Es ist Dezember 2024: Nach Jahren der immer weiter abnehmenden Anzahl deutscher Fahrer in der Formel E gibt es Anlass zur Freude. Mit David Beckmann schafft ein deutsches Talent nach zwei Gaststarts im Jahr 2023 den Aufstieg zum Stammfahrer beim Porsche-Kundenteam Kiro. Sieben Monate später kämpft Beckmann um seine Zukunft in der Elektroweltmeisterschaft.

Der Grund für Beckmanns schwierige Position sitzt im Schwesterauto: Während zu Saisonbeginn noch beide Kiro-Piloten damit kämpften, in die Punkte zu fahren, steigerte sich Dan Ticktum im Saisonverlauf deutlich. Beim Double-Header in Tokio stand er zum ersten Mal in seiner Karriere auf dem Podium, zuletzt in Jakarta gewann der ehemalige Williams-Junior sogar seinen ersten ePrix. Beckmann blieb in der Zwischenzeit weiter punktlos. 80 Punkte und WM-Rang fünf für Ticktum stehen null Zählern und dem letzten WM-Rang 22 entgegen.

Beckmann gibt zu: Saison war nicht wie erhofft

Dieser auf dem Papier wenig schmeichelhaften Bilanz ist sich auch Beckmann bewusst. „Klar, die Saison war nicht so, wie man sich das vorgestellt hat“, so der 25-Jährige am Rande des Berlin ePrix im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. „Aber die letzten Gespräche mit dem Team waren relativ positiv. Es kommt jetzt wahrscheinlich auf die letzten zwei Rennen (Events; d. Red.) an.“ Die Formel E absolviert in dieser Saison noch zwei Double-Header an diesem Wochenende in Berlin und beim Saisonfinale in London (26./27. Juli).

“Am Ende muss man im Motorsport wie in jedem anderen Sport abliefern“, weiß auch Beckmann. „Und wenn man am Ende nicht abgeliefert hat, ist es dann natürlich immer eine Entscheidung des Team, ob man einen Fahrer hat, der vielleicht besser ist.“ Zugleich wirbt Beckmann im Kontext seiner Rookie-Saison aber auch für Verständnis für die Performance-Lücke: „Dan (Ticktum; d. Red.) fährt mittlerweile vier Jahre. Die ersten Rennen waren auch bei ihm nicht gut, seine erste Formel-E-Saison.“

Dan Ticktum nach seinem Sieg bei der Formel E in Jakarta
Dan Ticktum gewann in Jakarta sein erstes Formel-E-Rennen, Foto: IMAGO / Xinhua

Formel E: Die schwierige Aufgabe für Rookies

Damals fuhr Ticktum an der Seite von Routinier Oliver Turvey im hoffnungslos unterlegenen NIO und verlor das Teamduell mit 1:6 Punkten. Das grundlegende Problem für Rookies in der als Spezialisten-Rennserie geltende Formel E ist nicht neu. Mit Zane Maloney hat bei Lola Yamaha Abt auch der einzige andere Vollzeit-Rookie in diesem Jahr Probleme und steht als einziger anderer Pilot noch ohne Punkt da, während Teamkollege Lucas Di Grassi 30 Zähler einfuhr.

Zugleich zeigten in der jüngeren Vergangenheit andere Piloten auch, wie es anders gehen kann. McLaren-Pilot Taylor Barnard etwa fuhr im vergangenen Jahr in zwei von drei Starts in die Punkte, als er den verletzten Sam Bird vertrat und schlug in jedem dieser Rennen seinen Teamkollegen Jake Hughes. Als Stammfahrer in diesem Jahr holte Barnard in seiner ersten vollen Formel-E-Saison bereits fünf Podestplätze und zwei Pole Positions. In der Fahrer-WM liegt er mit 92:31 Punkten deutlich vor Routinier Bird.

“In der Formel E braucht es immer ein bisschen Zeit“, meint Beckmann dennoch. „Das soll keine Ausrede sein, als Rookie kann man auch vorne mitfahren, wie Barnard gezeigt hat. Aber es gehört schon ein bisschen Glück dazu und oftmals auch eine sehr gute Qualifying-Position, welche dir einfach weiterhilft. Denn wenn du in den Top-5 startest, hilft dir das enorm aus dem ganzen Chaos rauszubleiben.“

Cupra-Pilot David Beckmann in der Box
Beckmann konnte bislang keine Punkte holen, Foto: IMAGO / Andreas Beil

Beckmann erklärt: Diesen Vorteil hat Dan Ticktum

Beckmann gelang bislang zweimal der Einzug in die Duellphase, die Top-8 des Qualifyings, ein Start aus den Top-5 blieb ihm bislang verwehrt. Ticktum konnte fünfmal in die Duelle einziehen, davon drei Starts aus den Top-5. „Dan hat wahrscheinlich auch viel weniger Fehler gemacht“, gesteht Beckmann ein. „Aber er ist schon vier Jahre hier, kennt die meisten Strecken. Gleiches gilt für die Ingenieure, die sind auch alle schon die ganze Zeit hier. Das läuft dann natürlich alles ein bisschen glatter.“

Gerade die für ihn unbekannten Strecken bereiteten Beckmann im Saisonverlauf immer wieder Probleme, so der Mann aus Iserlohn weiter: „Im FP1 lerne ich dann erstmal nur die Strecke richtig und kann mich erst im FP2 wirklich verbessern und am Setup arbeiten. Dan hat im Rennen sehr viel Erfahrung, besonders wenn er von hinten startet. Er weiß dann ganz genau, wie er seine Energie einspart, weil er die letzten Rennen meistens immer hinten war und das Beste daraus gemacht hat.“

Cupra-Aufschwung in der Saison 2025 – Beckmann: Auch mein Verdienst

Auch unabhängig vom Sportlichen glaubt Beckmann zudem an seinen Wert für das Team. „In den ersten drei Rennen hatten wir nicht das Auto für den Kampf um Punkte, weder Dan noch ich. Wir haben das Auto in eine relativ gute Position gebracht. Ich denke, das ist auch mein Verdienst“, meint Beckmann.

Zudem helfe auch seine Verbindung zu Porsche. Beckmann ist weiterhin bei den Zuffenhausenern als Reserve- und Entwicklungsfahrer angestellt. Cupra-Kiro setzt seit dem Einstieg neuer Investoren über den Winter seit dieser Saison nicht mehr auf einen selbstentwickelten Antrieb, sondern auf modifizierte Porsche-Antriebe aus dem Vorjahr.

“Wir haben in der Vergangenheit mit Andretti gesehen, wie die abgeliefert haben. Als sie nicht mehr so eng mit Porsche zusammengearbeitet haben, war es nicht mehr so einfach“, hebt Beckmann seine Porsche-Verbindung hervor. Andretti gewann 2023 als Porsche-Kundenteam mit Jake Dennis die Fahrer-WM. Seitdem ging es stetig bergab. 2024 folgte nur noch ein Sieg, in diesem Jahr steht sogar nur ein einziges Podium auf dem Konto des US-amerikanischen Teams.

Beckmann gibt Zukunft nicht auf: Muss jetzt noch abliefern

Klar ist aber: Im letzten Jahr liefen die Vertragsverhandlungen mit Kiro nicht über Porsche, über die zwar der Kontakt zustande kam, sondern direkt mit Teamchef Alex Hui, erklärt Beckmann. Zugleich hat er im verbalen Kampf um sein Cockpit auch noch einen passenden Verweis zur Formel 1 parat: „Der Austausch von Fahrern ist nicht immer positiv. Das haben wir in letzter Zeit bei Red Bull gesehen.“

David Beckmann im Cupra
Beim Heimrennen in Berlin soll es endlich mit den Top-10 klappen, Foto: IMAGO / PsnewZ

Die Hoffnung auf eine weitere Zukunft in der Formel E hat Beckmann somit klar noch nicht aufgegeben. „Verträge werden meistens erst im Herbst unterschrieben. Von daher haben wir immer noch die Möglichkeit, wenn ich jetzt noch gut abliefere, dass wir auch die zwölfte Saison in der Formel E bestreiten können.“

Auch rund um das Porsche-Werksteam gab es in den vergangenen Wochen einige Gespräche im Paddock bezüglich der Fahrer für 2026. Dabei machte auch der Name von Beckmann-Teamkollege Ticktum die Runde. Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com wird der Brite zumindest nächstes Jahr aber nicht zu Porsche wechseln. Alle Details lest Ihr hier: