Erster Doppelweltmeister der Formel-E-Geschichte: Pascal Wehrlein ist nach einem wilden Finalrennen Formel-E-Champion 2026! Trotz eines späten Crashs mit seinem ärgsten Titelrivalen Jake Dennis, der beide Piloten aus den Top-10 katapultierte, reicht es für den Porsche-Werksfahrer zum zweiten WM-Titel nach 2024. Wehrleins einziger anderer verbliebener WM-Konkurrent Mitch Evans (Jaguar), der einen Sieg zum Titel benötigt hätte, kam nicht über Rang vier hinaus. Das Rennen gewann Taylor Barnard im DS Penske, der sich damit im letzten Rennen von DS Automobiles in der Formel E zum jüngsten Formel-E-Sieger der Geschichte kürte.

„Es war alles gegen uns und wir haben trotzdem obsiegt“, meldete sich Porsche-Teamchef Florian Modlinger am Funk bei seinem Piloten „Zweifacher Weltmeister: Mega!“ Porsche verpasst zwar den Titel in der Team-WM, den Jaguar im Finale behaupten konnte, angesichts des Titelglücks mit Wehrlein dürfte dies aber an diesem Sonntag nur eine Nebenrolle spielen. Wehrlein kürt sich damit zum ersten deutschen Doppel-Weltmeister im Formelsport seit Sebastian Vettel im Jahre 2011.

Pascal Wehrlein auf dem Podest bei der Formel E in London
Pascal Wehrlein triumphiert in London, Foto: IMAGO / Andreas Beil

„Eines der unsportlichsten und unfairsten Dinge, die ich je gesehen habe, wie Antonio gefahren ist“, fand Wehrlein nach dem Rennen anklagende Worte gegen Jaguar-Werksfahrer Antonio Felix da Costa, mit dem sich Wehrlein während dem Rennen immer wieder in die Haare bekommen hatte und der Wehrlein mit harten Bandagen bekämpft hatte. „Ich vergesse so etwas nicht. Aber so ist es, wenn man Feinde im Paddock hat.“

Aggressive Überholmanöver in Taktik-Anfangsphase

Porsche bediente sich von Beginn des Rennens an wie am Samstag des Vorteils, dass Wehrlein und Müller hintereinander starteten. Beide hielten am Start die Positionen drei und vier. Im Anschluss hielt Müller erneut das restliche Feld im ersten Sektor auf, wo er teilweise fast zwei Sekunden langsamer als die Top-3 fuhr. Doch anders als am Samstag hielt das nicht lange. In der fünften Runde schob sich der auf P5 fahrende Antonio Felix da Costa mit einem aggressiven Manöver an Müller vorbei und schickte den Porsche-Piloten dabei fast in die Mauer.

Kurz darauf schlüpfte auch Taylor Barnard (DS Penske) durch. Beide gingen kurz darauf auch an Wehrlein vorbei. Im Anschluss versuchte sich dann Felix da Costa daran, Wehrlein zugunsten seines Teamkollegen Mitch Evans aufzuhalten. Doch am Ende der achten Runde ging Wehrlein mit Attack Mode wieder vorbei. Müller sorgte währenddessen auf P6 dafür, dass der auf Rang sieben fahrende Evans auf Abstand blieb. Dennis konnte währenddessen in der Startphase keinen Boden gut machen, sondern ließ sich auf Platz 17 zurückfallen. In der achten Runde hatte der Brite etwa dreieinhalb Sekunden Rückstand auf das restliche Feld und versuchte so für einen möglichen Schlussspurt Energie zu sparen.

Die Lücke von Evans zu Wehrlein vergrößerte sich in den folgenden Runden immer weiter. In Runde 16 hatte der Neuseeländer dann genug, nachdem in der Zwischenzeit auch noch Sebastien Buemi und Nick Cassidy mit Attack Mode an ihm und Müller vorbeigegangen waren. In Kurve 19 bremste sich Evans aggressiv an Müller vorbei, wobei es auch zu einem leichten Kontakt der beiden Autos kam. Die Rennleitung notierte die Aktion, leitete aber keine Untersuchung ein.

Porsche-Rennen fällt plötzlich auseinander

Wehrlein blieb in der Zwischenzeit von dem Trubel hinter ihm unbeeindruckt am Ende der Spitzengruppe auf Position fünf, nachdem ihn Felix da Costa wieder überholt hatte. Auf Buemi auf Position sechs hatte Wehrlein in Runde 22 etwa zweieinhalb Sekunden Vorsprung. Dennis begann währenddessen langsam mit seiner Aufholjagd und schob sich auf P15 nach vorne. „Du hast die meiste Energie im Feld“, spornte ihn sein Andretti-Team am Funk an.

Kurz darauf ging Evans dann an Buemi vorbei, womit für Felix da Costa wieder zum Aufhalten von Wehrlein angewiesen wurde. Innerhalb weniger Runden verlor Felix da Costa mehr als vier Sekunden auf die Top-4 und drückte Wehrlein so in Richtung seines Teamkollegen. In der 26. Runde kam es dann in Kurve 20 zum Manöver: Auf der Außenseite ging Evans auf einmal an beiden Piloten vorbei. Eine Runde später kam es dann noch dicker: Felix da Costa drängte Wehrlein auf der Außenbahn von Kurve 20 ab, wodurch zahlreiche Piloten an beiden Fahrern vorbeigingen, darunter auch Dennis! Der Brite belegte nun Rang acht, während Wehrlein bis auf P12 zurückfiel. Eine Runde später überholte Dennis dann auch noch Joel Eriksson im Envision-Jaguar, womit er virtuell die WM-Führung übernahm.

Titel-Rivalen kollidieren: Wildes WM-Finale in London!

Doch Eriksson schlug schnell zurück, während sich Wehrlein wieder in die Top-10 vorarbeitete. Dann ging auch noch Cassidy an Dennis vorbei, womit sich Dennis und Wehrlein fünf Runden vor Schluss direkt hintereinander befanden. In der 32. Runde dann das große Drama: Beide Piloten fuhren Seite an Seite im engen Abschnitt der Strecke. Im Zweikampf verschätzte sich Wehrlein und fuhr Eriksson ins Heck. Der Schwede drehte sich und blockierte den Weg vor Wehrlein!

Dennis wurde dabei auf der Außenseite leicht in die Mauer geschickt, verlor seinen Frontflügel und fiel auf Rang 14 zurück. Wehrlein war sogar nur noch auf P16! Der Fokus richtete sich somit nun Mitch Evans zu, der mit einem Sieg vom Unglück der Konkurrenz profitieren konnte. Evans befand sich jedoch nur auf Rang vier und hatte ganze neuneinhalb Sekunden Rückstand auf Barnard, der in der Zwischenzeit die Führung übernommen hatte. Bis ins Ziel änderte sich daran nichts mehr, sodass Wehrlein den Titel erklomm! Kurioserweise kam sich Wehrlein auch außerhalb der Punkte in den Schlussrunden trotzdem noch mehrfach mit Felix da Costa in die Haare. „Seid euch sicher, dass ich mich daran in Zukunft erinnern werde“, schimpfte Wehrlein am Funk.

Abt verpasst Punkte bei letztem Formel-E-Rennen, Doppel-Podium für Mahindra

Hinter Barnard komplettierte das Mahindra-Duo aus Nyck de Vries und Edoardo Mortara das Podest. Evans, Buemi, Cassidy und Jean-Eric Vergne im zweiten Citroen-DS belegten die Plätze vier bis sieben. Josep Maria Marti (Kiro-Porsche) und das Nissan-Duo aus dem bisherigen Formel-E-Weltmeister Oliver Rowland und Norman Nato komplettierten die Top-10.

Für Abt Sportsline mit Partner Lola Yamaha endete das letzte Formel-E-Rennen der Teamgeschichte außerhalb der Punkte. Zane Maloney kam am Ende nicht über P17 hinaus. Für Lucas Di Grassi gestaltete sich sein letzter Formel-E-Auftritt von Beginn an schwierig. Aufgrund des Wechsels des Inverters an seinem Boliden hatte Di Grassi eine Strafe erhalten, die der Brasilianer in der Startaufstellung nicht vollständig absitzen konnte. Daher musste er am Ende der ersten Runde an die Box kommen und eine 10-Sekunden Stop-and-Go-Strafe absitzen.

Im Anschluss war Di Grassi abgeschlagen Letzter. Doch viel länger sollte das Rennen für den Routinier ohnehin nicht mehr dauern. In der 14. Runde musste der Formel-E-Champion von 2017 seinen Boliden mit einem technischen Defekt in Kurve 3 abstellen. Ein stilles Ende für einen der erfolgreichsten Fahrer der Formel-E-Historie.

Ebenso verhält es sich mit Abt. Zumindest vor dem Rennen zollte Mark Preston, dessen Lola-Mannschaft das Team ab der nächsten Saison in Eigenregie weiterführt, den Äbten Respekt. "Als ich in der ersten Formel-E-Saison angefangen habe, bin ich noch gegen Abt gefahren", so Preston in der Startaufstellung in London zu Motorsport-Magazin.com. "Es hat sehr viel Spaß gemacht, die Jahre über gegen sie zu fahren und dann mit ihnen in den letzten zwei Jahren zusammenzuarbeiten. Sie haben uns als Lola geholfen, in die Formel E zu kommen."

Letztes Rennen der Gen3-Ära vor Opel-Einstieg

Das Rennen in London war das letzte der Gen3-Ära der Formel E, bevor in der nächsten Saison die Gen4-Ära beginnt. Damit ist auch für Reifenhersteller Hankook Schluss, die in der Gen3-Ära die Einheitsreifen für die Formel E bereitgestellt hatten. Ab der Gen4-Ära übernimmt Bridgestone.

Zudem trägt die Formel E zum letzten Mal ein Rennen auf der Strecke im Kongresszentrum London ExCeL aus. Ab 2027 wird Brands Hatch zur neuen Heimat der Formel E in Großbritannien. Mit DS Automobiles ist auch für einen langjährigen Hersteller Schluss. Die Franzosen machen für Stellantis-Konzernschwester Opel Platz, die ab nächster Saison mit einem eigenen Werksteam einsteigt.

Formel E: So geht es weiter

Nach dem Ende der Formel-E-Saison geht es für die Teams nun in die Sommerpause. Der Auftakt in die Gen4-Ära folgt am 18. Dezember im saudi-arabischen Jeddah – sollten es die geopolitischen Bedingungen zulassen. Insgesamt steht der Formel E mit 21 Rennen an 13 Austragungsorten ein Rekordkalender bevor. Der traditionelle Double-Header in Berlin findet nächste Saison am 08./09. Mai statt.