Es gibt am Donnerstag vor dem Silverstone-Wochenende im Fahrerlager der Formel 1 eine sehr eindeutige negative Erwartungshaltung. Der legendäre Highspeed-Kurs wird die schlimmsten Schwächen der neuen Power Units bloßstellen. Praktisch alle Fahrer sorgen für einen richtigen Tsunami an Kritik - gegen den sich allein George Russell müht, anzukämpfen.
Der Rest meint nach den vorbereitenden Simulator-Sessions zu wissen, was für ein Albtraum hier kommt. Weil es von Copse durch Maggots, Becketts und Chapel ewig lange keinen harten Bremspunkt gibt, werden die Autos in diesen einstigen Highspeed-Kurven massiv mittels Lift-and-Coast die Batterie laden und an extremem Clipping - Fahren nur mit dem Verbrennungsmotor - leiden, oder in den Kurven Verbrenner-Leistung für das Laden der Batterie abzwacken.
Das wird diese Passagen, die seit Anbeginn der Zeit eigentlich zu den berühmtesten Highspeed-Stellen im Formel-1-Kalender zählen, zu zahnlosen mittelschnellen "Ladestationen" machen, wie es Fernando Alonso nannte. Von den meisten Fahrern kam hierzu Klartext: Ein Trauerspiel, das klassische herausfordernde Silverstone, wie wir es kennen, existiert nicht mehr.
George Russell klagt an: Kein Fan schert sich um Energie-Management
Doch ein Fahrer verleugnet die Kritik. "Ich denke, Silverstone wird super", kündigt George Russell an, als er am Donnerstag von Motorsport-Magazin.com darauf angesprochen wird. "600.000 Fans kommen, und die werden sich kaum so groß um Energie-Management kümmern."
Russells Argumentation verschließt sich nicht vor der Realität. Sie fußt vielmehr darauf, dass die neuen Regeln besseres Racing provozieren. Erst recht auf energiearmen Strecken. "Wie Melbourne, China, die haben viel besseres Racing erzeugt als in der Vergangenheit, und da gibt es keinen Zweifel, dass auf diesen energiearmen Strecken das Racing besser sein wird, vermutlich etwas chaotischer."
Weil Autos im Renn-Trimm in Zweikämpfen schnell die Energie ausgeht und sie diese auf solchen Strecken nicht sofort wieder aufladen können, provozierte das in den ersten Wochen von 2026 auf diesen energiearmen Rennen sehr viel Hin und Her und einiges an Chaos.
Schlechtes Qualifying und künstliches Racing als Konter auf George Russell
Russells Standpunkt teilen viele andere Fahrer nicht. Im Gegenteil. "Auf diesen energiearmen Strecken riskierst du verrückte Situationen, wo einer auf einer Geraden eine halbe Sekunde schneller ist, auf der nächsten dann eine halbe Sekunde langsamer", hält etwa Oscar Piastri dagegen. "An einem Punkt ist das gefährlich. Autos mit 30, 40 km/h Unterschied auf den Geraden, und der Fahrer kann nichts dagegen tun, entweder weil das Deployment etwas macht, das wir nicht kontrollieren, oder weil die Batterie leer ist und wir nichts einspeisen könnten, selbst wenn wir wollten."
Das waren die berühmt-berüchtigten Mario-Kart-Vergleiche, die zu Saisonbeginn durchs Fahrerlager gingen. Auf den meisten Strecken sah es in der Zwischenzeit weniger chaotisch aus, weil diese nicht so energiehungrig waren. In Silverstone ist aber eine Rückkehr der Turbulenzen vorprogrammiert.
Russell bleibt steif und fest bei seiner Meinung, lieber so eine Show für die Fans liefern zu wollen. "Ich denke, 'schrecklich' ist ein starkes Wort", kontert er auf weitere Nachfragen. "Hängt davon ab, was du haben willst. Ich genieße es natürlich, die schnellsten Autos und Motoren der Welt zu fahren, aber in meiner F1-Karriere war das schnellste Rennauto, das ich je gefahren bin, wohl der Williams von 2020."
"Damit haben wir keinen einzigen Punkt geholt", erinnert Russell. "Hat das Spaß gemacht? Überhaupt nicht. Und die Rundenzeit von 2020 im Silverstone-Qualifying wird wohl viel schneller sein als jene, die ich am Samstag schaffe, aber ich hoffe, dass ich am Samstag viel mehr Spaß habe, weil wir alle Wettbewerbstiere sind."
Russell bleibt dabei: Zählt doch die Überholmanöver
"Wir wollen kämpfen, und das habe ich in der Formel 2 geliebt, aber diese Runden waren 10 Sekunden langsamer als das, was die Formel 1 jetzt schafft", untermauert Russell. "Die 600.000 Fans an diesem Wochenende werden nicht sagen, dass das schrecklich ist. Wir müssen, denke ich, etwas aufgeschlossen bleiben."
Wenn Russell also wählen muss, dann bezahlt er Renn-Action gerne mit seltsamem Energie-Management im Qualifying: "Die besten Autos der Geschichte bleiben für mich die aus den frühen 2000ern. Aber wenn du da die Zahl der Überholmanöver in einer Saison zählst, sind das wohl so viele, wie wir sie aktuell in einem Rennen haben. Wir können nicht alles haben."
Wobei gerade Silverstone keine guten Argumente für Russell liefert. Der Kurs produzierte in den letzten vier Jahren in der Ground-Effect-Ära laut dem Renn-Ranking von Motorsport-Magazin.com, welches mit Stimmen der Redakteure und Leser erhoben wird, die mit Abstand besten Rennen. Drei der vier Ground-Effect-Rennen, darunter auch die im Trockenen abgehaltene 2022er-Ausgabe, wurden besser benotet als alle bisher gefahrenen Grands Prix der laufenden Saison 2026.



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