Pascal Wehrlein gegen Jake Dennis: So lautet das Duell um den Formel-E-Weltmeistertitel 2026. Die beiden Piloten trennen nach Wehrleins Sieg am Samstag in London nur fünf Punkte. Jaguar-Werksfahrer Mitch Evans hat mit 21 Zählern Rückstand nur noch Außenseiterchancen. „Ich muss Pascal morgen einfach nur schlagen. So einfach ist es“, gab Dennis nach dem Rennen gegenüber Motorsport-Magazin.com die Marschroute vor.

Als Schlüssel zum Erfolg dürfte dabei das Qualifying dienen. Nicht nur ist es im verwinkelten Kurs auf dem Gelände des Kongresszentrums London ExCeL für Formel-E-Verhältnisse notorisch schwierig zu überholen. Besonders reduziert ein Start von vorne bei den in der Vergangenheit oft wilden Finalrennen das Risiko, Opfer eines Zwischenfalls zu werden. „Das Energie sparen wird noch mehr“, prognostizierte Porsche-Teamchef Florian Modlinger im Gespräch mit MSM. „Das heißt, es kann noch zu mehr Chaos kommen.“

Qualifying: Schlüssel zum WM-Titel?

Es kommt hinzu, dass das morgige Rennen das letzte der Gen3-Ära ist, bevor ab der nächsten Saison die neuen Gen4-Autos übernehmen. Zahlreiche Teamchefs äußerten im Vorfeld Bedenken, dass dieser Umstand zu noch mehr Chaos führen könnte. „Die Fahrer wissen, dass die Autos danach nicht mehr verwendet werden und sie nicht unbedingt heil an die Garage zurückgebracht werden müssen“, meinte etwa Envision-Teamchef Sylvain Filippi. Deshalb ist auch für Wehrlein das Qualifying die unmittelbare Priorität. „Ich muss sicherstellen, dass ich mich irgendwo vorne qualifiziere“, so der 31-Jährige bei der Pressekonferenz nach dem Rennen.

Ein zudem nicht zu unterschätzender Faktor: Team-Taktiken, wie sie auch am Samstag schon stark in Erscheinung getreten waren. Im Qualifying gaben sich so etwa Dan Ticktum im Kundenporsche von Cupra Kiro und Wehrleins Teamkollege Nico Müller dem Deutschen kampflos geschlagen und verhalfen ihm so zur Pole Position. Im Rennen dann hielt Müller in der ersten Rennhälfte den Rest des Feldes hinter Wehrlein auf und verschaffte ihm so einen taktischen Vorteil.

Der Start zum London ePrix
Pascal Wehrlein dominierte in London vom Start weg, Foto: IMAGO / PsnewZ

Antonio Felix da Costa kritisiert Porsche: Kundenteams sind nicht unsere Teamkollegen

Diese Taktiken wurden nicht von allen im Fahrerlager gerne gesehen. Allen voran Evans-Teamkollege Antonio Felix da Costa, der Porsche zum Ende der vergangenen Saison nach internen Spannungen verlassen hatte, äußerte klare Kritik an seinem ehemaligen Arbeitgeber und sprach unter anderem von schmutzigen Spielchen. „Der Weg zur Pole war für Pascal heute sehr, sehr einfach“, so Felix da Costa zu Motorsport-Magazin.com.

Sauer stieß insbesondere auf, dass mit Ticktum nicht einmal ein Pilot aus dem Werksteam den Weg für Wehrlein freimachte, sondern aus einem Kundenteam. „Es gibt Gespräche in der Formel E, das in Zukunft zwischen Kundenteams nicht mehr zu erlauben“, berichtete Felix da Costa, dessen Jaguar-Mannschaft selbst das Envision-Team mit Antriebssträngen versorgt. „Wir stellen ihnen Antriebsstränge zur Verfügung, aber das macht sie nicht zu unseren Teamkollegen“, fordert der Formel-E-Champion von 2020.

Porsche-Teamchef Florian Modlinger weist Einmischung zurück: Teams und Fahrer entscheiden für sich selbst

“Wenn man ein bisschen tiefer im Fahrerlager nachbohrt und auf Ticktums Situation schaut, merkt man vielleicht, warum man es gemacht hat“, so Felix da Costa weiter. Dies ist tatsächlich aber nicht einmal notwendig, da Ticktum selbst daraus direkt nach dem Qualifying kein Geheimnis machte. „Es ist lustig, weil ich für nächstes Jahr noch kein Cockpit habe“, so der Brite, der um seine Zukunft in der Elektro-Rennserie kämpft. Modlinger hingegen wies eine direkte Einmischung von Porsche ins Kiro-Kundenteam zumindest etwas in ihre Schranken: „Natürlich entscheidet jedes Team und jeder Fahrer im Endeffekt für sich selbst.“

Wehrleins verbliebener Rivale Dennis nahm die Porsche-Aktionen derweil ohnehin gelassener: „Es gibt nichts wirklich, was wir dagegen tun können. Es ist nicht schön zu sehen, aber würde ich von ihnen das Gleiche erwarten, wenn ich in Pascals Position wäre? Wahrscheinlich schon.“ Auch für Dennis‘ Andretti-Team ist es insofern eine ungewöhnliche Situation, als dass die US-Amerikaner nicht nur gegen einen Piloten des eigenen Werksteams um den Fahrertitel kämpfen, sondern sich ebenso nach dem Saisonfinale von Porsche trennen. Andretti wird zur Gen4-Ära Kundenteam von Nissan.

Jake Dennis zementiert Underdog-Status: Hersteller mit verrückt vielen Ressourcen

Ein Sieg gegen das Werksteam würde daher noch einmal den Status von Andretti als eines der besten Kundenteams in der Formel E zementieren. „Die Anzahl an Tests, die Entwicklung, das Geld, die Ressourcen: Was die Hersteller hineinstecken, ist im Vergleich zu uns verrückt“, rechnete Dennis vor. „Dass wir noch hier sind und gegen diese Jungs beim letzten Rennen kämpfen, ist wirklich beeindruckend von dem Team und mir selbst.“

Ein schlechtes Ende für die Beziehung mit Andretti aufgrund des Titelkampfes erwartete zumindest Modlinger deswegen aber nicht. „Ich wünsche mir ganz klar, dass man es morgen fair auf der Strecke ohne irgendwelche Spielchen gegeneinander austragen kann“, so der Porsche-Boss. Den Vorwurf von Spielchen gegen Porsche selbst am Samstag wollte Modlinger dabei genau deshalb auch nicht so stehen lassen. „Wir haben schon viel extremere Beispiele gesehen, was in der Formel E passiert ist“, argumentierte der 45-Jährige. „Ich glaube, wir haben das in einem sehr vernünftigen Rahmen gemacht.“

Modlinger warnt vor Außenseiter Mitch Evans

Die strategischen Überlegungen Porsches für den Sonntag werden zusätzlich dadurch verkompliziert, dass die Zuffenhausener gleich in zwei Wertungen noch um den Titel kämpfen. Denn in der Team-WM ist Porsche wiederum mit fünf Zählern Rückstand auf das Jaguar-Werksteam in der Verfolgerposition. „Wir müssen im Endeffekt auf beide achten“, meinte Modlinger. „Das Wichtigste ist erstmal, dass ein Fahrer in einem unserer Fahrzeuge Weltmeister wird. Und da haben wir mit Jake Dennis und Pascal zwei heiße Eisen im Feuer.“

Bei allen taktischen Überlegungen des Werksteams zugunsten von Wehrlein sollte zudem auch nicht die noch geringe Chance von Jaguar-Pilot Evans in der Fahrer-WM außer Acht gelassen werden, warnte Modlinger: „Wir dürfen uns nicht nur aufeinander konzentrieren. Nicht, dass noch ein Evans durchrutscht. Die oberste Priorität ist also erstmal, dass ein Fahrer mit Porsche-Antrieb Fahrerweltmeister wird.“

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