Der letzte Vorhang ist gefallen: Mit dem auf der Strecke kontroversen Saisonfinale der Formel E in London endete auch die Gen3-Ära der Elektroweltmeisterschaft, bevor in der nächsten Saison die Gen4-Ära beginnt. Damit ist auch für Reifenhersteller Hankook Schluss. Ab der Gen4-Ära übernimmt Bridgestone. Motorsport-Magazin.com traf Hankooks Motorsport-Direktor Manfred Sandbichler am Rande des London ePrix zum exklusiven Interview.
Herr Sandbichler, jetzt ist es soweit. Was ist an diesem Wochenende Ihre vorherrschende Emotion?
Es ist ein ganz komisches Gefühl. Als ich jetzt heute Morgen hier reingelaufen bin und gewusst hab, okay, jetzt geht es ins Finale: Das ist nicht nur eine Rennserie auf WM-Niveau, aus der man aussteigt. Man hat hier viele Freundschaften geknüpft im Laufe der Zeit, weil das Miteinander ganz anders ist als bei anderen Rennserien. Man ist viel näher aufeinander, man verbringt viel mehr Zeit miteinander, man reist um den ganzen Globus. Es ist mehr oder weniger Family Business. Man fühlt sich hier wirklich als Teil der Familie und wenn man die Familie verlässt, ist das ein ganz spezielles, komisches Gefühl.
Macht dieses Verhältnis den Abschied noch schwerer? Denn das Family Business geht genauso weiter, nur jetzt mit einem anderen Reifenhersteller.
Genau. Aber es ist Teil des Geschäfts. Das gehört einfach auch dazu. Wie heißt es so schön: Es werden auch gute Ehen geschieden. Es ist natürlich komisch, wenn man aus einer Serie ausscheidet, in der man eigentlich ein Teil des Ganzen ist und weiß, die Serie geht weiter, die Serie wächst weiter, die kommt mit einem neuen Auto, mit einer komplett neuen Generation, viel leistungsstärker. Alles ist einfach dem nächsten Level angepasst und man ist da leider Gottes nicht mehr Teil des Ganzen. Aber als wir eingestiegen sind, war es für den Vorgänger wahrscheinlich genauso ein komisches Gefühl. Aber man weiß nie, wie die Reise weitergeht. Man trifft sich oftmals mehrfach im Leben.
Sie haben es angedeutet: Bis zur Ausschreibung des Reifenherstellers für die Gen5 (voraussichtlich ab 2031; d. Red.) ist es auch nicht mehr ewig lange hin.
Wenn sich irgendwo Möglichkeiten ergeben, die wir als interessant erachten… Und eins ist auch klar: Eine Weltmeisterschaft ist immer mehr als interessant. Es wird mit Sicherheit bei uns wieder auf dem Schreibtisch landen und wir werden es mit Sicherheit wieder sehr eingehend prüfen und dann unsere Entscheidung treffen. Aber es ist halt leider Gottes nicht an uns, die finale Entscheidung zu treffen.

Ihr habt immer wieder den Nachhaltigkeitsaspekt des Reifenkonzepts betont. Verändert der Weg der Formel E immer mehr Richtung Slicks das für euch?
Ich glaube, man kann das trotzdem. Auch wenn es in Zukunft einen Trocken- und einen Regenreifen gibt. Wenn man betrachtet, wie viele Reifen pro Wochenende den Teams zur Verfügung gestellt werden und das dann in Verhältnis setzt zu anderen Rennserien, steht die Formel E immer noch sehr, sehr gut da. Und wir benutzen die Reifen, aber wir recyceln die hinterher auch wieder. Und wir machen auch da große Fortschritte, was den Prozentsatz angeht, was wir recyceln können, welche Materialien wir zurückgewinnen können, was wir wieder in den Kreislauf mit einfließen lassen können. Ob wir jetzt einen Satz mehr oder weniger an einem Wochenende verbrauchen, wird das Gesamtkonzept nicht aus dem Rahmen schmeißen.
Unabhängig vom Reifen: Wie haben sich die Formel E und das Umfeld in den vier Jahren verändert, die Hankook ein Teil der Rennserie war?
Eigentlich nicht sehr viel. Wir haben natürlich andere Austragungsorte dazu bekommen. Ich sag mal als Beispiel Sanya oder Jakarta, wo du sagst: Da würdest du nie ein Rennen erwarten. Was mich immer wieder fasziniert, ist die Logistik, wie ruhig das alles abläuft, wie konzentriert das alles abläuft, wie das alles wie Zahnräder ineinandergreift, wie auch der Streckenaufbau funktioniert. Wenn du an der permanenten Rennstrecke bist, weißt du, du kommst da hin, stellst deinen Lkw da auf, steckst deinen Stecker in die Dose und dann geht's eben vorwärts. Weil eben alles da ist. Wir sind teilweise an Orten gewesen, wo gar nichts ist. Wo du wie bei der Rallye auf der grünen Wiese stehst und sagst: „So, und jetzt wollen wir gucken, wie wir das Ganze hier ins Laufen kriegen."
Bestes Beispiel Tempelhof: Wo du einfach auf einen ehemaligen Flugplatz gehst und sagst: „Okay, da fahren wir jetzt mal." Und dann im krassen Gegensatz dazu gehst du zwei Wochen später nach Monaco. Also das ist schon wirklich aller Ehren wert, was da so passiert, wovon der Endverbraucher draußen gar nichts mitbekommt. Der sieht einfach nur, wenn er seinen Fernsehkanal anschaltet: Okay, da sind sie wieder. Was da alles im Hintergrund passiert, was da für eine Maschinerie am Arbeiten ist, das kriegt ja gar keiner mit. Und das ist gut so.
Sie haben in Ihrer langen Karriere viel erlebt. Was haben Sie durch die Formel-E-Erfahrung noch mal gelernt oder mitgenommen?
Ich habe hier das gefunden, was ich eigentlich am Motorsport von Anfang an geliebt habe. Das fing am Nürburgring an, bei der VLN damals. Und das war so: Jeder hilft jedem, jeder ist für jeden da, jeder kennt jeden. Und das Gleiche habe ich hier wiedergefunden. Das ist, wie ich vorhin sagte, so ein Family Business. Das hat mich wirklich sehr stark an die VLN von früher erinnert, wo die Teams nebeneinander standen: „Kannst du mir mal einen Dreizehner-Schlüssel leihen? Meiner ist gerade irgendwo in den Motor gefallen." Also das ist hier so, was es ganz speziell macht. Und man ist wirklich sehr nahe aufeinander. Man ist sehr oft im Austausch. Man ist oft auch in den gleichen Hotels mit den Teams. Das ist alles irgendwie anders als bei anderen Rennserien.
Haben Sie eine Lieblingserinnerung aus den vier Jahren?
Ja, das war auch sehr persönlich. Wir waren bei der Preview-Vorstellung vom Gen3 in Valencia. Ich war da mit meinem CEO und bin ins Hotel und dann noch raus in den Garten. Es war Spätherbst, das Wetter war noch schön. Ich habe dann noch was getrunken. Dann kam die Führungsebene der Formel E rein und saß zwei Tische neben mir. Und nach zwei Minuten kam Alberto Longo (Formel-E-Mitgründer; d. Red.) zu mir rüber, nimmt mich am Arm und sagt: „Manfred, du kommst mit zu unserem Tisch, du bist Teil der Familie."
Und das gibt wieder, was ich vorher gesagt habe, warum ich das alles so empfinde. Und das war damals noch bevor alles losging, eine Art Initialzündung. Und das hat sich durchgezogen bis heute. Es hat sich nichts geändert an der ganzen Situation. Es ist immer das Gleiche: Man ist Teil der Familie.
Was würden Sie der Formel E zum Abschluss wünschen?
Dass sie mit dem neuen Auto den Wurf hinkriegen, den sie sich vorgestellt haben. Dass sie weiter wachsen werden und ihre internen Wünsche, Vorstellungen umsetzen. Und dass der Normalsterbliche draußen die Formel E auch so wahrnimmt, als das, was sie ist: Eine Rennserie auf extrem hohem Niveau mit extrem schnellen Fahrzeugen, mit sehr guten Fahrern. Das wünsche ich mir, dass es im Markt draußen mehr wahrgenommen wird und honoriert wird.


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