Ein Superstar ist per Definition jemand aus Film oder Sport, der äußerst talentiert ist, eine große Anziehungskraft ausübt und das Potenzial hat, eine Ära zu prägen. In der jüngeren Formel-1-Geschichte sind das Lewis Hamilton und Max Verstappen. Doch wer schickt sich an, in ihre Fußstapfen zu treten?

Potenzielle Superstar-Kandidaten

Einer, der aktuell in aller Munde ist und zumindest schon als zukünftiger Teamkollege von Max Verstappen gehandelt wird, ist Isack Hadjar. Dabei wurde der 20-Jährige zu Saisonbeginn noch für seinen Tränen-Auftritt nach dem Abflug in der Einführungsrunde zum Australien Grand Prix abgewatscht. "Das war ein bisschen peinlich", kommentierte Red-Bull-Motorsportberater Dr. Helmut Marko. Auch Formel-1-Experte Dr. Helmut Marko zeigte im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com wenig Verständnis: "Das ist die Formel 1. Ich habe kein Weichei-Herz." Mittlerweile schwärmen beide vom jungen Franzosen.

Hadjar, der am liebsten französischen Rap hört, gilt als der Shootingstar des Jahres 2025. Bei den Racing Bulls zeigte er sich zunächst auf Augenhöhe mit Yuki Tsunoda, der vier Jahre F1-Erfahrung hat. Gegen Liam Lawson übernahm er schließlich das Zepter als Nummer 1 im Team. Dabei kam Hadjar in die Formel 1, ohne je einen Juniorentitel gewonnen zu haben. 2019 trat er in der französischen Formel-4-Meisterschaft an, blieb mit Platz sieben jedoch unauffällig. Im Jahr darauf startete er im arabischen F4-Pendant und belegte Rang elf. 2021 beendete er die FRECA (Formula Regional European Championship) auf Platz fünf, bevor er 2022 in die Formel 3 aufstieg. Nach dem vierten Gesamtrang stieg er ein Jahr später in die Formel 2 auf, enttäuschte aber am Ende der Saison mit Rang 14. "Es war das schwierigste Jahr meines Lebens, voller Zweifel. Die Formel 1 schien unerreichbar", erinnert sich Hadjar zurück. Seine zweite F2-Saison schloss er als Vizemeister hinter einem gewissen Gabriel Bortoleto ab.

Um seinen Traum von der Formel 1 zu verfolgen, zog Bortoleto mit gerade einmal elf Jahren nach Desenzano del Garda, eine kleine Stadt am Ufer des Gardasees in Norditalien. "Meine Mama dachte damals, ich würde zwei, drei Rennen in Europa fahren und dann nach Brasilien zurückkehren. Als wir am Flughafen ankamen, erklärte ihr mein Vater, dass ich künftig in Europa leben werde. Sie sprach danach einen Monat lang nicht mit ihm, aber irgendwann hat sie es verstanden", verrät Bortoleto.

Der Brasilianer trat in diversen Serien (italienische Formel 4, FRECA, Formula Regional Asian Championship) an, ohne wirklich mit Top-Platzierungen beeindrucken zu können. Mit dem Einstieg in die Formel 3 wendete sich das Blatt. Bortoleto gewann auf Anhieb die Meisterschaft, ein Jahr später folgte der Titel in der Formel 2. Damit folgte er dem Karriereweg zahlreicher F1-Piloten vor ihm, wie Charles Leclerc, George Russell und Oscar Piastri. Bei Sauber lässt der 20-Jährige aktuell seinen routinierten Teamkollegen Nico Hülkenberg auf einer schnellen Runde alt aussehen.

Mit dem Aufstieg in die Formel 1 ging für ihn und seinen älteren Bruder Enzo ein Traum in Erfüllung. Dieser verzichtete für "Gabi" auf die eigene Karriere. "Enzo hat mit 16, 17 Jahren die Entscheidung getroffen, mit dem Rennsport aufzuhören, damit ich weitermachen konnte. Anders wäre es finanziell nicht möglich gewesen. Er hat dafür gesorgt, dass ich eine Chance hatte, weiterzumachen, und das Mindeste, was ich für ihn tun konnte, war wohl, in die Formel 1 zu kommen", sagt Gabriel Bortoleto.

Andrea Kimi Antonelli kam hingegen als Überflieger in die Königsklasse. 2022 holte er den Titel in der deutschen und parallel dazu in der italienischen Formel 4. In den insgesamt 37 Rennen stand er 22-mal auf dem Siegerpodest. Ein Jahr später wurde er Meister in der FRECA. Im Gegensatz zu Hadjar und Bortoleto übersprang er die Formel 3 und stieg 2024 direkt in die Formel 2 auf. Sein Rufname Kimi weckt sofort Erinnerungen an Kimi Räikkönen, der damals ebenfalls als Kart-Sensation galt und gerade mal nach zwei Saisons in der Formel Renault sein Formel-1-Debüt gab. An seine erste Begegnung mit seinem Namensvetter erinnert sich Antonelli noch gut: "Das war 2018. Ich war ein elfjähriger Kart-Knirps. Ich war total aufgeregt und von ihm kam keine Reaktion. Da habe ich verstanden, warum Räikkönen ‚Iceman’ genannt wird."

Achtungserfolge

Kein anderer Rookie hat in der aktuellen Saison so beeindruckt wie Isack Hadjar. Er gilt nach Verstappen als weiteres Juwel, das aus dem Red-Bull-Stall hervorging. Vierzehn Mal [Stand: nach Abu Dhabi] fuhr er den VCARB02 in die Top-10. Bereits in seinem 15. Rennen, beim Großen Preis der Niederlande, stand er auf dem Podium. Zum Vergleich: Nico Hülkenberg brauchte 238 Anläufe bis zu seinem Treppchen in Silverstone.

Seinen Racing-Bulls-Teamkollegen Liam Lawson hatte Hadjar von Beginn an im Griff. Das interne Qualifyingduell gewann der Franzose mit algerischen Wurzeln mit 17:7. Längst ist Hadjar Stammgast im Q3. Gleichzeitig kann er eine relativ niedrige Fehlerquote vorweisen. Wenn überhaupt, kann man ihm ankreiden, dass er aus seinen guten Qualifying-Platzierungen nicht immer etwas Zählbares herausgeholt hat. Das lag zum Teil auch an fragwürdigen strategischen Entscheidungen seines Teams sowie an Unfällen unter schwierigen Bedingungen.

Seine Meisterprüfung legte Bortoleto beim Großen Preis von Ungarn ab, als er rundenlang im Weltmeister-Sandwich von Fernando Alonso und Max Verstappen fehlerlos blieb und im Sauber den sechsten Platz holte. Seinen Speed unterstrich er bisher vor allem im Qualifying. In Österreich stellte er den C45 erstmals ins Q3.

Mit Hülkenberg hat der Brasilianer - anders als Hadjar - einen Routinier an der Seite, der jahrelang als einer der stärksten Qualifier im Feld galt. Trotzdem gelang dem 21-Jährigen, was vor ihm nur Daniel Ricciardo [2019, Teamkollege bei Renault] geschafft hat: Er qualifizierte Hülkenberg sieben Mal in Folge aus. "Gabi ist eine Maschine. Er produziert Runden wie ein Drucker, dem die Tinte nie ausgeht. Für einen Rookie und angesichts dessen, was er leistet, macht er kaum Fehler. Das ist ziemlich erstaunlich", lobt Hülkenberg den 17 Jahre jüngeren Rookie. Andersherum feierte Bortoleto seinen Teamkollegen, als dieser 2025 sein langersehntes erstes F1-Podium einfuhr. Dazu hat es für Bortoleto bisher nicht gereicht – im Gegensatz zu Hadjar und auch Kimi Antonelli.

Dem 19-Jährigen gelang es mit der Pole Position im Miami-Sprint und dem dritten Platz in Kanada zwei Ausrufezeichen zu setzen. Doch so viele Vorschusslorbeeren der Mercedes-Rookie zu Beginn auch bekam, so viel Kritik musste er über die Europa-Saison hinweg einstecken. Ex-F1-Pilot Ralf Schumacher bezeichnete Antonelli sogar als "Quoten-Max" für Teamchef Toto Wolff. Christian Danner stellte klar: "Kimi ist ein guter Mann, aber er spielt ganz offensichtlich nicht in der Liga von Hamilton und Verstappen. Sie kamen in die Formel 1 und haben ihren Teamkollegen sofort an die Wand gefahren."

Antonelli unterliegt bisweilen nicht nur im internen Qualifying-Duell George Russell, sondern auch was die Punkteausbeute im Rennen angeht. Trotzdem steht Russell hinter dem jungen Italiener und stellt klar: "Man könnte sagen, dass Kimi wahrscheinlich sogar besser ist als zu Beginn des Jahres, wenn man sich den Rückstand bei den Rundenzeiten ansieht." Als Vergleich zog der Brite Antonellis Rückstand im Qualifying von Montreal mit dem von Spa-Francorchamps heran. "In Kanada lag er auf Platz vier - über eine halbe Sekunde [0,492 Sekunden] zurück. In Belgien lag er nur drei Zehntel [0,355 Sekunden] hinter mir. Doch diese entschieden über sein Ausscheiden im Q1 und mein Weiterkommen ins Q3."

Der Speed ist da, was fehlt ist die Konstanz über das gesamte Rennwochenende – einschließlich der Freien Trainings. Denn ausschließlich an seiner Fehlerquote im Renntrimm gemessen, zählt Antonelli durchaus zu den stabileren Rookies. Bisher gehen nur zwei Nuller auf sein Konto, die beiden anderen erfolgten durch Defekte oder im Falle von Silverstone aufgrund einer unglücklichen Kollision. Hamilton ist von seinem Mercedes-Nachfolger auf jeden Fall überzeugt: "Ich war in seinem Alter nicht so weit. Er hat dieses Jahr großartige Arbeit geleistet, besonders in der ersten Hälfte. Er hat eindeutig das Zeug dazu."

Ausblick & Beurteilung

Rennfahrer miteinander zu vergleichen, die nicht auf derselben Strecke, in denselben Autos und unter denselben Bedingungen antreten, ist immer eine heikle Angelegenheit. Dennoch lässt sich aus den bisherigen Eindrücken ein ungefähres Bild zeichnen: Kimi Antonelli, Isack Hadjar und Gabriel Bortoleto verfügen definitiv über das nötige Rüstzeug für eine erfolgreiche Formel-1-Karriere. Speed, Racecraft, Disziplin und Lernfähigkeit sind zweifellos vorhanden, erste Achtungserfolge sind längst eingefahren. Doch die entscheidende Frage lautet: Haben sie das, was es braucht, um in die Superstar-Fußstapfen eines Lewis Hamilton oder Max Verstappen zu treten? Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie hoch die Messlatte liegt.

Hamilton mischte schon in seiner Rookie-Saison 2007 die Formel 1 auf, punktete in 15 von 17 Rennen und forderte McLaren-Teamkollegen und zweifachen Weltmeister Fernando Alonso intern heraus. Verstappen wiederum polarisierte vom ersten Moment an. Sein berüchtigtes Überholmanöver gegen Felipe Nasr in Blanchimont außen brachte ihm 2015 nicht nur den "Action of the Year Award" der FIA ein, sondern auch die Anerkennung, keine Angst vor großen Namen oder hohen Risiken zu haben. Beide bewiesen bereits auf ihren ersten gefahrenen Kilometern, dass sie mehr waren als nur talentierte Nachwuchshoffnungen.

Genau das unterscheidet Antonelli, Hadjar und Bortoleto bisher von den Superstars. Sie haben zweifellos ihr Potenzial angedeutet, doch die Momente, in denen sie ihre komplette Klasse über eine Saison hinweg entfalten konnten, stehen noch aus. Sie glänzen punktuell, beeindrucken in einzelnen Qualifyings oder mit cleveren Manövern in den Rennen, doch die Konstanz eines Hamilton oder die Kaltschnäuzigkeit eines Verstappen fehlt ihnen. Während die Superstars in ihren Anfängen kontinuierlich ablieferten, schwanken die Superstar-Kandidaten zwischen Glanzlichtern und Phasen, in denen sie blass wirken. Ein weiterer Faktor, der hinzukommt, ist die mentale Stärke in entscheidenden Situationen.

Hamilton und Verstappen traten von Beginn an mit einer unfassbaren Selbstsicherheit auf. Sie hielten, wenn es darauf ankam, dem Druck stand - egal, ob im direkten Duell mit ihren Teamkollegen oder im Kampf um den WM-Titel. Bei Antonelli, Hadjar und Bortoleto hingegen sind noch Unsicherheiten erkennbar. Sie zeigen Nerven, wenn es um entscheidende Punkte geht, oder verlieren durch Fehler wertvolle Ergebnisse. Das ist für Rookies normal, doch es trennt eben die Talente von den Superstars.

Nicht zu vergessen: Hamilton und Verstappen sind Figuren, über die man spricht, selbst wenn gerade kein Rennen gefahren wird. Sie haben Ecken und Kanten, polarisieren, provozieren. Auch das macht ihren Superstar-Status aus. Antonelli, Hadjar und Bortoleto wirken im Vergleich noch zu vorsichtig und zu sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen und richtig zu sagen. Sympathisch sind sie allemal - doch die Aura eines Superstars, die weit über das Fahrerlager hinausstrahlt, fehlt ihnen bislang.

Als Hamilton 2007 zu McLaren stieß, wollten alle Mechaniker auf Alonsos Garagenseite arbeiten. "Alle gingen davon aus, dass der Rookie viele Unfälle produzieren würde und Fernando die bessere Wahl wäre. Letztendlich kam es dann ganz anders", erzählt der frühere McLaren-Chefmechaniker Marc Priestley Jahre später in einem Podcast. Auch Verstappen übernahm nach kurzer Zeit das Kommando im Team und formte Red Bull Racing zu seiner persönlichen Hochburg. Antonelli, Hadjar und Bortoleto sind noch lange nicht an dem Punkt, an dem sich ein Team kompromisslos hinter sie stellt. All das bedeutet jedoch nicht, dass der Superstar-Weg für sie verbaut ist. Im Gegenteil: Sie sind jung, entwicklungsfähig und können noch unter Beweis stellen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind.

Superstar-Beurteilung: Kimi Antonelli

Speed: ***

Konstanz: *

Abgebrühtheit: *

Mentale Reife: **

Superstar-Beurteilung: Isack Hadjar

Speed: ***

Konstanz: ***

Abgebrühtheit: ***

Mentale Reife: ***

Superstar-Beurteilung: Gabriel Bortoleto

Speed: ***

Konstanz: **

Abgebrühtheit: **

Mentale Reife: ***

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