Seit 2022 hat die Formel 1 die sogenannten "Driving Standards Guidelines". Das ist ein aktuell fünfseitiges Dokument, indem für die F1-Stewards definiert wird, welche Manöver auf der Strecke illegal sind. Besonders seit dem letzten Jahr sehen viele, auch manche Fahrer, hier übermäßige Paragrafen-Reiterei. Am Rande des Österreich -GPs stellen die Regelhüter der FIA daher nun einige Dinge klar.
Zuerst einmal wurden die Richtlinien erstmals der breiten Öffentlichkeit zugängig gemacht. Davor wurden sie nur an Teams, Fahrer und Stewards ausgeschickt. Daraufhin wurde das Thema im Fahrerlager von Österreich wieder zum großen Gesprächspunkt. Und mit ihm natürlich wieder die Kritik.
"Manchmal fühlt es sich etwas unnatürlich an", klagt etwa Oliver Bearman. "Diese ganzen Vorschreibungen kann man sich nicht alle merken. In einem Rad-an-Rad-Duell kannst du dich nicht an das fünfseitige Dokument erinnern, dass dir im Dezember geschickt wurde."
Racing in der Formel 1 wegen Regeln anders? Nicht für Fernando Alonso
Zweiter Kritikpunkt war seit jeher, dass die Verschriftlichung Lücken hinterließ, die Fahrer ausnutzen können. "Wie etwa von der Bremse gehen und damit sicherstellen, dass du die nötige Überlappung herstellst", beschreibt Liam Lawson. Da geht es um die Richtlinie, dass Manöver primär dadurch beurteilt werden sollen, wo die Vorderachse des Angreifers relativ zum Auto des Verteidigers liegt. Wer also später bremst und einfach sicherstellt, dass er am Scheitelpunkt vorne ist, dem werden mehr Rechte eingeräumt.
"Im Kart hat es einfach funktioniert", träumt Lawson von der guten alten regelfreien Zeit. Die gab es einst auch in der Formel 1. Und die erfahreneren Fahrer sehen die Kritik so schon nicht. "Wenn ich im Auto sitze, fahre ich so wie immer, ich denke nicht über Seite vier oder was auch immer nach", meint der seit 2001 fahrende Fernando Alonso. "Du folgst immer deinem Instinkt. Wenn man sich berührt, wenn was passiert, dann brauchst du ein Regelbuch, damit es jemand außerhalb des Autos beurteilen kann."
Formel-1-Fahrer mit entscheidendem Input für Racing-Regeln
Genau das streicht auch der erfahrene Offizielle Gary Connelly hervor. Connelly ist ein altgedienter Steward und macht den Job seit Jahren. Und er unterstreicht gleich einmal, dass der Impuls 2021 - nach einer Saison voller kontroverser Zwischenfälle und Strafen vor allem im engen WM-Kampf rund um Max Verstappen und Lewis Hamilton - schon von den Fahrern gekommen war: "Die Fahrer haben den damaligen Rennleiter um eine Reihe an Richtlinien gebeten."
Seit 2022 wurden die Richtlinien zwei Mal adaptiert. Beide Male nach Rücksprache mit den Fahrern: "Zuletzt nach einem sehr positiven Meeting beim Katar-GP 2024. Das resultierte auch in revidierten Richtlinien für Überholen außen und innen. Nach dem Meeting wurde ein neuer Vorschlag über die [Fahrer-Gewerkschaft] GPDA verschickt. Basierend auf Input von den Fahrern, der Einsitzer-Abteilung der FIA, des Fahrer-Komitees der FIA und der Formel-1-Teams wurden die aktuellen Richtlinien dann vor dem ersten Rennen 2025 bestätigt."
"Die Beratungen mit den Fahrern waren von enormem Wert", sagt Connelly. Denn letztendlich ist das Ziel der Richtlinien klar: Sie sollen - wie von Alonso angerissen - es den Stewards, also den F1-Schiedsrichtern, leichter machen, Zwischenfälle zu beurteilen. "Mit dem Ziel, Fairness und Konstanz zu erreichen."
GPDA-Direktor George Russell lobt FIA-Arbeit, hofft auf Profi-Stewards
Hierfür gibt es auch Lob von George Russell, einem der Direktoren der Fahrer-Gewerkschaft GPDA. Sowohl über die Änderungen als auch über die Tatsache, dass die FIA die Dokumente jetzt veröffentlicht: "Damit ihr versteht, worauf sie hinarbeiten. Es gab in den letzten Monaten natürlich ein paar kleine, positive Änderungen."
Connelly ergänzt, dass die Richtlinien weiterhin ein "lebendes Dokument" sind, dass sie also laufend basierend auf Feedback angepasst werden. "In den Fahrerbriefings sprechen wir darüber", stellt auch Williams-Pilot Alex Albon klar. "Es fühlt sich noch etwas grau an in manchen Bereichen."
Letztendlich bemüht sich die FIA, nach bestem Wissen und Gewissen die Straf-Entscheidungen zu strukturieren. Deshalb sind auch Stewards-Entscheidungen inzwischen auf extrem detaillierte Erklärungen angewachsen. Vor 20 Jahren stand in diesen Dokumenten oft bloß: "Fahrer X hat eine Kollision verschuldet und wird bestraft." Heute wird das genaue Vorgehen erklärt, wie die Stewards zu diesem Urteil kamen.
"Die Straf-Richtlinien sind auch keine harten Vorgaben", unterstreicht Connelly. Man versucht, mit Telemetrie, Onboards, Fahrer-Aussagen, Funksprüchen und dergleichen alles, was geht, in die Beweisführung aufzunehmen. "Die empfohlenen Strafen sitzen in einem Bereich, wo mildernde oder erschwerende Umstände von den Stewards in Betracht gezogen werden können, um eine härtere oder schwächere Strafe auszusprechen oder sogar eine außerhalb des Bereichs."
Letztendlich ist diese Lösung aber auch darauf zurückzuführen, dass die Stewards in der Formel 1 keine Vollzeit-Beschäftigten sind. Es ist ein Pool an Freiwilligen. Die Richtlinien sollen bei wechselnden Besetzungen hier Konstanz schaffen. George Russell hofft immer noch darauf, das irgendwann zu ändern: "Der beste Weg wäre voll bezahlte Profi-Stewards. Eine konstante Aufstellung. Dann kannst du die Richtlinien vielleicht etwas reduzieren, weil letztendlich sind die dafür da, um den Stewards zu helfen."



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