Kalt, nass, Hockenheim. Beim DTM-Saisonfinale 2005 erlebten wir alles andere als einen goldenen Oktober. Zumindest wettertechnisch. Denn so unterkühlt sich der Wettergott präsentierte, so herzlich wurden mein Kollege Mike und ich von einer für uns bis dahin völlig Fremden empfangen.
Natürlich wussten wir, wer Karin Sturm war. Eine der bekanntesten Formel-1-Journalistinnen im Paddock. Entsprechend gingen wir mit einer gehörigen Portion Respekt an unser erstes Gespräch mit Karin heran, das wir nur wenig später mit einem Handschlagdeal beendeten, wie es ihn früher nur bei Bernie Ecclestone gegeben hat. Karin gehörte ab sofort zu unserem Team, war unser Gesicht an der Rennstrecke und schrieb Artikel für Motorsport-Magazin. Noch bevor dieses erste Treffen mitten zwischen den Motorhomes beendet war, sprach Karin bereits über MSM in der "Wir"-Form. So war Karin. Wenn sie von etwas oder jemandem überzeugt war, war sie auch mit Feuer und Flamme dabei. Sofort. Immer.
Karin war unermüdlich für Motorsport-Magazin im Einsatz

Zu diesem Zeitpunkt berichtete Karin bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten für Tageszeitungen und Fachmagazine direkt aus den Fahrerlagern dieser Welt. Noch bekannter war sie durch ihre Bücher, allen voran ihre Biografien über Michael Schumacher, Sebastian Vettel und die brasilianische F1-Legende Ayrton Senna, den Karin persönlich gut kannte und dessen Karriere sie wie kaum jemand anderes begleitet hat. Karin war aber nicht nur eine absolute Formel-1- und Senna-Expertin, für uns war sie vor allem ein wichtiger Teil unseres Teams.
Sie hatte in der Anfangszeit von Motorsport-Magazin einen großen Anteil daran, dass wir uns überhaupt als Fachmedium im Fahrerlager etablieren konnten. Sie hat zwischen 2005 und 2013 quasi rund um die Uhr (und die Welt) stets vollen Einsatz gebracht, wurde nie müde zwischen diversen Rennstrecken und Rennserien hin- und herzureisen - von der Formel 1 zur DTM zur britischen Formel 3 und zurück. Karin mischte überall mit und hat mitgeholfen, Motorsport-Magazin im Formel-1- und DTM-Umfeld aufzubauen und den Grundstein für das zu legen, was ihr auf unserer Website lesen, in unseren Videos sehen und in unserem Printmagazin in Händen halten könnt.
Pionierarbeit in der Medienwelt: Von Print zu Online

Für ihre herausragende Präsentation des Sports wurde Karin 2009 mit dem Bayerischen Sportpreis ausgezeichnet. Mit einer Laudatio durch den ehemaligen BMW-Motorsportdirektor Dr. Mario Theissen. Zu ihren Gästen gehörten unter anderem die Rennfahrer Bruno Senna und Maro Engel. Auch ich durfte diesen Abend als ihr Gast miterleben, wobei für mich nicht nur ihre exzellente Arbeit als Journalistin auszeichnungswürdig war, sondern aus komplett subjektiver und persönlicher Sicht noch etwas ganz anderes: Karin war eine der ersten etablierten Größen im Paddock, die Onlinemagazine wie uns ernst genommen und deren zukünftige Rolle erkannt haben.
In einer Zeit, in der Websites von vielen im besten Fall belächelt, im schlechtesten als amateurhafte Internetbuden abgetan wurden, die nur abschreiben und hanebüchene Gerüchte verbreiten, erkannte sie das im Onlinebereich (und auch uns) schlummernde Potenzial. Ohne Karin hätten wir nie so schnell im F1-Fahrerlager Fuß fassen können. Sie recherchierte Stories, führte Interviews und knüpfte Kontakte zu Verantwortlichen und neuen Kollegen aus dem Paddock wie Juha Päätalo, die sich uns alsbald anschlossen. Wir lernten von Karin alles über das harte Formel-1-Geschäft, sie erweiterte ihrerseits ihr Wissen über die Möglichkeiten der Onlineberichterstattung.
Die schiere Anzahl an Stunden, die Karin und ich über die Jahre mit Telefongesprächen (ja, Skype, Zoom & Co wurden erst viel später erfunden!) verbrachten, um an Rennwochenenden und dazwischen die neuesten Gerüchte, Skandale und Geschehnisse in der Motorsportszene zu diskutieren, würde jedes Statistiktool sprengen.
Karin prägte nicht nur unsere Berichterstattung, auch jene über die Formel 1

Karin konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit eine leidenschaftliche Diskussion über die F1 führen. Von Rascasse-Gate (eine unglaublich lange Wartezeit auf das Urteil, gefüllt mit unzähligen Anrufen und Chatnachrichten bis zum Ausfall der Kaffeemaschine im Media Centre in Monaco) über Spygate und Crashgate bis hin zu diversen Regelumbrüchen - Karin hatte dank ihrer gut informierten Insider-Quellen und mit ihrem puren Know-how stets etwas zu berichten über das wir uns austauschen konnten, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Mal vom Mobiltelefon, mal von einem mehr oder minder funktionstüchtigen Apparat im Media Centre, später dann auch über wackelige Internetverbindungen.
Der Motorsport und allen voran die Königsklasse sind datengetrieben, keine Frage. Wer also gerne die nackten Zahlen lesen möchte: Unsere Datenbank spuckt 3.869 Artikel mit Karins Beteiligung aus - allein online. Printartikel noch gar nicht eingerechnet. Aber Karin war nicht nur von reinen Zahlen und Daten getrieben. Sie lebte von Emotionen und für ihre geliebte Formel 1.
Eine Anekdote mit Karin und Sebastian Vettel

Gemeinsam mit Karin stiefelte ich beim Saisonauftakt 2006 ins Formel-3-Zelt des ASM Teams, um einen gewissen 18-jährigen Nachwuchsfahrer zu finden, der auf den Namen Sebastian Vettel hörte. Nach nur wenigen Minuten hatten wir ihn davon überzeugt, für uns eine Kolumne zu schreiben. Auch dank Karins unbändiger Energie und Überzeugungskraft sagte er auf Anhieb zu.
Meine Bedenken wegen komplexer Freigabeprozesse mit BMW und/oder Red Bull waren völlig unbegründet. "Wenn ich das will, mache ich das einfach", erwiderte Seb. Vielleicht nahm er sich da ja Karins spontane Zusage an uns ein Jahr zuvor zum Vorbild. Falls ja, er hätte in dieser Hinsicht wahrlich kein besseres Vorbild wählen können. Für uns war sie es auf jeden Fall. Ruhe in Frieden, Karin.
Auch unser F1-Experte Christian Danner erinnert sich in einem Nachruf an Karin. Der ehemalige Formel-1-Pilot kannte sie bereits seit den 80er Jahren, als sie unter anderem über seine aktive Karriere berichtete. Christians Erinnerungen an Karin lest hier hier:



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