Ein Formel-E-Urgestein nimmt Abschied: An diesem Wochenende bestreitet Lucas Di Grassi nach zwölf Jahren sein letztes Formel-E-Wochenende. „Ich schließe ein Kapital“, so der Brasilianer zu Motorsport-Magazin.com. Und zwar ein erfolgreiches. Mit 162 Starts, 14 Siegen, 4 Pole Positions und 42 Podestplätzen kann Di Grassi mit Fug und Recht zu den besten Fahrern der Formel-E-Geschichte gezählt werden. Highlight bleibt der Titelgewinn in der dritten Formel-E-Saison 2017.

Doch mit 42 Jahren ist es dann auch für einen derart etablierten Piloten wie Di Grassi genug. „Habe ich Vorfreude darauf empfunden noch ein paar Jahre weiter Rennen zu fahren? Nicht wirklich“, erklärt Di Grassi. Ich habe andere Pläne und diese Pläne wecken mehr Vorfreude bei mir als das Fahren selbst. Ich weiß, dass das komisch klingt, aber ich habe das jetzt 35 Jahre lang gemacht.“ Immer wieder wird Di Grassi dabei mit einer Management-Rolle innerhalb der Formel E oder bei seinem aktuellen Team Lola Yamaha in Verbindung gebracht.

Lucas Di Grassi: Wollte eigentlich nur eine Saison Formel E fahren

“Ich habe viele Pläne für die Formel E und für das Team, die ich nur außerhalb vom Auto erreichen kann“, so Di Grassi. Ein derartiger Job wäre für den ehemaligen Formel-1-Piloten zumindest insofern nichts Neues, als dass er bereits in den Anfangstagen der Formel E nicht nur auf der Strecke parallel zu seinem Werksengagement mit Audi in der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC kräftig am Aufbau des Startups mitwirkte. „Ich musste nicht mit der Formel E anfangen. Aber ich habe eine Gelegenheit gesehen“, blickt Di Grassi zurück.

“Als wir entschieden haben, die Meisterschaft aufzubauen, hatten wir nicht mal ein Auto“, berichtet der Mann aus Sao Paulo weiter. „Also habe ich zwei Jahre lang mit Alejandro (Agag, Formel-E-Gründer; d. Red.) Seite an Seite gearbeitet, Teams und Austragungsorte an Bord geholt, das Auto entwickelt und Simulationen durchgeführt“

Di Grassi konnte mit Abt zahlreiche Erfolge feiern, Foto: Formel E
Di Grassi konnte mit Abt zahlreiche Erfolge feiern, Foto: Formel E

Im Anschluss habe er zunächst den Plan gehabt, trotz Sieges im Debütrennen der Rennserie nur für die Aufbauphase eine Saison lang zu fahren, beteuert Di Grassi: „Und dann habe ich gedacht: Das hat Spaß gemacht, lass mich eine zweite Saison machen. Ich habe die erste Saison fast gewonnen und dann fast wieder gewonnen. Ich habe gesagt: Nein, ich muss zumindest einmal gewinnen.“ In der dritten Saison war es dann mit Abt Audi soweit – die Formel E ließ Di Grassi trotzdem nicht los.

Sportliche Talfahrt half Di Grassi bei Rücktrittsentscheidung

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass nach den erfolgreichen Audi-Jahren und dem Aus der Ingolstädter Ende 2021 schwierige sportliche Jahre auf Di Grassi zukamen. Nachdem er in seinen ersten acht Formel-E-Saisons nie schlechter als Platz sieben im Gesamtklassement abgeschlossen hatte, kam Di Grassi seitdem nie über P15 am Saisonende hinaus. Dieser Umstand spielte letztlich neben dem Alter eine ebenso bedeutsame Rolle für den Rücktritt. „Ich hatte die letzten vier Jahre das schlechteste Auto. Ich habe 42 Podestplätze erreicht und davon in den letzten vier Jahren nur drei. Es hilft sicherlich bei der Entscheidung.“

Nach einem frustrierenden Jahr mit Mahindra 2023 brachte auch die anschließende Wiedervereinigung mit seiner alten Abt-Heimat nicht die Erlösung. „Als ich bei Abt unterschrieben habe, war der Plan, dass sie Porsche-Antriebe bekommen würden“, verrät Di Grassi. „Deshalb habe ich unterschrieben. Und dann ist es nicht passiert.“ Stattdessen spannte Abt 2025 mit Hersteller-Neueinsteiger Lola Yamaha zusammen und war in den Folgejahren erwartbar am Ende des Feldes zu finden.

Und auch für Abt geht die Reise in der Formel E an diesem Wochenende zu Ende. Nach dem Verkauf der Rennlizenz an Lola Cars übernehmen die Briten ab der nächsten Saison die Führung des Teams in Eigenregie. Immerhin ein finaler Sieg war aber noch drin: Beim chaotischen Regenrennen im Juli dieses Jahres stand Di Grassi unverhofft doch noch einmal ganz oben auf dem Treppchen.

Di Grassi blickt auf Formel-E-Zukunft: Das schnellste Auto auf dem Planeten?

Das kombiniert mit der Altersthematik gab Di Grassi schließlich den Rest. „Wenn ich heute ein Team besitzen würde, würde ich mich nicht einstellen“, reflektiert er. „Physisch bin ich immer noch genauso gut wie vor zehn Jahren und auch mental. Aber es braucht auch noch die Motivation, den nächsten Schritt zu gehen.“

Und genau diese sei nicht mehr die gleiche wie früher, fährt Di Grassi fort und berichtet von den Anfängen seiner internationalen Rennfahrerkarriere: „Als ich nach England gezogen bin, hatte ich kein Geld, um eine Wohnung zu mieten. Ich habe sechs Monate im Haus eines Mechanikers gewohnt und bin in der britischen Formel 3 gefahren. In Brasilien hatte ich ein schönes Haus mit meinen Eltern und war an der Universität. Ich habe alles zurückgelassen und bin nach Großbritannien gezogen.“

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Di Grassi zu MSM weiter: “Wir gehen alle durch diese Phase und das kreiert den Hunger nach Erfolg, der dich auf das nächste Level hebt. Und an einem bestimmten Punkt will ich das nicht mehr machen.“ Die Liebe zum Sport bleibt aber ungebrochen. Das zeigt sich gerade dann, wenn Di Grassi nicht nur über die nächsten Jahre der Formel E spricht, sondern darüber hinaus. „Der Schritt von der Gen3-Ära zur Gen4-Ära wird klein sein im Vergleich zum Schritt zur Gen-5 (voraussichtlich ab 2031; d. Red.)“, prognostiziert Di Grassi. „Und wenn wir das schnellste Motorsportauto auf dem Planeten sind, wird das die Wahrnehmung der Leute über den Sport sehr verändern.“

FIA-Präsident? Di Grassi will hoch hinaus

Sollte Di Grassi im Management Erfolg haben, dürfte er langfristig auch ein weiteres Lebensziel in den Blick nehmen – FIA-Präsident zu werden. „Ich habe 20 Jahre, um mich für eine Kandidatur für diese Rolle vorzubereiten“, sagt er. „Es ist immer noch Teil meiner Pläne.“

Di Grassi ist nicht der einzige Routinier, der an diesem Wochenende seine Formel-E-Karriere beendet. Auch sein langjähriger Rivale Sebastien Buemi gab vor dem London-Wochenende seinen Abschied zum Saisonende bekannt. Die Details könnt Ihr hier nachlesen: