George Russell ist endlich wieder in seiner alten Form und war im Qualifying in Barcelona von niemandem zu schlagen, auch nicht von einem überraschend starken Lewis Hamilton im Ferrari. Doch von der Pole Position kann man sich in Barcelona an diesem Wochenende nicht viel kaufen. Die Rennstrecke, die historisch als überholfeindlich galt, winkt mit F1-Strategie auf Steroiden. Track Position ist also auf dem Papier nur nebensächlich, und das ganz unabhängig davon, dass mit der neuen Regelgeneration Überholmanöver dank der Deployment-Differenzen ohnehin deutlich einfacher zu sein versprechen.
+++ Der Liveticker vor dem Rennen in Barcelona +++
Pirelli brachte in Barcelona die C2- bis C4-Mischungen an die Strecke und ging damit eine Stufe weicher als im Vorjahr. Dabei verfügt der Circuit de Barcelona-Catalunya über den zweitrauesten Belag im Formel-1-Kalender, nur die Käsereibe von Bahrain ist in dieser Hinsicht noch schlimmer. Das ist so gewollt, um interessante Strategien zu konstruieren. Das scheint aller Voraussicht nach zu gelingen. Im Paddock geht die Angst vor der großen Reifenschlacht um.
Gibt es die Reifenschlacht von Barcelona?
Schon nach den Longruns am Freitag war die Rede davon, dass die Reifen circa drei Zehntelsekunden pro Runde an Performance verlieren. Lewis Hamilton sprach davon, dass der Reifenverschleiß doppelt so hoch sei, wie man bei Ferrari erwartet hatte. Zu der weicheren Reifenwahl tragen dabei natürlich auch die hohen Temperaturen ihren Teil dazu bei, dass die Gummis so schnell eingehen, wie bislang in dieser Saison noch nirgends.
In der katalanischen Sonne wurden am Freitag und Samstag schon Werte von bis zu 30 Grad Celsius gemessen. Auf der Streckenoberfläche führte das zu Temperaturen jenseits der 50 Grad. Für den Rennsonntag werden bei wolkenlosem Himmel 31 Grad prognostiziert. Was das für die Strecke bedeutet, kann man sich denken.
An eine 1-Stopp-Strategie ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Die Rede ist eher von zwei bis drei Stopps, auch das natürlich mit einem gewissen Maß an Reifenmanagement. Pirelli erklärte, dass diese beiden Varianten in der Theorie ähnlich schnell sind. Kalkuliert man den Faktor Verkehr mit ein, sollte eine 2-Stopp die bevorzugte Variante sein.
McLaren will nicht Favorit sein: Kein Reifenflüsterer mehr?
Rennen mit hohem Reifenverschleiß, das war in der Vergangenheit das große Metier von McLaren. Dass die Papayas in der bisherigen Saison mehrmals Probleme damit hatten, ihre Pneus auf Temperatur zu bekommen, sprach ebenfalls dafür, dass der MCL40 das Charakteristikum, dass er auf die Reifen gut aufpasst, in die neue Generation übernommen hätte. Doch Teamchef Andrea Stella winkte ab: "Im Moment sind wir nicht so konkurrenzfähig, wie wir es 2025 waren, wenn es um das Reifenmanagement und den Reifenverschleiß geht."
Wie viel dabei nur Tiefstapelei ist, wird sich am Rennsonntag zeigen. Die Favoritenrolle übergibt auch Lando Norris gerne an Mercedes, indem er nach dem Qualifying auf seinen Rückstand von über drei Zehnteln verwies. Das führte er auf mehr Grip und eine bessere Balance am Mercedes zurück. Die Longruns vom Freitag geben ihm recht, dort hinterließen Antonelli und Russell einen starken Eindruck.
Sowohl auf den Mediums als auch auf den Softs fuhr niemand schnellere Longruns. Russell nahm die Vorlage der Konkurrenz in der Pressekonferenz nach den Formel-1-Qualifying gerne an: "Ich denke, wir haben ein richtig starkes Auto und wir haben am Freitag eine großartige Pace gezeigt." Doch er sprach auch eine Warnung aus. Nicht nur vor Andrea Kimi Antonelli, der direkt hinter ihm ins Rennen geht und seine großen Hoffnungen auf den Windschatten im 565 Meter langen Run bis zur ersten Bremszone legt.
Upgrade-Ferrari macht sogar Mercedes Angst
Der große Spaßverderber für die Mercedes-Party in Barcelona könnte Lewis Hamilton sein. Der in vielen Bereichen mit Upgrades ausgestattete Ferrari wird einhellig am Samstag als signifikanter Schritt nach vorne gefeiert. Am Freitag befand er sich in der Zeitentabelle noch im Nirgendwo, aber schon die Longruns am Abend ließen Hoffnung aufkeimen. Leclercs Longrun auf Mediums war auf Augenhöhe mit Russell auf denselben, Hamilton etwas dahinter.
Zwischen dem Abschlusstraining und dem Qualifying machte zumindest auf eine Runde kein Team einen so großen Sprung nach vorne wie die Herren in Rot, wodurch Hamilton nur knapp an der Polezeit von Russell scheiterte. Charles Leclerc muss man in der gegenwärtigen Gleichung in Bezug auf das Rennen wohl rausnehmen. Der Monegasse crashte zu Beginn von Q3 selbstverschuldet, geht nur von P10 ins Rennen und es ist unklar, wie viele der neuen Teile den Crash überlebt haben oder als Ersatz vorhanden sind.
Was den SF-26 in Barcelona auszeichnet, ist, dass er in allen Kurventypen gut funktioniert. In den mittelschnellen Kurven ist er sogar das schnellste Auto. Der markanteste Nachteil zeigt sich aber auf der Geraden, wo der Mercedes-Motor den Unterschied macht. Hamilton hat Blut geleckt, dass sein erster Ferrari-Sieg möglich ist, aber auch er weiß über die Schwachstellen seines Boliden: "Es sieht so aus, als ob wir an diesem Wochenende ein bisschen näher dran sind als normal […]. Uns fehlt aber natürlich etwas Power oder Deployment."
Max Verstappen mit dem Reifen-Joker
Zunächst einmal: Vor allem Mercedes und sekundär auch Ferrari in Form von Hamilton gehen als große Favoriten ins Rennen. Red Bull Racing war bisher am gesamten Wochenende einen Schritt dahinter, aber im Qualifying dann doch besser dabei als die pessimistischen Ansagen von Max Verstappen einen Tag zuvor vermuten gelassen hätten.
Der Niederländer hat aber einen großen Vorteil für den Rennverlauf: Er fuhr als einziger Fahrer überhaupt im FP2 am Freitag die harten Reifen und kennt diese schon für das Rennen. Respektive, er weiß, dass diese nichts taugen. Denn sein Feedback fiel vernichtend aus. Viele Rutschphasen und ein allgemeiner Grip-Mangel stießen ihm sauer auf. Pirelli hatte schon vor dem Wochenende damit kalkuliert, dass solch ein unstetes Gripniveau auf dem C2-Reifen auftreten könnte.
Die Mediums und die Softs wiesen ein wesentlich konstanteres Griplevel auf, wobei sich trotzdem kein wirklich bevorzugter Reifen abzeichnete. Abgesehen von Verstappen sparten sich aber alle ihre beiden Sätze Hard für das Rennen auf. Die potenziell längere Betriebsdauer wirkt dem Performance-Defizit gegenüber dann doch zu verlockend, um ihn bei der Hitzeschlacht auf Vorrat zu halten.



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