Von George Russells Favoritenrolle auf die Formel 1 WM 2026 ist nach nur sechs Rennen nichts mehr übrig. Das Rennen in Monaco markierte für den Mercedes-Fahrer am vergangenen Sonntag einen absoluten Tiefpunkt. In der Gesamtwertung hat er den Anschluss an WM-Leader Kimi Antonelli final verloren, nicht einmal mehr Platz zwei steht für ihn zubuche. F1-Experte Christian Danner zählt den früheren Teamleader der Silberpfeile an.
"Natürlich ist Toto Wolff ein Antonelli-Fan, weil den hat er schließlich selbst mit großem Aufwand aufgepeppt, erzogen und entwickelt - und mit was weiß ich wie vielen Millionen, die da hineingeflossen sind, in die Vorbereitung auf die Formel 1", besteht für Danner kein Zweifel daran, welchen seiner beiden Fahrer Mercedes-Teamchef Toto Wolff lieber als Formel-1-Weltmeister 2026 sehen würde.
Zum Saisonstart schien sich diese Frage nicht einmal zu stellen. Über den Winter gab es keine Zweifel am teaminternen Kräfteverhältnis. George Russell hatte im Vorjahr gegenüber Rookie Antonelli mit 319 zu 150 Punkten klar die Oberhand behalten. Der Brite gewann in Kanada und Singapur sogar zwei Rennen mit dem gegenüber McLaren und Red Bull zumeist klar unterlegenen Mercedes. Antonelli hingegen kämpfte zur Saisonmitte mit mentalen Problemen, kam mit dem Druck in der Königsklasse nicht klar.
Beim Auftakt 2026 in Melbourne schien sich diese Dynamik fortzusetzen. Antonelli crashte im FP3 heftig, während Russell mit einem Sieg an seine Leistungen aus dem Vorjahr anknüpfte und einen Saisonstart nach Maß hinlegte. Doch gleich darauf begann beim 28-Jährigen eine Abwärtsspirale, die sich in Monaco zuletzt dramatisch beschleunigte. Mit Antonelli konnte er vom ersten Training an nicht mithalten. Im Rennen kam er mit einer Strafe aus drei Untersuchungen zunächst noch mit zwei blauen Augen davon, doch der letzte verhängnisvolle Fehltritt brach ihm endgültig das Genick.
George Russell macht gegen Kimi Antonelli keinen Stich
Während Antonelli seinen fünften Sieg in Folge feierte und in der WM mittlerweile 66 Punkte vor Lewis Hamilton und 68 Punkte vor Russell liegt, ist Letzterer massiv angezählt. "Es ist immer noch relativ früh in der Saison. Aber man tendiert fast dazu, zu sagen "das war es eigentlich", weil er ja wirklich keinen Stich macht. Egal, wo sie fahren, er ist immer deutlich langsamer", zieht Danner eine düstere Bilanz.
Der sechsmalige Grand-Prix-Sieger gab sich in Monaco resigniert. Bereits nach dem Qualifying erklärte er, dass der Mercedes F1 W17 des Jahrgangs 2026 für ihn ein Buch mit sieben Siegeln sei. Das Auto passt nicht zum Fahrstil, mit dem er bei Mercedes seit 2022 erfolgreich auf Augenhöhe mit Lewis Hamilton gefahren war. "Das Auto kommt im Moment Antonelli zu 100 Prozent entgegen und Russell nur zu 90 oder 95, und das sind die Unterschiede", erklärt Danner.
In der Vergangenheit wurde einem Fahrer in der Formkrise gerne auch mal vom Team das Chassis gewechselt - ob mit technischem Hintergrund oder mit psychologischem, um das angeknackste Vertrauen durch die Maßnahme positiv zu beeinflussen. Danner sieht bei Mercedes derzeit beide Möglichkeiten als potenzielle Ursache für Russells anhaltenden Schwierigkeiten.
"Jetzt ist die Frage, ob das daran liegt, dass Antonelli ein "besseres Auto" hat, dass das Chassis besser ist oder irgendetwas anderes, oder es nur daran liegt, dass er anders fährt", sagt der 68-Jährige. "Deswegen verstehe ich Russell und beneide ihn weiß Gott nicht, denn da gibt es sehr viel für ihn zu tun. Die Analyse, der Griff an die eigene Nase und gleichzeitig auch ein bisschen Toto's Beziehung zu Antonelli, die hilft da auch nicht. Vertrauen ist in der Formel 1 immer noch ziemlich wichtig."
Formel-1-Wunderkind Kimi Antonelli verklärt statt verheizt
Mit Kimi Antonelli schien Toto Wolff bereits früh in dessen Förderung die Absicht zu verfolgen, seine persönliche Lewis-Hamilton-Story vom Kartsport bis in die F1 zu realisieren. Der 19-jährige Italiener wurde 2018 als Elfjähriger von Mercedes unter Vertrag genommen und startete daraufhin unter anderem für Nico Rosbergs Team Rosberg Racing Academy.
Die Formel 3 übersprang Antonelli, und als Wolff ihn 2025 nach nur einer Saison in der Formel 2 direkt zu Mercedes in die F1 holte, wagte der Österreicher einen noch extremeren Schritt, als ihn Red Bull einst mit Max Verstappen ging. Der Niederländer fuhr immerhin eine volle F1-Saison plus vier Rennen bei Toro Rosso, bevor ihn Dr. Helmut Marko 2016 mit Red Bull ins Haifischbecken der F1-Spitze warf.
Während Max Verstappen bei Red Bull mit einem Sieg im ersten Rennen gleich der Durchbruch gelang, befand sich Kimi Antonelli 2025 bereits auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Nach einem soliden Saisonstart brach der Youngster völlig ein, holte zwischenzeitlich nur ein zählbares Resultat aus neun Rennen. Doch Toto Wolff und sein Team fassten den strauchelnden Youngster in seiner Krise richtig an. Mit neuem Selbstvertrauen ist Kimi Antonelli 2026 wie ausgewechselt.
"Das ist doch einfach großartig. Ich meine, der Mann ist großartig", feiert Danner das Auftreten Antonellis, dessen Leistung in Monaco für ihn besonders hoch zu bewerten ist. "Der fährt da nonchalant auf einem sehr schwierigen Kurs fehlerfrei. Okay, er ist in Monaco auch oftmals quergestanden, relativ nah an die Wand gefahren, aber als er dann einmal vorne war, hat er das nach Hause geschaukelt, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Da muss man einfach den Hut vor ziehen und da ist ein junger Fahrer auf dem Weg, ein großer Fahrer zu werden."
George Russell bei Mercedes schon so gut wie Nummer zwei
Doch inwiefern wird Antonelli bei noch 16 ausstehenden Rennen auch den WM-Titel nach Hause schaukeln? Im Vorjahr entwickelte sich zwischen Lando Norris und Oscar Piastri bei McLaren eine Dynamik, welche die Psychologie in einem WM-Kampf unter dem Brennglas zur Schau stellte. Als Favorit war Norris der Erwartungshaltung nicht gewachsen und brach früh in der Saison mental ein, während Piastri als Außenseiter eine Erfolgsserie startete. Als klarer WM-Führender geriet der Australier dann selbst in die Favoritenrolle und scheiterte am Druck. Daraufhin fuhr ein von allen mentalen Lasten befreiter Norris zum WM-Titel.
Bei McLaren war dies möglich, weil sich das Team nie klar hinter einem Fahrer als WM-Anwärter positionierte. Schon 2024, als mit Norris nur einer der beiden Fahrer des Teams gegen Max Verstappen eine WM-Chance hatte, gab es keine Hierarchie und keine Unterstützung. "Ich könnte mir vorstellen, dass Mercedes das ganze Thema anders angeht als McLaren", so Danner, der nicht erwartet, dass Antonelli seine WM-Ambitionen bei Mercedes wird rechtfertigen müssen. "Ich glaube, dass Russell schon mit einem Fuß im Nummer-2-Status steht. Noch nicht ganz, aber ein bisschen schon."


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