Die Formel E hat mit der diesjährigen Einführung des Gen3-Evo-Rennwagens auch neue Allwetter-Reifen gefordert, die mehr Performance im Trockenen bieten. Wie lief dieser Prozess seitens Hankook ab?
Manfred Sandbichler: Die Reifenentwicklung bei uns folgt einem standardisierten Ablauf. Im Motorsport ist es immer so: Sobald ein Reifen fertig ist, beginnt bereits die Entwicklung von Nachfolgeprodukten. Die Formel E hat im Gegensatz zu allen anderen Rennserien von Beginn an ein spezielles Konzept verfolgt - mit einem Alleskönner-Reifen, der bei sämtlichen Bedingungen funktionieren muss. Das ist eine große Herausforderung, denn der Reifen muss eine Vielzahl an Anforderungen gleichzeitig erfüllen. Vor dieser Saison wurde das Anforderungsprofil verändert. Die Formel E wollte eine stärkere Performance im Trockenen. Also haben wir unser Entwicklungskonzept umgestellt und uns stärker auf trockene Bedingungen fokussiert. Das war allerdings keine grundlegende Neuentwicklung, sondern eine Weiterentwicklung auf einer bestehenden Basis.

Die neuen Reifen haben im Gesamtbild tatsächlich auf vielen Rennstrecken zu schnelleren Rundenzeiten geführt. Bei nassen Bedingungen ist das Rennfahren hingegen schwieriger geworden. Wie ist das zu verstehen?
Manfred Sandbichler: Kompromisse sind in der Reifentechnologie unausweichlich - das ist reine Physik. Wenn ich nur einen Reifen zur Verfügung habe, der sowohl bei Trockenheit als auch bei Nässe funktionieren muss, ist das immer ein Balanceakt. Es ist schlichtweg nicht dieselbe Bandbreite gegeben wie bei getrennten Slick- und Regenreifen. Die Anforderung der Formel E war eindeutig: mehr Grip im Trockenen. Dem sind wir nachgekommen und haben dort die Performance gesteigert. Slicks und Regenreifen unterscheiden sich fundamental - sowohl in der Konstruktion als auch in der Gummimischung. Unser aktueller Reifen ist auf Trockenhaftung ausgelegt und kann daher naturgemäß nicht so viel Wasser verdrängen wie ein spezieller Regenreifen.
Beim Formel-E-Rennen in Monaco waren die Rundenzeiten 3,5 Sekunden schneller als im Vorjahr. Welchen Anteil haben die Reifen daran?
Manfred Sandbichler: Das ist schwer exakt zu beziffern. Je nach Strecke tragen unsere Reifen zwischen 1,5 und 2 Sekunden zu den schnelleren Rundenzeiten bei. Natürlich spielen auch der Allradantrieb und die höhere Leistung der neuen Fahrzeuge eine Rolle. Entscheidend ist für uns das Gesamtbild: Wir wollen eine gute Show liefern, die Zuschauer begeistern und packenden Rennsport bieten.

Wie reagieren die Formel-E-Fahrer auf die neuen Reifen?
Manfred Sandbichler: Natürlich wird man nie alle Fahrer zu 100 Prozent zufriedenstellen können - das gehört zum Motorsport dazu. Wenn je ein Fahrer zu mir kommen sollte, mir auf die Schulter klopft und sagt: "Das war der beste Reifen meines Lebens", dann wäre für mich der Zeitpunkt gekommen zu gehen! Im Motorsport geht es immer um Performance und darum, die Grenzen weiter zu verschieben. Das ist unsere Leidenschaft, unser Antrieb. Gleichzeitig hat für uns als Reifenhersteller die Sicherheit immer oberste Priorität. Und da können wir sagen: In der Formel E gab es bislang keinen Reifenschaden, der auf Hankook zurückzuführen war.
Stand es vor der Saison zur Diskussion, sowohl einen Slick- als auch einen Regenreifen zu entwickeln? Die Allwetterreifen scheinen für die Verantwortlichen der Formel E seit dem Seriendebüt 2014/15 so etwas wie der 'Heilige Gral' zu sein...
Manfred Sandbichler: Nein. Die Entscheidung für das Gen3-Evo-Auto war von Anfang an klar - und damit auch die Vorgabe für einen einzigen Allwetterreifen. Als technischer Dienstleister geben wir natürlich unseren Input, aber am Ende richten wir uns nach den Vorgaben der Rennserie. Und an die haben wir uns gehalten.

Was sind aus Sicht von Hankook die herausforderndsten Strecken im Rennkalender?
Manfred Sandbichler: Ein gutes Beispiel ist Homestead - der Asphalt dort ist extrem rau. Das war für die Reifen schon eine besondere Belastung, aber am Ende des Tages spielt das für uns keine große Rolle. Unsere Reifen wurden nicht primär für permanente Rennstrecken entwickelt, sondern für Straßenkurse. Auf einem Rundkurs hast du meistens einen gleichmäßigen Belag - in Monaco dagegen gibt es sieben, acht unterschiedliche Asphaltarten, in Sao Paulo haben wir überlackierte Betonflächen und in London fühlt sich der Boden in der überdachten Halle an wie 'Schmirgelpapier'. Gerade diese Vielfalt macht die Formel E so spannend: Du weißt nie genau, was dich erwartet. Bei neuen Strecken ist erst beim Track Walk für alle Beteiligten wirklich klar, welche Bedingungen herrschen.
An diesem Wochenende gastiert die Formel E in Berlin. Was erwarten Sie aus Sicht von Hankook?
Manfred Sandbichler: Berlin war für uns in der Vergangenheit stets ein gutes Pflaster. Die Strecke bietet ein hohes Gripniveau - was man auf den ersten Blick gar nicht erwartet. Auch bei Regen funktioniert sie erstaunlich gut. Sollte es trocken bleiben, werden wir mit dem neuen Reifen nochmals schnellere Rundenzeiten sehen.

Was hat Hankook aus der Formel E bisher für die Serienentwicklung gelernt?
Manfred Sandbichler: Wir lernen hier in der Formel E vieles für den Straßenverkehr. Der Hankook iON war eine gute Ausgangsbasis für unseren Formel-E-Rennreifen. Durch die verschiedenen Entwicklungsstufen gewinnen wir wichtige Erkenntnisse - etwa über Materialien, Gummimischungen oder Temperaturverläufe -, die wir direkt an die Serienentwicklung und Erstausrüstung zurückgeben können. Das ist im besten Sinne eine Win-Win-Situation. Motorsport bleibt ein rollendes Entwicklungslabor, in dem wir langfristig lernen und direkte Rückschlüsse für unsere Straßenreifen ziehen können.



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