Ferrari befand sich beim Formel-1-Auftakt in Australien in der Startphase des Rennens voll im Kampf um den Sieg. Charles Leclerc duellierte sich lange mit George Russell und wechselte sich mehrfach an der Spitze mit dem später siegreichen Mercedes-Piloten ab. Doch ab der elften Runde entgleiste die Sieghoffnung der Tifosi. Denn im Gegensatz zu Mercedes, die ihre beiden Fahrer für einen günstigen Boxenstopp während einer VSC-Phase reinholten, reagierte die Scuderia nicht darauf und ließ ihr Duo draußen.

Bereits von da an schlug das Pendel eindeutig in die Richtung der Silberpfeile aus. Die Ferraris kehrten nach ihren Stopps in den Runden 24 und 25 deutlich hinter Russell und Kimi Antonelli auf die Strecke zurück. Der Sieg für das Brackley-Team geriet nie in Gefahr. Dabei waren die Zweifel schon ziemlich früh gesät worden. Lewis Hamilton wunderte sich bereits in Runde 12 am Funk: "Zumindest einer von uns hätte reinkommen sollen."

Mercedes beweist Ferrari-Fehlkalkulation

Ein Gedanke, den der Rekord-Weltmeister auch nach der Zielflagge so rezitierte: "Als ich sah, dass beide Mercedes - einer vor mir, einer hinter mir - an die Box abbogen, dachte ich, dass wir definitiv hätten reinkommen sollen. Oder zumindest einer von uns hätte stoppen und abdecken können." Rückblickend betrachtet wäre es wohl die bessere Entscheidung gewesen, aber Ferrari ging zu diesem Zeitpunkt von einer letztendlich falschen Annahme aus.

Die Strategen des italienischen Teams erwarteten, dass ein Reifenwechsel in Runde 11 noch zu früh käme, um anschließend bis ins Ziel durchfahren zu können. Auf ihrem Zettel stand eine 1-Stopp-Strategie mit einem späteren Boxenstopp. "Wir haben keine Glaskugel. An diesem Punkt im Rennen erwartete niemand, mit einer 1-Stopp zu jenem Zeitpunkt durchzukommen", glaubt Teamchef Fred Vasseur.

"Wir zielten darauf ab, länger draußenzubleiben und später zu stoppen", stellte er klar. Formel-1-Reifenhersteller Pirelli hatte vor dem Rennen tatsächlich eine 1-Stopp-Variante als beste Herangehensweise prognostiziert. Mit einem Wechsel auf Hards ab Runde 15. Eine Prognose, die aber immer nur als grobe Orientierung gedacht ist.

Die Strecke im Albert Park ist eine der reifenschonendsten im Rennkalender und es hat schon in der Vergangenheit Fälle gegeben, in denen Fahrer beinahe die komplette Distanz auf einem Reifensatz durchgebracht hatten. Das starke Batterie-Management in einigen schnellen Passagen reduziert in der neuen F1-Generation die Belastung der Pneus zusätzlich. Ferrari hielt einen früheren Stopp trotzdem für zu gewagt.

Boxengasse geschlossen! Zweite VSC-Phase kann Ferrari auch nicht retten

Eine zweite VSC-Phase wenige Runden später fiel in das 1-Stopp-Fenster. Sie konnte von Ferrari aber nicht genutzt werden, da die Boxengasse für die Bergung von Valtteri Bottas' gestrandetem Cadillac geschlossen war. "Wir hatten kein Glück mit dem zweiten VSC, als die Boxengasse geschlossen wurde. Aber es ist so, wie es ist", so Leclerc. Zu diesem Zeitpunkt wäre der Vorsprung von Leclerc auf Russell ohnehin schon zu gering gewesen, um den ersten Rang mit einem Stopp noch zu verteidigen - auch unter neutralisierten Bedingungen.

Der Monegasse, der vor der ersten VSC-Phase noch geführt hatte, machte seinem Rennstall keinen Vorwurf. "Ich bereue es nicht. Es war eine gewollte und bewusste Entscheidung", sagte er. "Wir wussten, dass die Chancen hoch waren, dass es nicht das einzige VSC des Rennens sein würde. Deshalb dachten wir, es wäre besser, auf ein anderes zu warten. Das ist immer ein bisschen ein Glücksspiel."

Mercedes unschlagbar? P3 und P4 laut Ferrari das Maximum

Dass er sich auch mit einer weiteren Rennneutralisierung und offener Boxengasse nicht vor Russell hätte halten können, thematisierte Leclerc dabei nicht. Am Ende des Tages zeigte sich aber nicht nur der Drittplatzierte des Rennens sondern auch der euphorisch gelaunte Lewis Hamilton glücklich mit den Entscheidungen des Teams.

Mercedes wäre über die komplette Distanz des Formel-1-Rennens ohnehin nicht zu schlagen gewesen, so die landläufige Meinung bei Ferrari, und das nicht nur bei Vasseur, der den Rennsieg als "schwer vorstellbar" abstempelte. Hamilton bilanzierte: "Wir sind Dritter und Vierter geworfen. Ich denke letztendlich war Mercedes schneller als wir und das waren wahrscheinlich die bestmöglichen Positionen, die wir einfahren konnten."