Oliver Bearmans Junior-Karriere verlief eigenartig: Eine einzige Formel-4-Saison und ein ungeplanter Formel-1-Einsatz veränderten den Lauf der Dinge. Deshalb fährt der Brite heute für Haas in der Königsklasse – und traf sich mit Motorsport-Magazin.com.
Dieses Interview stammt aus der 102. Printausgabe des Motorsport-Magazins, veröffentlicht am 8. Mai 2025.
Motorsport-Magazin.com: Wie bist du mit dem Motorsport in Berührung gekommen?
OLIVER BEARMAN: Zum Motorsport kam ich durch die Familie meines Vaters. Mein Vater fuhr Kart, als er jünger war. Und die Familie meines Vaters war schon immer am Motorsport und an Autos interessiert. Als ich sechs Jahre alt war, habe ich mit dem Kartfahren begonnen. Das war mein erstes Mal. Das ist jetzt zwölf Jahre her und die Zeit ist wie im Fluge vergangen. Ich bin von Anfang an mit dem Motorsport aufgewachsen. Ich war bei den Rennen meines Vaters dabei, die Formel 1 lief ständig im Fernsehen. Es war also schon ziemlich früh klar, dass der Rennsport mein Ding sein würde.
Abgesehen vom väterlichen Bezug: Was genau begeistert dich so am Motorsport?
Ich interessiere mich für Autos, seit ich ein Kind war. Ich habe schon immer den Geruch, den Lärm und das Spektakel von Rennwagen auf der Rennstrecke geliebt. Als ich damals mit sechs Jahren das erste Mal in einem Go-Kart saß und das erste Mal selbst gefahren bin, habe ich mich verliebt. Ein Feuer war entfacht und dieses Feuer brennt bis heute stärker als je zuvor.
Es ist das Adrenalin. Ich ertappe mich dabei, wie ich dem Adrenalin in jedem Aspekt meines Lebens hinterherjage. Die Geschwindigkeit, der Nervenkitzel, die Gefahr. Das kann man nirgendwo anders finden und deshalb gehe ich Skifahren, um schnell bergab zu fahren, oder fahre Rad, um auf Geschwindigkeit zu kommen. Ich treibe extreme Sportarten, um den Nervenkitzel des Rennsports zu erleben, den ich nirgendwo anders finden kann. Deshalb liebe ich es hier.
Hatte dein Vater einen Masterplan für deine Karriere?
Ich glaube nicht. Vor allem am Anfang gab es keine finanzielle Möglichkeit, in der Formel 1 zu fahren. Deshalb ist es sehr schwierig, in diesen Sport einzusteigen. Es begann aus Spaß und mein Vater lebte sozusagen seinen Traum und ermöglichte mir, was er selbst nicht tun konnte. Ich bin mir sicher, dass er als Kind am liebsten jedes Wochenende Kart gefahren wäre, aber er konnte mir diese Erfahrung ermöglichen, wofür ich ihm ewig dankbar bin. In der Formel 4 kam ich Schritt für Schritt mit meinem Manager in Kontakt und begann dann, mit ihm zu arbeiten. Dort fügten sich die Bausteine zusammen und wir begannen, den Weg in die Formel 1 zu ebnen.
Dabei würde ich deinen familiären Hintergrund durchaus als wohlhabend bezeichnen...
In den frühen Tagen war das nicht der Fall. Mein Vater hat ein Unternehmen aus dem Nichts aufgebaut. Ich glaube, dass er unter anderem deshalb so erfolgreich war, weil er mich finanziell unterstützen wollte. Ich bin sicher, dass es ihn motiviert hat. In den Anfangstagen des Kartsports hat mein Vater sehr hart gearbeitet und selbst damals war es noch extrem teuer. Es war nicht selbstverständlich, dass ich das hatte.
Und selbst als ich in die Formel 4 einstieg, war es nicht einfach, Sponsoren zu finden und die Mittel für die erste Saison aufzubringen. Zum Glück hatte ich danach Ferrari, die mir auch in dieser Hinsicht helfen konnten und mir den Weg in die Formel 1 ebneten, was sehr hilfreich war. Ohne sie und ohne die vielen Sponsoren, die wir im Laufe der Jahre finden konnten, wäre es nicht möglich gewesen, hier zu sein.
Auch Gabriel [Bortoleto] erzählt im Magazin, dass schon die Kart-Tage eine finanzielle Mammutaufgabe waren – schon dort werden 300.000 Euro und mehr pro Saison auf den Tisch gelegt.
Und es wird immer teurer. Ich denke, dass 300.000 Euro im Kartsport heutzutage noch ein anständiger Preis sind. In der Formel 4 geht es um bis zu einer Million Euro. Es wird also exponentiell teurer. Zum Glück war es vor ein paar Jahren noch möglich, das für viel weniger zu tun. Ich erinnere mich, dass 300.000 Euro für eine Formel-4-Saison ausreichten. Und jetzt ist es eine Kart-Saison. Die Zeiten haben sich also ein wenig geändert. Eines ist sicher: Der Rennsport wird teurer.
Deine ersten Schritte im Formel-Sport hast du in der deutschen und in der italienischen Formel 4 gemacht. Du hast den deutschen Motorsport richtig kennengelernt: Du warst in Oschersleben und Co., bist für das Team von Ralf Schumacher gefahren!
Ich hatte aber nicht wirklich mit ihm zu tun. Damals hat er keinen großen Einfluss auf das Team genommen. Oschersleben ist eine großartige Strecke, aber der Sachsenring war mein Favorit. Das ist eine tolle Strecke. Ja, es gibt dort einige Strecken, auf die ich nie wieder zurückkehren werde, die mir aber sehr, sehr gut gefallen haben. Das war meine erste Erfahrung in der Formel 4 und eine großartige. Ich habe es wirklich genossen. Sportlich war es ein bisschen auf und ab. Aber ich habe sozusagen die Bausteine für meine nächste Saison bei Van Amersfoort Racing gelegt.
Mit Van Amersfoort hast du dann alles gewonnen: Deutsche und italienische Formel 4. War das dein Durchbruch?
Es war eine fantastische Saison. Das Ziel war es, die italienische Formel 4 gegen die Italiener zu gewinnen. Der Plan war es, Prema zu schlagen. Es war ein fantastisches Jahr. Es hat mich als Fahrer weitergebracht. Um Rennsiege zu kämpfen, ist etwas ganz anderes als alles andere, was ich vorher gemacht habe. Ich habe in diesem Jahr viel über mich selbst gelernt und darüber, wie ich auf Druck reagiere. Als Fahrer habe ich in diesem Jahr wirklich einen großen Schritt gemacht.
War es das entscheidende Jahr in deiner Karriere?
Ich würde es so sehen. Denn dadurch kam ich mit Ferrari in Kontakt und das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass ich heute hier bin. Durch diese Leistungen in der Formel 4 konnte ich das Interesse von Ferrari wecken. Ohne das würde ich heute nicht hier sitzen.
Wie kam der Kontakt mit Ferrari zustande?
Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, weil das alles über meinen Manager lief. Ich glaube, sie haben meinen Manager angerufen. Die Information wurde an mich weitergeleitet. Zu der Zeit, als ich es erfuhr, hatte ich gerade Covid. Es war es eine langweilige Woche für mich. Ich hatte Covid ohne Symptome. Ich saß die ganze Woche nur in meinem Schlafzimmer fest. Es war super traurig. Dann kam mein Vater mit einer guten Nachricht und sagte mir, dass Ferrari Kontakt aufgenommen hatte und ich nach Fiorano fahren sollte, um mich untersuchen zu lassen.
Inzwischen wohnst du wie fast alle Formel-1-Fahrer in Monaco, aber damals bist du extra nach Italien gezogen...
Ich blieb drei Jahre lang in Italien. Für meine zwei Jahre in der Formel 2 und auch in der Formel 3. Am Anfang war es wirklich hart, in ein neues Land zu gehen und die Sprache nicht zu sprechen. Aber ich konnte viel Zeit damit verbringen, mich in die Ferrari-Familie zu integrieren, und das war auch sehr wichtig.
Von da an war das Budget kein Problem mehr?
Ja, der Schritt von der Formel 4 zur Formel 3 macht einen großen Unterschied, weil man jetzt an den F1-Wochenenden dabei ist. Das bedeutet viel mehr Marketing und Aufmerksamkeit für die Sponsoren. Es ist also viel einfacher, in der Formel 3 und Formel 2 Werbung auf dem Auto zu verkaufen als in der Formel 4. Wenn man sich mein Formel-2-Auto über die Jahre hinweg ansieht, war es im Grunde eine Reklametafel. Wir haben wirklich sehr gute Arbeit geleistet, um Sponsoren zu finden. Das Auto war absolut voll. Mein Manager hat einen tollen Job gemacht.
Abgesehen von den finanziellen Möglichkeiten: Inwiefern hat dich Ferrari unterstützt?
Am wichtigsten waren die Möglichkeiten im Simulator, Zeit mit den Ingenieuren zu verbringen und die Gelegenheiten, zu den Rennen zu kommen. Im Formel-1-Simulator habe ich auch die Ingenieure kennengelernt und neue Erfahrungen gemacht. Und schließlich das TPC-Programm [Tests mit mindestens zwei Jahre alten Autos]. Ich hatte viele TPC-Tage mit Ferrari und die haben mir dabei geholfen, mich auf die Formel 1 vorzubereiten – und dadurch auch auf das Rennen in Jeddah und den Schritt zu Haas.
Wir haben zuvor über dein entscheidendes Jahr in der Formel 4 gesprochen. Seither hast du keine Meisterschaft mehr gewonnen. Warum?
Das ist eine gute Frage. Als ich in meiner ersten Saison in der Formel 3 Dritter wurde, sahen wir keine Notwendigkeit, noch ein Jahr dranzuhängen. Ich hatte in gewisser Weise Pech, dass ich in meinem ersten Jahr nicht gewinnen konnte. Aber das ist in Ordnung. Dann kam der Schritt in die Formel 2. Wir hatten eine großartige erste Saison in der Formel 2 und das Ziel war klar: ein weiteres Jahr zu bleiben und die Meisterschaft zu gewinnen. Aber leider hatten wir in diesem Jahr nicht die nötige Performance, um zu gewinnen.
Das Einzige, was ich bedauere, ist, dass ich die Formel 2 im letzten Jahr nicht gewinnen konnte. Mit dem dritten Platz in meinem ersten Jahr in der Formel 3 kann ich leben, damit bin ich zufrieden. In meinem ersten Jahr in der Formel 2, Platz 6 zu holen war auch okay, es gab es eine Menge Höhen und Tiefen. Aber das Ziel war eigentlich, im zweiten Jahr zu gewinnen. Und das ist nicht passiert, das ist sehr schade. Die Dinge haben sich nicht so entwickelt, dass ich in der Lage gewesen wäre, diese Meisterschaften zu gewinnen.
Einerseits kam in der Formel 2 ein neues Auto und Prema, das Team für das du gefahren bist, hatte Probleme. Aber auf der anderen Seite: Inwiefern hat dich das ständige Hin und Her zwischen Formel 1 und Formel 2 aus dem Tritt gebracht? Du bist nicht nur das Rennen in Jeddah gefahren, sondern auch viele TPC-Tage, Freie Trainings und noch zwei Rennen für Haas...
Das hat es nicht leicht gemacht, sich auf die Formel 2 zu konzentrieren. Wenn man so viele Freie Trainings in der Formel 1 und so viele Gelegenheiten in der Formel 1 hat, dann ist es wirklich schwer, die beiden Veranstaltungen zu trennen. Und das war meiner Leistung in der Formel 2 definitiv nicht zuträglich, aber es hat mir bei der Vorbereitung auf mein F1-Debüt gute Dienste geleistet. Das hat definitiv nicht dazu beigetragen, mich auf eine Sache zu fokussieren.
Aber am Ende ist es das Ziel, in die Formel 1 zu kommen. Und wenn man dort angekommen ist, schauen die Leute auf die Ergebnisse und Leistungen in der Formel 1. Das ist das Wichtigste. Ich bin also froh, hier zu sein, und mein Ziel ist es jetzt, Leistung zu bringen.
Sind die Trainings-Gelegenheiten wichtiger für die Karriere als Ergebnisse in der Formel 2?
Das ist schwer zu sagen. Natürlich hatte ich großes Glück, dieses Rennen in Jeddah zu haben, aber das Ergebnis war kein Glück. Ich hatte Glück, dass ich angerufen wurde und diese Chance bekam, aber ich habe diese Chance mit beiden Händen ergriffen und das Beste daraus gemacht. Das war kein Glück. Ich denke, dass der Fahrstil in der Formel 1 und der Formel 2 heutzutage so unterschiedlich ist, dass es wirklich schwierig ist, hin und her zu wechseln.
Der beste Indikator für die Leistung eines Fahrers ist seine Leistung in der Formel 1. Von meinem ersten Einsatz in der Formel 1 an, bei den Tests, habe ich gute Leistungen gezeigt. Es war also klar, dass dieses Auto meinem Fahrstil etwas mehr entgegenkam. Das habe ich immer gesagt: Die Formel 1 liegt mir tendenziell etwas mehr als die Formel 2.
War es für deine Reputation gut, Kimi Antonelli als Teamkollegen bei Prema gehabt zu haben? Er wurde ebenfalls hoch gehandelt und tat sich ähnlich schwer.
Ja, für mich war es ein Segen, zwei sehr hoch eingeschätzte Fahrer zu haben. Zu Beginn der Saison galt ich zusammen mit einigen anderen, darunter auch Kimi, als klarer Favorit auf den Titel. Und dann zeigte sich, dass wir beide wirklich Mühe hatten, mit dem Auto zurechtzukommen. So sehr es auch schmerzt, ich wollte eigentlich viel besser abschneiden. Es war ein kleiner Trost, denn es war nicht nur meine Schuld. In diesem Jahr hatten wir alle als Team Mühe, das Auto in den Griff zu bekommen.
Die Dynamik bei euch muss lustig gewesen sein: er, Italiener, als Mercedes-Junior und du, Brite, als Ferrari-Junior...
Ja, das ist tatsächlich sehr lustig, dass wir in den entgegengesetzten Akademien sind. Kimi ist schon seit langem ein Teil der Zukunft von Mercedes. Toto ist ein großer Fan von ihm und ich kann verstehen, warum. Er ein sehr, sehr guter Fahrer ist. Es ist cool, dass ich die Erfahrung mit Ferrari habe, aber es ist seltsam, dass wir unterschiedliche Nationalitäten haben. Ja, so ist das manchmal.
Du bist noch immer im Ferrari-Programm. Wie genau sieht die Verbindung aus?
Ich weiß nicht, ob man es noch Academy nennt, wenn man schon in der Formel 1 ist. Aber es gibt immer noch Verbindungen zu Ferrari und sie beobachten meine Fortschritte sehr genau, was auch wichtig ist. Laut Reglement darf ich den Simulator nicht mehr benutzen, ich nutze nur noch den Simulator von Haas, der auch in Maranello ist. Dadurch bin ich trotzdem manchmal in Maranello, was schön ist.
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