Die Skandal-Pole von George Russell bei der Formel 1 in Österreich vor einer Woche ist vor dem Rennen in Silverstone noch lange nicht ad acta gelegt. Dem Mercedes-Fahrer macht für sein kompromissloses Handeln keiner einen Vorwurf. Doch mit Blick auf das Reglement der F1 wurde ein Präzedenzfall geschaffen, den mehrere Protagonisten so nicht stehenlassen wollen. Carlos Sainz und Max Verstappen fordern in Silverstone eine Regeländerung und drastische Strafen für vorsätzliche Manipulation des Qualifyings.
"Erstmal hätte das kein einfach Gelb, sondern mindestens doppelt Gelb oder Rot sein müssen", so Verstappen, der die Szene im Qualifying auf dem Red Bull Ring mit seinem Unfall in der vorletzten Kurve auslöste. Hinter ihm befanden sich zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor Ablauf der Zeit nur die beiden Mercedes-Fahrer auf der Strecke. George Russell passierte die Unfallstelle bei einfach Gelb, lupfte kurz und fuhr dann zur Pole. Als Kimi Antonelli wenige Sekunden später folgte, zeigten die Light-Panels doppelt Gelb und der Italiener bracht ab.
"Ich weiß nicht, ob es [von der Rennleitung] den Ansatz gab, dass alle ihre Runde beenden können sollen, weil es das Qualifying ist. Oder ob sie eigentlich doppelt Gelb machen wollten, aber dann einfach Gelb gezeigt wurde. Das habe ich immer noch nicht verstanden, denn für mich hätte es doppelt Gelb sein müssen", pflichtet Sainz dem Red-Bull-Fahrer bei. "Im Training wäre das ganz klar sofort eine rote Flagge gewesen. Ich weiß nicht, ob es einen Kommunikationsfehler mit den Marshals gab. Ich finde, das hätte doppelt Gelb oder Rot sein müssen. In beiden Fällen müssen alle ihre Runden abbrechen und das war's."
George Russell hätte Pole-Runde im F1-Qualifying niemals beenden dürfen
Unter Fahrern und Experten war die Sache vergangenen Samstag klar. George Russell hatte nichts grundsätzlich falsch gemacht. Das sehen auch Verstappen und Sainz jetzt nicht anders. "Wie George das gehandhabt hat, war voll und ganz damit konform, was das Regelbuch vorgibt. Er hat die Pole verdient, denn er hat die Regeln zur Perfektion ausgespielt", lobt Carlos Sainz den Briten.
Doch der Williams-Pilot, der neben George Russell als zweiter aktiver Fahrer in der Rolle des GPDA-Direktor fungiert, empfindet in dieser Funktion weniger Toleranz. "Es hätte niemals gestattet sein dürfen, diese Runde zu beenden, bei solch einer gefährlichen Situation", stellt Sainz klar. "Es wird immer dazu tendiert, dass man die Leute ihre Runden beenden lassen will, wenn der Unfall nicht so schwer ist. Aber was ist denn, wenn am anderen Red Bull der Heckflügel bricht und der crasht an derselben Stelle?"
"Natürlich, wenn du die Regeln richtig liest, kannst du deine Runde beenden und behalten. Wahrscheinlich würde ich das genauso machen. Aber es sollte nicht erlaubt oder möglich sein, deine Runde so zu beenden und das ist für mich hier die größte Sorge bei all dem", so Verstappen, der es kritisch sieht, wenn unter einfach Gelb noch die Limits ausgelotet werden. "Die Diskussion hatte ich schon häufig, wo ich das Gefühl hatte, dass Fahrer damit spielen, noch ziemlich nah ans Limit zu gehen. Wir haben das mit einfach Gelb immer noch nicht richtig im Griff, wie stark man dort verlangsamen muss. Bei doppelt Gelb weißt du es."
Unfall für Pole Position in der Formel 1? Fahrer fordern Strafen für Vorsatz
Carlos Sainz hingegen bringt bei der Diskussion sogar noch eine andere Sorge seinerseits ins Spiel. "Wenn Max in der Situation auf der Pole gewesen wäre und er macht den Unfall, und keiner kann seine Runde beenden, weil für alle Rot ist, wäre das George und Kimi gegenüber unfair. Denn dann steht der Typ auf Pole, der den anderen die Zeitenverbesserung vereitelt hat", holt Sainz noch weiter aus. Dieses Vergehens wurde 2006 in Monaco einst Michael Schumacher überführt, als er auf vorläufiger Pole bei seinem letzten Versuch keine Verbesserung mehr erzielen konnte und in Rascasse unvermittelt seinen Ferrari parkte. Er musste daraufhin vom letzten Platz starten.
"Ich hätte das letztes Jahr in Baku machen können, als ich auf Pole war und dann als erster [auf den letzten Run] rausfuhr. Da habe ich mir gesagt: Wenn ich jetzt crashe, bin ich auf Pole. Wir alle haben diese Gedanken und wir alle wissen, wie es im Regelbuch steht", gibt Sainz unumwunden Einblicke in die egoistischen Gedankengänge eines Profisportlers. Aber die Umsetzung dieser wüsste er leicht zu unterbinden.
"Jeder, der im Qualifying eine gelbe oder rote Flagge verursacht, sollte eine Startplatzstrafe von drei Positionen erhalten. Dann gibt es eine Strafe und keiner wird in Versuchung geführt", erklärt der 31-Jährige weiter. In jüngerer Vergangenheit war Sergio Perez nach einem Fahrfehler in Monaco 2022 auf der Pole geblieben und hatte am Sonntag das Rennen gewonnen. Etwas, das später in der Saison noch für Stunk mit Teamkollege Max Verstappen sorgte.
"Wenn jemand das vorsätzlich macht, sollte das eine größere Strafe sein", sagt er angesprochen auf Sainz' Vorschlag. "Das ist ein Thema, über das wir seit Jahren sprechen. In anderen Rennserien wird dir deine schnellste Rundenzeit gestrichen, wenn du Gelb oder Rot auslöst", so der Niederländer.


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