Für Lando Norris war der Samstag bei der Formel 1 in Las Vegas ein Tag voll Überraschungen. Erst wachte er nach einem Pausen-Nickerchen zu völlig unerwartetem Regen auf. Dann stellte er seinen MCL39 auf der ultimativen Anti-McLaren-Strecke auf Pole. Doch war es nur der Regen, der Norris ins Spiel brachte? Und hat er eigentlich keine Chance gegen Max Verstappen und George Russell?
McLaren und Norris hatten im ganzen Vorlauf den Ball für Las Vegas flach gehalten. In den ersten beiden Jahren war das Auto-Konzept absolut nicht für diese Strecke gemacht. Zum einen baut McLaren keine Autos, die in der Low-Downforce-Konfiguration besonders effizient sind. Das braucht man in Las Vegas. Zum anderen baut man keine Autos, die sich leicht so abstimmen lassen, um die Vorderachse vor Graining zu schützen.
Dieser Effekt des Abrubbelns der Reifen-Oberfläche ist in Las Vegas das größte Problem für die Formel 1 im Rennen. Weil es so kalt ist, rutschen vor allem die Vorderreifen in jeder Kurve zu stark. Das erzeugt den Graining-Effekt, bei dem die Oberfläche sich leicht auflöst und dadurch uneben wird, wodurch der Grip schwindet. Das verschlimmert den Effekt nur. Da es in Las Vegas eine sehr lange Gerade gibt, ist es auch nicht schwierig, einen in diese Graining-Spirale kommenden Fahrer schnell zu überholen.
Norris-Pole beweist nichts: McLaren für Rennen in Las Vegas gewarnt
Für 2025 hat Reifenausstatter Pirelli viel gegen generelles Graining getan, aber weil es in Las Vegas eine durch kalte Temperaturen bedingte Sonderform des Effekts ist, helfen die neuen Reifen-Designs kaum. "Also zeigen die Reifen Graining auf so ziemlich gleichem Niveau wie im Vorjahr", mahnt McLaren-Teamchef Andrea Stella bereits. Da die Regenwahrscheinlichkeit sich für das Rennen wieder unter 10 Prozent bewegt und Temperaturen rund um 15 Grad erwartet werden, gehen alle davon aus, dass die Kontrolle über das Graining den Grand Prix entscheiden wird.
McLaren hat einiges investiert, um dem Problem entgegenzuwirken. Aus einem sehr experimentellen letzten Stint von Norris am Ende der 2024er-Ausgabe glaubte man erste Antworten abgeleitet zu haben: "Wir haben uns in mehreren Bereichen verbessert, von Aerodynamik, über Reifen-Nutzung, bis hin zur Balance." Daher sah Norris am Freitag auch schon deutlich zufriedener aus. Und wähnte sich sogar im Pole-Kampf: "Ich denke, es war gut im Trockenen."
Was McLaren jedoch fehlt, ist ein Longrun. Das gilt für fast alle. Eine Handvoll Fahrer fuhren in FP1, aber das war so früh im Wochenende, dass es kaum Aussagekraft hat. In FP2 verhinderten rote Flaggen die Renn-Vorbereitungen. Und am Samstag regnete es. Pirelli erwartet ein Rennen zwischen ein und zwei Stopps, mit Medium und Hard. Alle Top-Teams haben sich zwei Sätze des in der Theorie robusten Hard behalten, sind aber mit dieser Reifenmischung hier noch keine einzige Runde gefahren.
Mercedes & Red Bull: Die richtigen Autos für das Rennen in Las Vegas?
"Ein paar der Dinge im Training stimmten zuversichtlich, aber im Trockenen hätten wir sicher nicht diese Lücke gehabt", ist Stella vorsichtig, geht aber dennoch davon aus, dass McLaren so oder so im Pole-Kampf mitgemischt hätte. Und jetzt prognostiziert er zumindest ein enges Rennen: "Letztes Jahr sahen wir hier ein dominantes Team. Dieses Jahr scheinen alle Teams zu wissen, was zu tun ist."
Dieses dominante Team war Mercedes gewesen. Der damals uneinholbare Vorjahres-Sieger George Russell enttäuschte im Qualifying. Im Regen war das Auto mäßig, dann ging in Q3 auch noch die Servolenkung kaputt. Irgendwie schaffte es Russell dennoch, mit Startplatz vier den Schaden zu minimieren und sich in Schlagdistanz zu halten. Mercedes ist verhalten optimistisch: Im Trockenen will man anhand von FP1-Daten wissen, dass die Rennpace auch 2025 gut sein sollte.
Doch Russell hat nicht nur Norris vor sich, sondern auch den von P2 startenden Max Verstappen. Der war hier im Vorjahr im Nirgendwo, aber das lag nur daran, dass Red Bull damals kein dezidiertes Low-Downforce-Aeropaket hatte. Die kleinen 2025er-Flügel am Red Bull sind hingegen verbriefte Erfolgsmodelle. Mit ihnen gewann Verstappen alle Einsätze im Trockenen: Baku, Monza und den Sprint in Spa.
Verstappen mit nichts zu verlieren: Gefahr für Norris am Start in Las Vegas?
Aber das sind Strecken ohne das Vegas-spezifischen Graining-Problem. Mangels aussagekräftiger Longrun-Daten ist Verstappen vorsichtig: "In FP1 sind wir ein bisschen gefahren, das hat mir nicht ganz gefallen. Hoffentlich wird es mit unseren seither vorgenommenen Änderungen etwas besser, aber wahnsinnig gut erwarte ich es nicht."
Der die WM drei Rennen vor Schluss kontrollierende Norris hat allerdings in der ersten Kurve gegen Verstappen sehr viel zu verlieren. Weniger als 150 Meter sind es von der Pole zur ersten Bremszone, doch das hielt Verstappen 2023 etwa nicht davon ab, brutal gegen den damaligen Pole-Mann Charles Leclerc reinzuhalten und sich dabei Führung und Strafe einzuhandeln.
Schließlich liegt die Pole in Las Vegas auf der rechten Seite. Dort ist die Ideallinie, also mehr Grip, aber dadurch hat der von Platz zwei Startende links die Innenbahn für die erste Kurve. WM-Außenseiter Verstappen hat mit 49 Punkten Rückstand eigentlich nichts mehr zu verlieren. Ein Techtelmechtel würde mit Sicherheit Oscar Piastri freuen. Der steht nach Pech mit einer gelben Flagge im Qualifying auf P5 erneut recht weit hinten.
Williams-Wildcard Carlos Sainz: Zweites Baku-Wunder in Las Vegas möglich?
Inmitten dieser Hochkaräter hat sich in Las Vegas ein Williams geschummelt. Carlos Sainz machte das Beste aus dem Regen und holte sich mit einer Glanzleistung den dritten Startplatz. Gleich werden Erinnerungen an Baku wach. Dort hatte Sainz mit einem souveränen Rennen sich das erste Podium mit Williams erkämpft. Und ähnlich wie Baku passt auch Las Vegas dem Auto. Dessen größtes Problem - Temperatur-Management im Qualifying - neutralisierte der Regen.
Jetzt muss man an dem im Renn-Trimm oft starken Williams erst einmal vorbei. Allerdings glaubt Sainz nicht, dass es für die ganz großen Kaliber reicht: "Von hinten werden mit den Mercedes, dem anderen McLaren und den Ferraris Autos kommen, die im Trockenen stark waren. Ich werde natürlich mein Bestes geben, ihr habt es in Baku oder Austin gesehen. Wenn ich um das Podium kämpfe, versuche ich einfach mich fehlerlos so breit wie möglich zu machen."
Russell und Piastri werden für Sainz deutlich größere Probleme darstellen als Ferrari. Klar, auf dem Papier sieht der SF-25 verdammt schnell aus. "Wenn es trocken ist, haben wir ein richtig gutes Auto", so Lewis Hamilton. Wenn es trocken ist. Im Regen war der Ferrari im Qualifying ein Desaster. Hamilton steht auf dem letzten Startplatz. Charles Leclerc erging es mit P9 zwar besser, aber den Ansprüchen wird das auch nicht gerecht.
Leclerc zweifelt daran, dass die gute Rennpace von hier aus noch zu etwas führen kann: "Wir haben recht viel Abtrieb. Das hätte uns bei nassen Bedingungen helfen sollen. Aber ist jetzt nicht so, dass wir weiter vorne starten. Also wird das Überholen schwierig." Mehr zu den Hintergründen von Ferraris Regen-Pleite gibt es hier:



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