Pascal Wehrlein und das London ExCeL: Das hat in der Vergangenheit gepasst. 2024 holte der Porsche-Werksfahrer auf dem wilden Kurs mit einem Mix aus Indoor- und Outdoor-Elementen seinen lang ersehnten ersten Weltmeister-Titel. Zwei Jahre später ist der ehemalige Formel-1-Pilot nun wieder beim finalen Rennwochenende mitten im Titelkampf – und das beim letzten Auftritt des ExCeL als ePrix-Austragungsort bevor im nächsten Jahr Brands Hatch zur neuen Großbritannien-Heimat der Formel E wird.

Die Ausgangslage ist dabei jedoch durchaus anders gelegen als vor zwei Jahren. 2024 war der Titelkampf in London klar auf Wehrlein sowie das Jaguar-Duo Mitch Evans und Nick Cassidy zugespitzt. In diesem Jahr liegen hingegen vier Piloten aus vier unterschiedlichen Teams innerhalb von 14 Punkten, darunter Wehrleins langjähriger Rivale und WM-Führender Jake Dennis – ausgerechnet von Porsche-Kundenteam Andretti, das zur neuen Saison auf Nissan-Antriebe umsteigt.

Schwieriger macht das die Situation laut Wehrlein aber nicht – im Gegenteil. „Vor zwei Jahren war es schwieriger. Wir hatten zwei Fahrer vom gleichen Team, die beide vor mir gestartet sind“, so Wehrlein in London auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com. „Die Umstände beim Start in beide Rennen waren nicht perfekt. Aber wir haben es trotzdem geschafft.“

“Vor zwei Jahren war er zwölf Punkte hinten“, stimmt auch Porsche-Teamchef Florian Modlinger gegenüber Motorsport-Magazin.com mit ein. „Jetzt sind es nur fünf Punkte. Das heißt, dass er es komplett in den eigenen Händen hat. Wenn er vor der Konkurrenz ins Ziel kommt, wird er Weltmeister.“ Einen kleinen Teil dieses Rückstands konnte Wehrlein außerdem bereits wettmachen. Nach seiner Pole im Qualifying hat er vor dem vorletzten Saisonrennen (heute live ab 16:00 Uhr) sogar nur noch zwei Zähler Rückstand auf Dennis. Alle Infos zum Qualifying könnt Ihr hier nachlesen:

Nicht nur die sportliche Ausgangslage ist anders als 2024. Auch mental macht die Tatsache, dass Wehrlein bereits einen Titel gewinnen konnte, das Unterfangen zumindest etwas unkomplizierter. „Ich bin überhaupt nicht nervös. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich beweisen muss, dass ich es kann“, meint Wehrlein. „Ich habe keinerlei Zweifel oder das Gefühl, dass es meine letzte Chance ist. Die letzten vier Jahre waren wir immer fast bis ganz zum Schluss im WM-Kampf.“

Modlinger stimmt seinem Piloten zu: „Der größte Unterschied zu vor zwei Jahren ist, dass er entspannter und cooler ist, weil er schon einmal bewiesen hat, dass er es kann.“ Zugleich stellt Wehrlein aber klar: Die Motivation hat durch den Titel 2024 keinesfalls abgenommen. „Ich will gewinnen“, so der 31-Jährige. „Ich will mehr Titel und Trophäen zu meiner Karriere hinzufügen.

Verlassen kann sich Wehrlein bei dieser Mission auch auf seinen Teamkollegen Nico Müller. Der Schweizer, der vor der Saison von Andretti zu Porsche gewechselt war, hat zwar selbst noch rechnerische Titelchancen, stellt sich aber voll in den Dienst seines Teamkollegen. „Ich leiste meinen Beitrag hauptsächlich zur Team-Meisterschaft, wo wir immer noch versuchen, es Jaguar wegzuschnappen“, erklärt Müller Motorsport-Magazin.com. „Wenn Pascal in einer guten Position ist und wir nahe beieinander liegen, werde ich ihm definitiv nicht im Weg stehen.“

Nico Müller bei der Formel E in Tokio
Nico Müller stellt sich in London in den Dienst des Teams, Foto: IMAGO / PsnewZ

Dieser Ansatz zeigte sich dann auch sogleich im Qualifying. Auf dem Weg zur Porsche-Doppelpole verlangsamte Müller im Finale der Duell-Phase zugunsten seines Teamkollegen. Nicht nur deshalb blickt auch Modlinger zufrieden auf Müllers erste Porsche-Saison. „Er hat gezeigt, was er imstande ist zu erreichen“, so der Porsche-Boss. „Mit seinen gesammelten Punkten sind wir immer noch im Kampf um die Team-Meisterschaft. Er hat seinen ersten Sieg geholt, alle diese Kästchen sind abgehakt worden. Und darauf können wir nächstes Jahr aufbauen.“

Auch mit Team-Zusammenarbeit wird der Titelgewinn jedoch alles andere als einfach. Der verwinkelte ExCeL-Kurs bietet immer wieder Raum für Chaos. Und das in diesem Jahr besonders, da die Gen3-Autos ihre finale Vorstellung geben. „Die Fahrer wissen, dass die Autos danach nicht mehr verwendet werden und sie nicht unbedingt heil an die Garage zurückgebracht werden müssen“, warnte Envision-Teamchef Sylvain Filippi am Freitag in einer Pressekonferenz, an der auch Motorsport-Magazin.com teilnahm, vor turbulenten Rennen.

Unabhängig vom Ausgang steht jedoch fest, dass Porsche auf eine überaus erfolgreiche Gen3-Ära blickt – zumal der Hersteller-Titel bereits am vorletzten Rennwochenende in Tokio unter Dach und Fach gebracht werden konnte. Auf Dennis‘ Titel im Kundenauto 2023 folgte 2024 der Titelgewinn mit Wehrlein und im Vorjahr der lang ersehnte Triumph in der Team- und Hersteller-Meisterschaft. „Der Porsche war das erfolgreichste Auto der Gen3-Ära“, betont auch Modlinger. „Aber dennoch: Wir werden bis zum Schluss darum kämpfen, noch ein oder zwei Trophäen mehr zu holen.“

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Beim Kampf um die Titel tritt Porsche in London mit einer Sonderlackierung an. In blau-weißen Farben honorieren die Zuffenhausener dabei unterschiedliche Porsche-Boliden der 80er Jahre – darunter der Porsche 959, der 1986 die Rallye Paris-Dakar für sich entschied. Alle Details erfahrt Ihr hier: