Pascal Wehrlein ist Formel-E-Weltmeister 2026. Im Herzschlagfinale in London setzte sich der Porsche-Werksfahrer trotz Nullnummer nach Kollision mit Titelrivale Jake Dennis im Kundenporsche von Andretti durch. Nicht nur aufgrund des Crashs kochten nach dem Rennen jedoch die Emotionen aus allen Richtungen des Titelkampfs hoch – und mit ihnen zahlreiche Anschuldigungen gegeneinander. „Eines der unsportlichsten und unfairsten Dinge, die ich je gesehen habe“, wütete Wehrlein trotz Titelgewinns schon direkt nach dem Rennen.

Ziel dieser Kommentare war niemand Geringeres als Wehrleins Ex-Teamkollege Antonio Felix da Costa, der seit dieser Saison für das Jaguar-Werksteam fährt und dessen Teamkollege Mitch Evans als einziger Pilot neben Dennis am Sonntag noch Chancen hatte, Wehrlein den Titel streitig zu machen. Im Rennen nutzte Jaguar diese Situation aus und setzte Felix da Costa über weite Teile als Bremsklotz ein, der mit teilweise extrem harten Bandagen gegen Wehrlein vorging. Eine Taktik, die Wehrlein sauer aufstieß.

Pascal Wehrlein kritisiert Antonio Felix da Costa scharf: Sollte mein Rennen zerstören

Die Meinungen im Fahrerlager gingen im Anschluss auseinander. Während manch einer im Anschluss wie Wehrlein das Vorgehen von Felix da Costa als zu hart einstufte, warfen andere indirekt Heuchelei vor, da Porsche besonders am Samstag ebenso Wehrleins Teamkollegen Nico Müller stark zum Aufhalten des Feldes einsetzte, um ihrer WM-Hoffnung einen Vorteil zu verschaffen. Auch diese Taktiken hatten am Vortag Kritik ausgelöst.

“Es waren sehr unterschiedliche Ansätze. Gestern war der Ansatz, Mitch hinten zu halten und vor ihm zu bleiben“, wollte Wehrlein den Vergleich in der Pressekonferenz nach dem Rennen aber nicht gelten lassen. „Heute war der Ansatz, mein Rennen zu zerstören! Sie wollten mich aus den Punkten werfen, selbst als Mitch schon weit vor mir war.“ Der frischgebackene zweifache Weltmeister weiter: „Wenn es ein normales Rennen gewesen wäre, hätte jeder versucht, das eigene Rennen zu maximieren, ohne unfair zu spielen mit Dingen wie Freundschaften und so weiter. Aber das war nicht so. Es waren alle gegen mich und das ist okay. Wir haben es trotzdem geschafft.“

Pascal Wehrlein beim Formel-E-Rennen in London
Pascal Wehrlein triumphierte knapp vor Jake Dennis, Foto: IMAGO/PsnewZ

Jaguar kontert: Nico Müller hätte Strafe sehen müssen

Bei Jaguar sah man die Situation naturgemäß anders. „Wir haben heute hartes, aber faires Racing gesehen“, verteidigte Teamchef Ian James Felix da Costa. „Und das hat uns geholfen, die Team-Meisterschaft zu gewinnen.“ Insgesamt lobte James die Rolle seines neuen Piloten in dieser Saison: „Antonio war von dem Moment an, in dem er ins Team gekommen ist, unglaublich kooperativ.“ Eine Aussage, die auf dem Gesicht von Porsche-Motorsportchef Thomas Laudenbach ein Lachen hervorbrachte. Während Felix da Costas Zeit bei Porsche hatte es intern immer wieder zwischen Fahrer und Team geknirscht.

Gleichzeitig erneuerte Jaguar die Kritik an Porsches Strategie über das Wochenende hinweg. „Es gab ziemlich viel Moving under Braking (von Müller; d. Red.) und da wurde nichts gegen getan“, beschwerte sich Evans im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. „Einige dieser Dinge wären in anderen Rennen klare Strafen gewesen, aber an diesem Wochenende wurden sie aus irgendeinem Grund ignoriert.“ Zudem wies Evans erneut auf das Qualifying am Samstag hin, in dem Wehrlein nicht nur im Finale kampflos der Weg zur Pole von Müller geebnet wurde, sondern sogar schon zuvor im Halbfinale von Dan Ticktum im Kundenporsche von Cupra Kiro. „Dein Kundenteam im Qualifying zu benutzen, ist nicht toll“, fand Evans klare Worte.

Mitch Evans verlässt Jaguar ohne langersehnten Titel

“Im Endeffekt wurde es Pascal in gewisser Weise geschenkt“, haderte der Formel-E-Rekordsieger deshalb. „Ich meine das nicht auf eine respektlose Art, aber es nervt einfach, wenn solche Dinge passieren.“ Zudem war es nicht das erste Mal in dieser Saison, dass Ticktum in Evans‘ WM-Kampf eingriff. „Es gab ein paar Momente, in denen ich den Titel verloren habe“, rechnete Evans vor. „In Shanghai nicht starten zu können hat nicht geholfen. Und in Sanya von Ticktum aus dem Rennen genommen zu werden, als ich auf dem Weg zum Sieg oder zumindest einem Podium war.“ Wie gerufen erschien ausgerechnet in diesem Moment Ticktum hinter Evans und gratulierte diesen zu einem starken WM-Kampf. Als sich Evans wieder zu MSM umdrehte, folgte die umgehende Schelte: „Naja, ohne ihn hätte ich gewonnen!

Der Brite verlässt nach dem verpassten Titel das Jaguar-Werksteam nach zehn Jahren ohne den großen Triumph – und das, obwohl er zahlreiche Male ganz nahe kam. „Wir haben alles andere erreicht: Siegesrekorde, Podeste, zwei Team-Meisterschaften. Und nicht den Fahrer-Titel zu kriegen nervt“, so der 32-Jährige. „Es lässt ein Loch in meinem Herzen zurück. Ich wollte es einfach sehr für mich und das Team.“ Evans kündigte bereits eine zeitnahe Bekanntgabe seines neuen Teams an. Dem Vernehmen nach steht er vor einem Wechsel zum neuen Opel-Werksteam.

Jake Dennis wütet nach Crash mit Wehrlein: Wenn sie so gewinnen wollen...

Evans war derweil nicht der einzige Pilot, der sich nach dem Rennen mit Porsche unglücklich zeigte. Besonders Dennis kreidete Wehrlein die entscheidende Kollision des Rennens schwer an. Im Zweikampf verschätzte sich Wehrlein und fuhr dem davor fahrenden Joel Eriksson (Envision-Racing) ins Heck. Dieser drehte sich und versperrte Wehrlein den Weg, woraufhin Letzterer Dennis leicht in die Mauer und aus dem Kampf um die Top-10 beförderte. Für die Aktion erhielt Wehrlein eine 5-Sekunden-Strafe.

„Er hat mich glatt aus dem Rennen genommen, so einfach ist es“, klagte Dennis in der Pressekonferenz nach dem Finale – während Porsche-Motorsportchef Thomas Laudenbach und Wehrlein links und rechts von ihm mit versteinerter Miene dasaßen. Der Brite, dessen Andretti-Team nach diesem Jahr von Porsche-Antriebssträngen auf Nissan-Power wechselt, ging sogar noch weiter. „Es ist peinlich, was wir heute von Pascal und Porsche gesehen haben“, so Dennis. „Ich war in einer Position, Pascal zu schlagen und dann rammt er mich einfach direkt in die Mauer. Es ist überraschend, aber im Endeffekt können sie so gewinnen, wenn es das ist, wie sie gewinnen wollen.“

Wehrlein erster Doppelweltmeister der Formel E: Will der Beste sein

Am im Saisonverlauf insgesamt verdienten Titel von Wehrlein ändert all das Drama aber nichts. Doch wie vergleicht sich der Triumph auf einer persönlichen Ebene mit dem ersten Titel im London ExCeL aus dem Jahr 2024? „Der erste ist immer was ganz Spezielles und man hat das Gefühl einfach schon mal gehabt, wenn es zum zweiten Mal passiert“, beschrieb Wehrlein gegenüber Motorsport-Magazin.com. „Aber ich glaube trotzdem, dass die Zufriedenheit und der Hunger und die Freude im Nachhinein genau das Gleiche sind. Speziell auch unter den Umständen, die wir heute und dieses Jahr hatten.“

Mit dem Titel krönt sich Wehrlein zum erst zweiten Fahrer der Formel-E-Geschichte, der die Rennserie zweimal gewinnen konnte. Dies war zuvor lediglich Jean-Eric Vergne 2018 und 2019 gelungen. Da die Formel E damals jedoch noch nicht den Status einer FIA-Weltmeisterschaft innehatte, ist Wehrlein der einzige Doppelweltmeister der Formel-E-Geschichte. An Statistiken will sich der ehemalige Formel-1-Pilot aber nicht messen lassen: „Ob ich jetzt zwei, fünf oder sechs Titel am Ende meiner Karriere habe – mein Ziel ist es, der Beste zu sein.“

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