Anti-Racing. Formel E auf Steroiden. Das ist nicht Formel 1. Max Verstappen hat das ausgesprochen, was sich wohl viele Fahrer derzeit denken. Aber sie sagen es nicht, zumindest nicht so deutlich. Aus politischen Gründen, um ihren Herstellern nicht in den Rücken zu fallen oder um die Formel 1 zu schützen.

Der Schutz der Formel 1 liegt Stefano Domenicali am Herzen. Das hat er auch im Interview in unserer aktuellen Print-Ausgabe gesagt. "Ich erwarte von allen Verantwortlichen des Sports, dass sie positiv gegenüber dem stehen, was wir tun", machte der F1-Boss klar.

Domenicali hat Angst vor einem erneuten 2014. Er will die Fehler nicht machen, die sein Vor-Vorgänger Bernie Ecclestone in seinen Augen damals gemacht hat. "Formel 1 ist scheiße", sagte Ecclestone nach der Einführung der Turbo-Hybridmotoren.

Max Verstappen vernichtet Autos 2026: F1-Karriereende droht (09:06 Min.)

Ecclestone mag damals recht gehabt haben. Ob es zuträglich für das eigene Geschäft war? Zumindest fraglich. Das kann sich Domenicali heute nicht erlauben. Die Formel 1 ist inzwischen ein riesiger Apparat. Und es steht viel auf dem Spiel.

Der Boom der Formel 1, der seit den COVID-Jahren anhält, ist beispiellos. Verstappens Kommentare könnten der Anfang vom Ende des Booms sein. Nein, nicht seine Kommentare: das Reglement. Verstappen war sich der Tragweite seiner Aussagen bewusst, das sagte er sogar selbst.

Die Formel 1 hat im Vorfeld alles getan, solche Schlagzeilen zu vermeiden. Der Test in Barcelona fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, man schickte lediglich eigene TV-Crews, die keinerlei kritische Fragen stellten. Trotzdem wurden alle Beteiligten nochmals eindringlich gebrieft, das neue Reglement nicht zu schlecht zu machen – auch vor dem öffentlichen Test in Bahrain.

Was aber, wenn es nun mal die Wahrheit ist? Man muss Verstappen dankbar dafür sein, den Mut zu haben, es auszusprechen. Zumal die Red-Bull-Performance nicht derart desaströs wirkt, dass sie der Grund für seine Kritik sein dürfte.

Ja, es ist noch früh, das erste Rennen noch nicht einmal gefahren. Aber die Warnsignale gibt es schon lange. Bislang hat die Formel 1 das Narrativ relativ gut kontrollieren können. Jetzt steht Domenicalis größte Herausforderung bevor.

Ich prognostiziere, dass es keine 24 Stunden dauern wird, ehe wieder über V8-Motoren diskutiert wird. Aber was tun? Die extreme Hybridisierung hat Hersteller gebracht. Es wurden Milliarden in diese Motorenformel investiert. Wie schnell dürfen diese Investitionen abgeschrieben werden? Was passiert mit den Herstellern? Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?

Verstappens Aussagen sind purer Sprengstoff für den Sport. Aber es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die ersten Verlierer der Regeländerung aussprechen, was sie sich wirklich denken. Dass es nun kein Verlierer ist, der so deutliche Worte findet, verleiht dem ganzen noch eine andere Dynamik. Dass es ein vierfacher Weltmeister ist, umso mehr.

Stefano Domenicali sagte in unserem Interview übrigens auch: "Es gibt immer einen Grund für etwas. Und es gibt immer einen Moment, in dem man eine Entscheidung trifft. Wenn man diese Entscheidung später treffen kann, fällt sie vielleicht anders aus." Wer will, konnte dieser Aussage schon entnehmen, dass die Entscheidung heute anders aussehen würde als 2022, als das Motorenreglement besiegelt wurde.

Viele werden nun anmerken, zumindest einmal die ersten Rennen abzuwarten. Das ist durchaus ratsam, vielleicht macht den Fahrern zumindest das Racing mit der neuen Formel richtig Spaß? Ich würde es mir, den Fans und der Formel 1 wünschen. Ich befürchte aber, dass es nicht so sein wird.

Man mag ins Feld führen, dass die Fahrer beim Reglement nicht zu viel mitreden sollten. Muss es ihnen unbedingt Spaß machen? Ich meine ja. Es soll der Traum eines jeden Rennfahrers sein, ein Formel-1-Auto zu fahren. Nur wenn die Fahrer für den Sport brennen, kann der Funke auch auf den Fan überspringen. Wenn ein vierfacher Weltmeister auf seinem Leistungs-Zenit sagt, dass er sich nach anderen Rennserien umsieht, ist das wahrlich kein gutes Zeichen. Ich bin gespannt, wie die Formel 1 reagiert.