Nach den ersten Testfahrten der neuen Formel 1 sind Zweifel am neuen Reglement alles andere als ausgeräumt. Ganz im Gegenteil: Einige der von den Fahrern verratenen Eigenheiten der neuen Autos mögen für manche doch ziemlich seltsam anmuten. Doch wenn man sich die Details genauer ansieht - sind das dann nicht genau solche Autos, die Legenden wie Michael Schumacher und Ayrton Senna lieben würden?

So denkt zumindest Martin Brundle. Der 158-fache GP-Starter und heutige TV-Experte hat in seiner die 80er und 90er umspannenden Formel-1-Karriere viel gesehen, und hat auch Schumacher und Senna hautnah erlebt. Senna schon als Titelrivale einst in der Formel 3, und Schumacher sogar 1992 als Teamkollege bei Benetton.

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"Ich denke tatsächlich, dass Ayrton und Michael diese Autos lieben würden", findet Brundle, und erklärt: "Sie hatten die Kapazitäten, um alle diese Werkzeuge zu nutzen. Und die Fahrer, welche es am besten verstanden, die Werkzeuge zu nutzen, holten immer das Maximum aus den Autos raus."

Komplexe neue Formel 1: Erst recht eine Fahrer-Sache?

Komplexität ist das Stichwort für die neue Formel 1. Die ersten Fahrer-Berichte sprechen von einem ganz eigenen neuen Fahrstil, der oftmals durch die nur beschränkt verfügbare Elektro-Power limitiert wird. So beschrieb es George Russell etwa so, dass Fahrer nicht mehr am Haftungs-Limit durch Kurven fahren, sondern aktiv verlangsamen, um die Energie besser zu managen:

Ist das dann noch Formel 1? Brundle hält bei diesem Argument dagegen: "Wenn du lange schnell fährst, musst du Dinge schützen. Das war immer schon so. Ob bei Stirling [Moss] und Juan Manuel [Fangio], Jackie [Stewart], Graham [Hill], Jim [Clark]. Damals waren es Getriebe, Antriebswellen, Motoren, Aufhängungen, Gelenke. Wir haben immer auf irgendetwas aufgepasst."

Ayrton Senna in Brasilien in seinem Toleman-Boliden
Reifen- und Benzin-Management gab es auch bei Ayrton Senna in den 80ern, Foto: IMAGO / Sven Simon

"Auch in den berüchtigten 80ern, in den Turbo-Tagen, hatten wir 220 Liter Benzin", erinnert Brundle daran, dass es auch in der Vergangenheit Energie-Limits gab. "Wir haben das ganze Rennen brutal Lift-and-Coast betrieben, weil wir nur so mit dem Benzin ans Ende kamen. Ich bin einmal vor auf Platz drei liegend vor der Ziellinie in Adelaide ausgerollt, weil ich nicht vorsichtig genug war."

Formel 1 - immer schon im Schongang?

"Du musstest immer auf irgendetwas aufpassen, zuletzt waren es die Reifen", so Brundle. "Heute wird das die Batterie, nachdem die Autos in anderen Belangen völlig zuverlässig und kugelsicher sind. Also denke ich, dass die spezifische Herausforderung anders ist, aber die Herausforderung insgesamt ist die gleiche."

Und die besten Fahrer ihrer Generation waren dementsprechend oft die Besten, weil sie es am besten verstanden, diese Tricks und Eigenheiten bis ins kleinste Detail zu verinnerlichen und auf der Strecke zu perfektionieren. Nicht nur, weil sie sich einfach ins Auto setzten und schnell fuhren. Nicht unbedingt folgen Weltmeister da Traditionalisten. Schumacher begrüßte einst etwa auch einmal Traktionskontrolle. Logik: Sie ermöglichte es, mehr am Limit zu fahren. Und permanent am Limit absolut perfekt zu sein belohnt am Ende nur die besten aller Perfektionisten.