Das aktuelle Reglement der Formel 1 muss konstant Kritik von Fans und Fahrern gleichermaßen einstecken. Selten war eine Motorformel so umstritten wie die aktuelle 50/50-Aufteilung zwischen Elektro-Antrieb und Verbrenner. Doch in Monaco spielt das keine Rolle. Der langsame Kurs und die unzähligen Bremszonen bieten genügend Auflademöglichkeiten und machen das Energie-Management praktisch bedeutungslos. Das merken auch die Fahrer – und die größten Kritiker werden plötzlich zu Genießern.
"Ich habe mich im Auto endlich wieder wie ich selbst gefühlt", schwärmte Max Verstappen nach dem Qualifying, bei dem er die Pole Position nur knapp verpasste. Der Red-Bull-Pilot ist der lautstärkste Feind der neuen Hybrid-Motoren. Er ist so abgeneigt von der derzeitigen Formel 1, dass er seinen Verbleib in der Königsklasse von einer Änderung des Reglements für 2027 abhängig macht. Am Samstag in Monaco sagte Verstappen wohl das erste Mal etwas wirklich Nettes über die neuen Autos.
Dabei muss aber erwähnt werden, dass der Niederländer nie etwas gegen die Autos an sich hatte, und das auch schon öfter betonte. "Ich finde das Chassis-Reglement gar nicht schlecht. Ich finde es gut, dass die Autos etwas schmäler und kleiner sind. Ich mag auch die Sicht auf die Frontachse in den Scheitelpunkten mehr, ohne die kleinen Flügel über den Reifen wie früher", wiederholte der vierfache Weltmeister in Monaco.
Verstappen liebt Monaco-Freiheit ohne Energie-Management: Einfach nur Vollgas!
Verstappen ist eigentlich nur unzufrieden mit den Hybrid-Motoren und dem damit einhergehenden exzessiven sowie komplexen Energie-Management. Da es in Monaco aber keine lange – oder besser gesagt so gut wie keine – Gerade gibt, auf der die Batterie bis zum Ende leergezogen werden könnte, müssen die F1-Fahrer zum ersten Mal in diesem Jahr nicht auf ihren Energie-Stand achten. Das heißt: kein Superclipping und kein extremes Zurückschalten in den Kurven, um die Drehzahl hochzuhalten und mehr Energie zu rekuperieren. Einfach freie Fahrt.
"Du kannst einfach nur Vollgas geben und die Gänge wählen, die du in den Kurven nehmen möchtest. Das ist natürlich immer besser", erklärte Verstappen die Freiheiten. "Leider haben wir diese Möglichkeit nicht an vielen Orten im Kalender. Das macht das Fahren viel natürlicher."
WM-Leader und Pole-Setter Kimi Antonelli stimmte ihm zu: "Unsere Power Unit ist super. Aber das war das erste Qualifying, bei dem wir nicht schon in der Aufwärmrunde die Batterie managen mussten. Ich musste nicht auf mein Lenkrad schauen und die Leistung abstimmen, um den Verbrenner zu maximieren und keine Batterie beim Rundenanfang zu verbrauchen. Es war ein Qualifying, bei dem ich nur ans Fahren denken musste und daran, so schnell wie möglich zu sein." Der Energie-Überschuss machte der FIA solche Sorgen, dass sie das Einspeisungs-Limit nach unten setzten. Mehr dazu hier:
Im Gegensatz zu Antonelli fuhr Fernando Alonso schon eine ganze Reihe an verschiedenen F1-Boliden durch die Häuserschluchten von Monte Carlo. Trotz eines horrenden Aston Martins kann der Routinier die neue Autogeneration zwischen den Leitplanken genießen: "Der Motor ist, was er ist. Aber die Boliden machen Spaß." Das Energie-Management gehe von selbst, das spüre man als Fahrer sehr.
Hamilton unbeeindruckt von Monaco-Fahrerlebnis: Zu hoher Reifendruck!
Einer, dem das Fahrerlebnis nicht so gefällt, ist Lewis Hamilton. Dem Co-Rekordweltmeister ist aber weder der Motor noch das Chassis ein Dorn im Auge, sondern vor allem die Reifen. "Das ist wahrscheinlich die Autogeneration, die ich hier am wenigsten mag. Diese geringe Downforce ist wirklich ein Rückschritt von den anderen Generationen in Bezug auf Grip. Unsere Reifendrücke sind sehr, sehr hoch", beschrieb er.
"Die Reifendrücke sind viel höher als noch vor einigen Jahren. Früher fuhren wir mit etwa 16 PSI, jetzt sind wir auf 26 oder 28. Hier ist es vielleicht bei 24 PSI. Das ist verrückt", führte Hamilton fort. Je mehr Druck auf den Reifen ist, desto steifer sind sie und desto schlechter passen sie sich an die Kurven an. So erzeugen sie weniger Grip. Dazu kommt, dass stark aufgeblasene Reifen schwerer ins richtige Temperaturfenster zu bekommen sind. Mit den diesjährigen Boliden, die etwa 30 Prozent weniger Abtrieb haben als ihre Vorgänger, verringert sich die Bodenhaftung noch mehr.
Außerdem ist laut Hamilton auch der mechanische Grip, also die Haftung ohne den Zusatzfaktor Aerodynamik, nicht mehr das, was er einmal war. Davon sprach auch Alonso: "Mit diesen Autos müssen wir viel mehr Last auf die Reifen übertragen, deshalb reagieren wir viel sensibler auf die Streckenbedingungen als früher. Wir müssen noch mit der FIA arbeiten, um das zu verbessern."
"Ich weiß noch, als ich hier 2007, 2008 gefahren bin. Da gab es deutlich mehr Grip. Es machte damals auch mehr Spaß", schwelgte Hamilton in Erinnerungen. "Es war jetzt nicht schrecklich", lenkte er schnell ein, "aber ich vergleiche alle Generationen. 2020 war für mich wahrscheinlich das beste Jahr in Bezug auf Grip."
Der Monaco-GP ist meist eher eine Prozession, doch das prestigereichste Rennen auf dem F1-Rennkalender zu verpassen, ist keine Option! Wer die 78 Runden durch den Leitplankendschungel live im TV und Stream überträgt, erfahrt ihr hier:



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