In den Augen von McLaren ist der Mangel an Unabhängigkeit zwischen manchen Formel-1-Teams schon länger ein Ärgernis. Vor allem Zak Brown ist das Thema seit Jahren ein Anliegen. 2026 hat es aber neuen Zündstoff bekommen, da Mercedes bestätigterweise Interesse an einer Teil-Übernahme von Alpine F1 hat.

Vor wenigen Wochen ging Brown in die Offensive. Der McLaren-CEO forderte in einem Brief die FIA dazu auf, gegen Abhängigkeiten in Form von A- und B-Teams vorzugehen. Der Sport riskiere, in Bezug auf die Fairness und Integrität einen Schritt rückwärts zu machen, und das "in einer Zeit, in der der regulatorische Rahmen dafür geschaffen wurde, in die Gegenrichtung zu gehen", heißt es in diesem.

McLaren-Teamchef Andrea Stella erklärte rund um den Kanada-GP, dass es sich dabei nicht nur um einen Vorstoß von Brown gehandelt hatte: "Was Zak ausgedrückt hat, repräsentiert die Meinung und die Position von McLaren, und ist Teil eines Prozesses, von dem wir wollen, dass er konstruktiv, gesund und völlig offen geführt wird."

Formel-1-Teams betonen Unabhängigkeits-Prinzip - aber wo ist die rote Linie?

Weitere Klarheit will man dabei bei jenem Prinzip schaffen, dass es sich bei der Formel 1 um eine Meisterschaft handelt, die zwischen unabhängigen Konstrukteuren geführt wird. "Wir glauben sehr stark, dass dieses Prinzip total geltend gemacht werden sollte", so Stella Grundlegend seien sich alle Hersteller dahingehend ohnehin einig: "Jetzt ist es Zeit für die F1-Community, darüber nachzudenken, wie wir es voll umsetzen."

Die offensichtlichsten Adressaten dieser Vorwürfe sind Red Bull und die Racing Bulls, die beide vollumfänglich der Energy-Drink-Marke gehören und das linearste Konzept zwischen einem A- und B-Team praktizieren. Formel-1-Fahrerverträge existieren in der Regel mit dem Mutterkonzern, wodurch die meisten Piloten frei zwischen den beiden Teams hin- und hergeschoben werden können. Außerdem wurde nach dem Aus von Christian Horner als Teamchef im Vorjahr direkt Laurent Mekies aus Faenza nach Milton Keynes befördert.

Dieser Wechsel war ein zentraler Stein des Anstoßes für Brown, denn normalerweise ist es bei Führungsfiguren von Formel-1-Teams üblich, dass diese eine Sperrklausel in ihrem Vertrag haben, die sie absitzen müssen, ehe sie bei einer neuen Mannschaft anfangen können. Zwischen den Red-Bull-Teams war das nicht der Fall, was die Konkurrenz als gewissen Wettbewerbsvorteil angeprangert hatte.

Red-Bull-CEO sieht keinen Handlungsbedarf, will Reformen aber unterstützen

Laurent Mekies zeigte sich offen dafür, die Regeln in Bezug auf die Unabhängigkeit zwischen F1-Teams anzupassen: "Falls andere Stakeholder - sei es ein Team oder sonst jemand - das Gefühl haben, dass weitere Schritte nötig sind, um sicherzustellen, dass die elf Teams unabhängig sind, dann würden wir das unterstützen."

Der Franzose betonte aber auch, dass sich in diesem Zusammenhang bereits viel getan habe: "Wir haben viele Schritte als Sport in den letzten Wochen, Monaten und Jahren gemacht, um die Unabhängigkeit zwischen allen Teams auf der Strecke sicherzustellen." Er teilt nicht den Eindruck, dass zwischen den Racing Bulls und Red Bull ein Mangel an Unabhängigkeit herrschen würde, der über die Lieferung von Motoren und laut dem Reglement zukaufbaren Komponenten hinausgeht.

Er warnt auch davor, dass mit dem Finger nur auf Red Bull gezeigt wird: "Wir denken, dass es keine Frage der Eigentümerstrukturen oder von strategischer Belieferung ist. Es gibt viele andere Wege, auf denen Teams in der Boxengasse kollaborieren. Wie gesagt: Power-Unit-Lieferung, Getriebe-Lieferung, Aufhängung, teilweise Eigentümerschaft oder volle Eigentümerschaft."

Dass es auch zwischen anderen Herstellern direkte Abhängigkeiten gibt, ist ebenfalls nichts Neues. Haas pflegt eine enge Kooperation mit Ferrari und kauft alle Komponenten, die das Formel-1-Reglement zulässt, von der Scuderia ein. In der Vergangenheit gab es zeitweise auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Racing Point (heute: Aston Martin) und Mercedes, die im Streit um den viel geschmähten 'pinken Mercedes' 2020 gipfelte.

Racing Bulls: Halten uns streng an die Regeln

Mehr als bei Ferrari und Haas sei auch die Partnerschaft zwischen den beiden Red-Bull-Teams nicht, versichert Racing-Bulls-Teamchef Alan Permane. "Unsere Beziehung zu Red Bull ist im Wesentlichen eine Kunden-Lieferanten-Beziehung. Wir beziehen die Aufhängung von ihnen, wir beziehen das Getriebe von ihnen und eine Reihe anderer Komponenten, die im technischen Reglement erlaubt sind, das wir streng verfolgen."

In einem gewissen Aspekt sei die Red-Bull-Beziehung sogar gewissermaßen ein Nachteil, da man laut Permane viel Arbeit darin investieren müsse, sicherzustellen, dass diese Regeln respektiert werden. "Viel Einsatz, der in andere Bereiche gegeben werden könnte", betont er. "Deshalb sehe ich kein Problem mit dem Weg, auf dem wir im Moment arbeiten.

Brown ist da anderer Meinung, wie er in seinem Team zum Ausdruck brachte. Er forderte, dass bereits bestehende geteilte Eigentumsverhältnisse (wie zwischen Red Bull und den Racing Bulls) langsam aufgelöst werden sollten, und etwaige neue (wie eventuell zwischen Mercedes und Alpine) gar nicht erst möglich sein sollen. Die Übernahme zahlreicher Komponenten möchte Brown ebenfalls gerne einschränken. Die rote Linie würde der Chef des Mercedes-Kundenrennstalles schon nach der Power Unit ziehen.

Ob der Vorschlag mehrheitsfähig ist, darf bezweifelt werden. Die Idee, bestehende Formel-1-Allianzen zu zerschlagen, ist schon bei den Gesprächen über das letzte Concorde Agreement diskutiert worden. Über diesen Status gingen die Diskussionen allerdings nicht hinaus.