Mai, Testtag auf der Nordschleife. Emil Frey Racing rollt einen Ferrari 296 GT3 in die Box. In der Lackierung von Verstappen.com Racing? Aber mit dem Namen Franz Hermann auf der Liste. Nie gehört. Moment - wer ist das da in der von Securities abgeschirmten Garage? Es ist MAX VERSTAPPEN!

Es war der Beginn einer der größten Motorsport-Storys der Saison 2025. Kein halbes Jahr später fährt Verstappen Rennen in der Nürburgring Langstrecken-Serie, ja, er gewinnt sogar, und es ist wirklich die Story des Jahres. Ein vierfacher (und amtierender) Weltmeister, der etwas tut, das seit Jahrzehnten so wenige andere Fahrer aus der Formel 1 getan haben, dass man nicht einmal eine ganze Hand zum Zählen braucht. Eine Story von ein bisschen Neid, viel Respekt, von deutscher Verfahrenstreue, von einem verpassten Rekord, und von einer klaffenden Lücke. Die einfach weitergehen muss.

Trotz Formel-1-Stress: Verstappen sucht Abenteuer auf der Langstrecke

Eigentlich fahren Formel-1-Fahrer keine anderen Rennen. Sie können schon froh sein, dass sie Padel spielen dürfen. Kein Team will einen Unfall sehen, erst recht keine Verletzung, und sowieso nicht den eigenen Fahrer im Auto eines anderen Herstellers oder mit anderen Sponsoren. Was nicht heißt, dass Formel-1-Fahrer nicht davon träumen, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit falschem Namen ein paar Runden auf der Nordschleife zu drehen. Das gilt sicher für den begnadeten Rennfahrer Verstappen, der mit Simracing aufwuchs und dabei - nach eigener Aussage - "tausende" Runden auf der vielleicht berühmtesten Rennstrecke der Welt gefahren ist.

Verstappens Leben ist jedoch die Formel 1. Er fuhr fast nichts anderes, seine Geschichte des F1-Debüts nach nur gut einem Jahr im Nachwuchssport ist wohl bekannt. Über die Jahre stieg da sein Bedürfnis, sich andernorts zu versuchen. Er kaufte sich GT3-Autos, fuhr private Tests, kreierte mit Verstappen.com Racing sein eigenes GT3-Team und förderte damit unter anderem Chris Lulham, einen Teamkollegen in seiner Simracing-Partnermannschaft Team Redline.

Nur testen und zuschauen reicht bloß nicht auf immer und ewig. Wie auch die Saison 2025 in schwächerem Red-Bull-Material zu wünschen übriglies. So testete Verstappen erst auf der Nordschleife, dann arrangierte er sich mit Red Bull - und bekam die Freigabe. Fahr, wenn du willst. Und das tat Verstappen. Völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass er im Frühjahr zum ersten Mal Vater geworden war, dass der Formel-1-Kalender 24 Rennen hat, dass Gaststarts in der NLS im Herbst zwischen Grands Prix sechs Rennwochenenden am Stück bedeuteten. Ganz oben bei Red Bull war Motorsport-Berater und Verstappen-Förderer Dr. Helmut Marko richtiggehend Fan des Abenteuers.

"Helmut ist deswegen sehr aufgeregt", verrät Verstappen. "Er sieht, wie leidenschaftlich ich das angehe, und warum ich es mache. Er ist selbst auf der Langstrecke gefahren, also kann er sich da leicht reinversetzen. Und für mich ist es wichtig, diese Dinge zu machen." Der Rest der Formel 1 wird da schnell eifersüchtig. Fast niemand sonst darf das. Fernando Alonso fuhr 2017 das Indianapolis 500, 2018 gewann er die 24 Stunden von Le Mans. Nico Hülkenberg siegte 2015 in Le Mans.

"Wir sind alle deshalb ziemlich neidisch", kommentiert George Russell. "Die Freiheiten zu haben, erst einmal in der Formel 1 zu tun, was du liebst, und dann auch noch die Chance zu haben, aus purer Freude Rennen zu fahren - das ist für andere Leute nicht so einfach zu haben." Ein Privileg eines Weltmeisters: "Dir steht dieses Recht zu, wenn du vier Weltmeisterschaften gewonnen hast."

Nicht nur Spaß! Verstappen will 24-Stunden-Rennen fahren!

Verstappens Leidenschaft kommt mit dem angemessenen Respekt. Der Deutsche Motorsport-Bund verlangt für Rennen auf der Nordschleife einen speziellen mehrstufigen Führerschein, genannt Permit. Hier Rennen zu fahren ist viel zu speziell, mit Dingen wie Tempolimits bei Zwischenfällen, Überrundungsverkehr mit riesiger Speed-Differenz, alles auf einer 24 Kilometer langen Strecke. Ausnahmen gibt es selbst für vierfache Weltmeister keine. Verstappen musste erst einen Lehrgang absolvieren. Hinter einem Instruktor herfahren. Das tat er ohne Murren: "Als ich dort im echten Leben ankam, ging es mehr darum, das Grip-Niveau zu testen, den neuen Asphalt an manchen Stellen."

Am nächsten Tag fuhr er sein erstes Rennen, gemäß DMSB-Vorgabe in einem abgespeckten Porsche Cayman GT4. Erst dann erhielt er "Permit A". Damit ging er am 27. September zusammen mit Chris Lulham im Ferrari 296 GT3 auf die Jagd nach dem ersten Gesamtsieg. Mit durchschlagendem Erfolg. Im vierstündigen 57. ADAC Barbarossapreis, dem neunten Lauf der NLS-Saison, fuhr Verstappen erst auf den dritten Startplatz, dann ging er in der ersten Kurve in Führung und baute innerhalb von zwei Stunden über eine Minute Vorsprung auf. Lulham verwaltete bis ins Ziel.

"Wir hatten viel Spaß", so Verstappen. Doch Spaß ist nicht alles. Verstappen ist kein Hobby-Pilot. Wie ernst er die Angelegenheit nimmt, zeigt das Thema Rundenrekord. Nach dem ersten Test im Mai spielte er es zwar herunter, aber im Fahrerlager bekam jeder zu hören, dass seine beste Zeit eine 7:48,8 gewesen sei, schneller als der offizielle Rundenrekord von 7:49,578 auf der NLS-Konfiguration.

Als GT-Spezialist Maro Engel auf Social Media in den Raum stellte, dass Verstappen das Auto nicht nach den technischen Balance-of-Performance-Vorgaben der NLS bewegt habe, reagierte Verstappen mit einer - äußerst seltenen - Antwort: "Falsch. Verbreite keine Dinge, wenn du unser Setup und unsere Motorsettings nicht kennst. Warum würde ich einen NLS-Test mit der falschen BoP fahren?" Die Paddock-Gerüchte an der Nordschleife sprachen später ohnehin davon, dass andere am gleichen Tag in GT3s schneller gewesen seien. Werksfahrer. Es ist der Makel an Verstappens Debüt-Sieg. Zu dieser Jahreszeit fahren kaum Werke. Die meisten treten nur zur Vorbereitung für das separate 24-Stunden-Rennen im Frühsommer an. Danach verschwinden sie Schritt für Schritt.

Nicht, dass es Verstappens Sieg entwerten würde. "Erwartungsgemäß, dass der beste Rennfahrer der Welt auch hier vorn fährt", kommentierte der von Verstappen geschlagene dreifache 24-Stunden-Sieger Frank Stippler. "Ich bin fest von ihrem Sieg ausgegangen." Verstappen bemühte sich auf seinen 14 GT3-Runden redlich um den offiziellen Rekord, aber in einem Rennen sind 107 andere Autos auf der Strecke, und Ende September ist das Grip-Niveau in der kühlen Eifel nicht gut. 7:51,514 war gut zwei Sekunden zu langsam.

Jetzt will jeder nur erst recht sehen, was Verstappen gegen die ganz großen Namen des GT-Sports ausrichten kann. Dafür muss er irgendwann ins 24-Stunden-Rennen, und ins dazugehörige Top-Qualifying. Da bekommen die besten GT3-Autos mit den besten Fahrern zwei freie Runden, ohne langsamere Klassen auf der Strecke, eines der Highlights jedes GT-Jahres. Da einen Verstappen an Kaliber wie dem letztjährigen 24h-Polesetter, Porsches Qualifying-Meister Kevin Estre, zu messen, ist sicherlich für alle Motorsport-Fans ein Traum.

"Am Ende würde ich sehr gerne die 24 Stunden fahren", unterstreicht Verstappen. "Ob das nächstes Jahr klappt, ist schwer zu sagen. Wir brauchen natürlich noch mehr Erfahrung, ein paar mehr NLS-Rennen." Die Formel-1-Saison 2026 arbeitet gegen ihn. Die ersten drei NLS-Rennen sowie die 24h-Qualifyingrennen finden alle an F1-Wochenenden statt. Würde Verstappen bei den 24 Stunden vom 14. bis 17. Mai starten wollen, so müsste er das kalt machen. Aus Miami kommend. Und direkt danach ins Flugzeug nach Kanada steigen.

Für einen Fahrer, der die Formel 1 immer noch seine Priorität nennt, und der zugleich jedes Rennen, ob GT3 oder F1, mit der nötigen Ernsthaftigkeit betreiben will, ist das nicht ideal. So wiegelt Verstappen die Vorfreude auf das 24-Stunden-Debüt ab. "Momentan weiß ich selbst nicht, ob und wie viele Rennen ich nächstes Jahr fahren kann." Selbst wenn es sich 2026 nicht ausgehen sollte, so hat Verstappen inzwischen aber absolut keine Zweifel mehr. Er wird wiederkommen.

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Max Verstappen dominiert: Nordschleifen-Rekord knapp verpasst! (26:05 Min.)