Ehe die Formel 1 in Katar auf der Strecke loslegt, steht am Donnerstagabend ein für die Zukunft des Sportes potenziell richtungsweisendes Meeting zwischen den F1-Fahrern und Vertretern des Internationalen Automobil-Verbandes FIA an. Thema sind die Racing-Richtlinien. Womöglich mit ihrer Abschaffung als Endpunkt, denn die Fahrer-Gewerkschaft GPDA ist mit ihren Vorstellungen zur F1-Zukunft klarer denn je.
Seit 2022 versucht die FIA mittels der 'Driving Standards Guidelines' Konstanz in die Urteile der unabhängigen Stewards zu bringen. Stewards sind seit jeher schließlich keine Angestellten der FIA, sondern Freiwillige aus einem kleinen Pool an Offiziellen und Ex-F1-Fahrern, die sich von Rennen zu Rennen abwechseln. Doch, dass die Richtlinien die in sie gesetzte Hoffnung auf mehr Konstanz nicht erfüllt haben, liegt auf der Hand. Die Fahrer-Beschwerden waren im Vorlauf zum Katar-Meeting so deutlich geworden wie noch nie zuvor:
Ein großes Meeting mit den Fahrern gab es hier im Vorjahr. Die Richtlinien wurden nach Streitereien im Herbst angepasst, doch 2025 stoßen sich die meisten inzwischen an der viel zu kompromisslosen Auslegung. "Alles ist schwarz oder weiß, da die Richtlinien keine Rennunfälle vorsehen", so Carlos Sainz, einer der beiden aktiven Präsidenten der Grand Prix Drivers Association. "Immer hat einer einen Reifen davor, dahinter, was auch immer. So gesehen war das alles kein Erfolg."
Formel-1-Fahrer fürchten weiteres Richtlinien-Flickwerk für 2026
"Ich fürchte nur, dass wir wieder in der gleichen Position landen, wenn wir die Richtlinien anpassen", hat George Russell, der zweite aktive Präsident der GPDA, nicht mehr wirklich Lust darauf, das Experiment fortzuführen. "Dann haben wir nächstes Jahr irgendeinen neuen Zwischenfall, für den es in den Richtlinien keine Provision gibt, und dann haben wir wieder eine Entscheidung, die von den Richtlinien und nicht vom Wissen über Motorsport getragen wird."
"Ich denke, die Mehrheit der Fahrer glaubt daran, dass Vollzeit-Stewards die Zukunft sind", so Russell. Ein Weg, dem sich die FIA mit dem Verweis auf die nötige Unabhängigkeit von Schiedsrichtern seit Ewigkeiten verwehrt hat. In der Formel 1 würde das schließlich bedeuten, dass drei oder vier Stewards jede einzelne Straf-Entscheidung in 24 Rennen treffen. Eine Konzentration, wie es sie in praktisch keinem anderen Profisport gibt. Eigentlich sind Schiedsrichter-Rotationen gängig.
Die Formel 1 aber steht natürlich vor dem Problem, dass es nur ein Rennen pro Wochenende gibt. Fußball-Schiedsrichter können jede Woche Spiele unterschiedlicher Teams pfeifen und sozusagen in Form bleiben. Das geht in der Formel 1 nicht. Die Unabhängigkeits-Sorgen teilen die Fahrer aber nicht. Vielmehr ist Sainz davon überzeugt, dass eine hohe Spezialisierung das ist, was man braucht.
Warum Vollzeit-Schiedsrichter in der Formel 1 funktionieren können
Das Prinzip an sich ist im Motorsport nicht ungewöhnlich. Zahlreiche Serien haben in der Vergangenheit Positionen wie einen permanenten Chefsteward oder einen sogenannten "Driving Standards Observer" ernannt. Oft sind das ehemalige Fahrer. Sainz würde noch weiter gehen: Er würde das ganze Stewards-Panel mit Ex-Fahrern in Vollzeit-Rollen besetzen.
Die Idee kam ihm, als er sich in den letzten Wochen nach jedem Rennen die Analysen der TV-Experten Karun Chandhok, Anthony Davidson und Jolyon Palmer zu diversen kontroversen Zwischenfällen zu Gemüte fühlte. Alle drei sind Fahrer, die in den 2010ern noch Rennen fuhren. Das unterscheidet sie von manchen der Ex-Fahrern, die oft als Stewards auftreten. Chandhok und Davidson verdingen sich heute als Experten für Sky UK, Palmer ist bei F1 TV beschäftigt.
| Fahrer-Stewards | 2025 | Letztes F1-Rennen | Letzte volle Renn-Saison |
|---|---|---|---|
| Derek Warwick | 8x | 1993 (147 Starts) | 1998 (BTCC) |
| Enrique Bernoldi | 5x | 2002 (28 Starts) | 2011 (FIA GT-WM) |
| Pedro Lamy | 5x | 1996 (32 Starts) | 2019 (WEC) |
| Vitantonio Liuzzi | 7x | 2011 (80 Starts) | 2017 (GT Open) |
"Jedes Mal, wenn ich diese Analysen von Fahrern sehe, die noch vor nicht allzu langer Zeit Rennen fuhren, dann sind sie sehr gut, weisen die Schuld korrekt zu, oder sehen es als Rennunfall", meint Sainz. "Das ist jetzt meine Meinung, aber ich bin ziemlich beeindruckt vom Tiefgang ihrer Analysen, und wie sie Schuld zuweisen oder nicht. Dieses Level an Analysieren, das ist sehr hohes Niveau."
Natürlich hütet sich Sainz, explizit ältere Ex-Fahrer abzukanzeln: "Es gibt manche aus der älteren Generation, die sind gute Stewards. Da will ich jetzt keine Namen nennen und es persönlich machen. Aber ohne da jetzt zu weit vorzugreifen - wenn ich diese Analysen von jungen Ex-Fahrern sehe, dann machen die sehr viel Sinn. Hätten wir zwei oder drei dieser Fahrer für unsere Urteile, dann würden wir meistens keine Richtlinien brauchen."
Warum Stewards-Befangenheit in der Formel 1 kein Problem sein könnte
Von Fahrer-Seite macht man sich keine Sorgen bezüglich der Unbefangenheit. "Du kannst immer argumentieren, dass es permanente Befangenheit gibt, aber wenn du jede Woche bei den Stewards bist, dann solltest du mal in den Spiegel schauen", meint George Russell. In der Formel 1 sind Ermittlungen gegen einzelne Fahrer schließlich gar nicht einmal so häufig. "Die meisten Fahrer müssen vielleicht zwei, drei Mal im Jahr zu den Stewards."
"Bevorzugung sollte gar nicht möglich sein, weil du so oft nicht dort sein solltest", lautet Russells Fazit. Und klar, Fahrer haben untereinander unterschiedliche Meinungen über Urteile, aber nur, wenn sie selbst drin verwickelt sind. Grundsätzlich glaubt Russell, dass die Meinungen über korrektes Racing im F1-Fahrerlager sehr ähnlich sind: "Jeder Fahrer mag leicht verschiedene Ansichten haben, aber wenn du drei permanente Stewards hast, dann lernst du, wie sie Zwischenfälle sehen, und das schafft Konstanz für den nächsten."
Am Rande des großen Meetings gibt es auch in Katar wieder Streit über die jüngsten Zwischenfälle und ihre Handhabung der Stewards mit Hilfe der Richtlinien. Pierre Gasly übt dabei auch harte Kritik an Startunfall-Verursacher Gabriel Bortoleto:



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