heute in Ungarn unangenehm. Zuerst einmal ist Hitze angesagt. Weiters wurden mehrere Stellen im Vorlauf des Rennens neu asphaltiert, dadurch welliger und der Grip wurde schlechter. Außerdem zerbröselt in der letzten Kurve der Asphalt. Das scheint alles nicht schlimmer zu werden, aber es hat insgesamt das ganze Wochenende über die Autos viel instabiler gemacht, und das Gerutsche hat den Reifenverschleiß hochgetrieben.

Mit Einstopp-Erwartungen waren alle angereist. Pirellis samstägliche Simulationen sagen jetzt aber voraus, dass Einstopp und Zweistopp sich die Waage halten. Theoretisch kann man es mit Medium bis Runde 26 schaffen und dann durchfahren. Ein höheres Tempo anzuschlagen, schon in Runde 16 den Medium abzugeben und den Rest des Rennens mit zwei Hard-Stints zu beenden ist aber in der Theorie (ohne Verkehr) gleich schnell.

Spannend wird es jetzt beim Blick auf die Tabelle der verbleibenden Reifen. Denn Ferrari traf am Samstag im Qualifying eine ungewöhnliche Entscheidung: Beide Fahrer fuhren Q1 mit ihrem einzigen verbleibenden Medium. Während McLaren, Red Bull und Mercedes für das Rennen jetzt noch zwei Hard und einen Medium unbenutzt in der Garage jedes Fahrers liegen haben, sieht es bei Ferrari dünn aus.

"Wird interessant, mit welchem Reifen sie morgen starten", stellte Lando Norris nach dem Qualifying sofort fest. Charles Leclerc, der in Q1 zwei Versuche auf seinen einzigen Medium brennen musste und in Q2 und Q3 vier Soft-Sätze fuhr, steht jetzt tatsächlich vor einer schwierigen Lage. Nur seine zwei Hard sind noch neu. Sein einziger Medium ist acht Runden alt, alle seine Soft je drei.

FahrerSoftMediumHard
Norris4x alt1x neu2x neu
Leclerc4x alt1x alt (8 Runden)2x neu
Piastri4x alt1x neu2x neu
Verstappen4x alt1x neu2x neu
Hamilton1x neu, 3x alt1x alt (3 Runden)2x neu
Russell4x alt1x neu2x neu
Antonelli4x alt1x neu2x neu
Hadjar4x alt1x neu2x neu

Rennen zum Undercut mit Lewis Hamilton - oder Wartespiel mit Mercedes?

Lewis Hamilton hat im Gegenzug einen neuen Soft. Sofort rückt das eine potenziell aggressive Strategie in den Fokus. Wenn Ferrari sowieso von zwei Stopps ausgeht, kann man die Fahrer auf Soft ins Rennen schicken. Und mit Hamilton direkt mächtig Druck ausüben. Das größte Handicap eines Zweistoppers ist Verkehr. Weil die Top-Teams aktuell aber so überlegen sind, sollte es in der Theorie nicht lange dauern, bis sie ein brauchbares Boxenstopp-Fenster zum Mittelfeld offen haben.

Hamilton ist von seinem schlechten Startplatz aus eigentlich prädestiniert für ein maximal aggressives Undercut-Rennen. Beide Ferrari-Fahrer sehen ihr Auto auch mit guter Rennpace bestückt. Aber nicht so gut, dass man einfach überholen kann. Hamilton schon vor Runde 20 mit dem ersten Stopp aus dem Verkehr zu ziehen und auf die Jagd zu schicken macht Sinn.

Dann kündigt sich ein Ungarn-GP an, wie wir ihn in den letzten Jahren schon öfters gesehen haben. Mercedes baut darauf, dass ihre Samstags-Probleme isoliert aufs Qualifying sind, wo man bis einschließlich Q3 mit der Reifenvorbereitung herumpfuschte und das Temperaturfenster nicht fand. Über die Distanz gab es seit Freitag keine Anzeichen eines tiefergehenden Setup-Problems. Die gute Rennpace positioniert Mercedes eigentlich ideal für den Einstopp-Konter.

Können McLaren und Max Verstappen im Rennen mitspielen?

Was haben die vier Autos vor ihnen dem entgegenzusetzen? Ein strategischer Split zwischen Hamilton und den Mercedes könnte auch die Top-4 treiben. Charles Leclerc ist in Sachen Rennpace sicher nicht viel schlechter als Hamilton, befindet sich aber in der angesprochenen schwierigen Reifensituation. Max Verstappen überraschte am Freitag eigentlich mit guten Longrun-Zeiten, aber sein Frust wuchs über das Wochenende hinweg stetig an.

Mit einem Dreher im Qualifying erreichte er seinen Siedepunkt. "Das Auto übersteuerte mehr und mehr", beschwor er danach erneut ein fundamentales Problem im Red Bull, welches sich über das Qualifying hinweg stetig verschlimmerte. Nie ein gutes Zeichen. "Das Auto ist an manchen Eingängen einfach unfahrbar." Auf der anderen Seite haben Verstappens Klagen an den letzten Wochenenden ihn nie davon abgehalten, schnell zu sein.

McLaren feierte währenddessen mit einem Unterboden-Update die erste Pole des Jahres. Die Probleme bei Ferrari und Mercedes im Qualifying-Trimm mögen geholfen haben, doch in Wahrheit trieb sich Lando Norris schon das ganze Wochenende in der Spitzengruppe herum. Seine Longrun-Zeiten waren George Russell am Freitag fast ebenbürtig.

Einfach werden Norris und Oscar Piastri ihre Plätze an der Spitze also sicher nicht abgeben. Es läuft bei bislang schon fast überraschend engen Zuständen vorn also auf ein enges Strategie-Rennen raus. Kommt es zum Einstopp-Zweistopp-Split? Und wer entscheidet dann richtig?

Wo läuft das Formel-1-Rennen heute im TV und Stream? Alle Infos und Zeiten zum Ungarn-GP gibt es hier in der Übersicht: