In Baku kommt zum letzten Mal in der Formel-1-Saison 2025 der C6-Reifen, Pirellis weichste Mischung zum Einsatz. Das führte schon am Trainingsfreitag zu spannenden strategischen Fragen. Denn schon bei den bisherigen Rennen in Imola, Monaco und Montreal, bei denen der C6 zum Einsatz kam, erfreute sich der superweiche Kleber nicht allzu großer Beliebtheit.
Deshalb nutzten viele Piloten die Trainings am Freitag dazu, den ungeliebten Soft-Reifen loszuwerden. Oder anders ausgedrückt: Sie wollten sich vor allem den Medium, den C5 aufheben. Denn die Erfahrung der bisherigen Einsätze zeigt: Selbst über eine Runde ist vielen Piloten die C5-Mischung lieber als die C6-Mischung.
Im 1. Freien Training zum Aserbaidschan GP kamen deshalb ausschließlich die Soft-Reifen zum Einsatz, alle Piloten setzten zwei Sätze davon ein. Das Reglement schreibt vor, dass nach jedem Training zwei Reifensätze zurückgegeben werden müssen, damit die Fans Action auf der Strecke sehen und die Teams nicht Reifen für Qualifying und Rennen horten.
Hamilton einziger Top-F1-Fahrer auf Medium
Im 2. Freien Training gab es durchaus Variation im Feld. Vor allem die Top-Teams verzichteten aber weiter auf Medium und Hard. McLaren, Mercedes und Aston Martin fuhren auch am Nachmittag ausschließlich auf Soft. Bei Ferrari griff immerhin Lewis Hamilton einen Satz Medium an, bei Red Bull war es Yuki Tsunoda.
Die restlichen Teams setzten im 2. Training allesamt nur einen Satz Soft ein. Bis auf Alexander Albon opferten alle Piloten einen Satz Medium, der Williams-Pilot fuhr auf dem harten C4-Reifen.
Was bedeutet das für das weitere Rennwochenende? Im 3. Freien Training, der Qualifying-Generalprobe werden wohl alle Fahrer ausschließlich Soft-Reifen nutzen. Daher dürfte sich die Anzahl an Medium-Sets, die in der Qualifikation zur Verfügung stehen, nicht mehr ändern.
Das Problem: An 'normalen' Rennwochenenden, an denen der weichste Reifen der schnellste Pneu über eine Runde ist, braucht man bis zum Rennen vor allem Softs. Deshalb erhält jeder Fahrer zu Beginn des Wochenendes standardmäßig acht Sätze Soft, drei Sätze Medium und zwei Sätze Hard.
Wer in Baku schon im Training einen Medium aufgezogen hat, dem bleiben für das Qualifying nur noch zwei Sätze übrig. Sollte der Medium tatsächlich der beste Reifen sein, ist das für das Qualifying ein großer Nachteil. Das wären keine guten Neuigkeiten für Lewis Hamilton, der am Freitag die Tagesbestzeit fuhr.
Wer kommt mit 2 Medium-Sätzen ins Q3?
Auch für die Top-Piloten wird es spannend: Schafft es jemand, zwei Sätze Mediums für Q3 aufzubewahren? Dafür müsste man Q1 und Q2 mit insgesamt einem Soft und einem Medium überstehen.
Warum aber ist der Medium-Reifen sogar auf eine Runde schneller als der Soft? Einerseits neigt der C6 stärker zum Überhitzen am Ende der Runde. Auch wenn die letzten zwei Kilometer nur vollgas und die Temperaturen in Baku moderat sind, hat der Medium am Ende der Runde schon einen kleinen Vorteil.
Entscheidender ist aber ein anderer Faktor. "Der C5 bietet den Fahrern ein konstanteres Gefühl, sie finden darauf mehr Vertrauen und können mehr pushen", erklärt Pirellis Simone Berra. "Beim Grip sind beide F1-Reifen recht ähnlich, der C6 bietet sogar ein bisschen mehr, aber das Feedback ist ähnlich wie bei den Rennen in Imola und Montreal: Der C6 bewegt sich etwas stärker."
Die Konstruktion unter den verschiedenen Reifenmischungen ist immer identisch, durch das besonders weiche Gummi des C6 verformt sich der Reifen aber bei Kurvenfahrt stärker als seine Kollegen. Diese laterale Bewegung gibt den Piloten ein schwammigeres Fahrgefühl.
Hamilton fährt Trainings-Bestzeit auf Soft
Trotzdem fuhr Lewis Hamilton im 2. Freien Training Bestzeit auf Soft. Der Rekordsieger der Formel 1 fuhr darauf rund zweieinhalb Zehntelsekunden schneller als auf Medium. Allerdings fuhr der Ferrari-Pilot erst später im Training auf Soft, die besseren Streckenverhältnisse dürften geholfen haben.
Hamilton-Bestzeit? Die Überraschung am Baku-Freitag hatte auch mit Problemen bei McLaren zu tun. Alle Infos dazu gibt es von Christian im Video:
Dass die Hamilton-Zeit bereits schneller war als die Pole-Position des Vorjahres dürfte übrigens nicht am weicheren Reifen gelegen haben. Pirelli stellte bei Messungen vor dem Wochenende fest, dass der Asphalt des Baku City Circuit zehn Prozent mehr Grip bietet, als im vergangenen Jahr.
Auch wenn derzeit vieles daraufhin deutet, dass der Medium der schnellere Reifen ist, ist die Sache nicht ganz so eindeutig. Unterschiedliche Autos reagieren unterschiedlich auf die verschiedenen Reifenmischungen. Williams und Mercedes zum Beispiel haben besonders große Probleme, das Maximum aus weicheren Reifen herauszuholen, bei Ferrari scheint sich der Extra-Grip stärker bemerkbar zu machen. "Ferrari war stark auf dem C6. Ich bin mir nicht sicher, dass der C6 für alle langsamer ist", meint Berra.
Pirelli bringt absichtlich schwierige F1-Reifen nach Baku
Pirelli ist die Problematik des für 2025 neu entwickelten C6 seit einiger Zeit bekannt, trotzdem hat man sich in Baku für die weichsten Mischungen entschieden. Der Alleinausrüster versucht so, die Teams im Rennen zu zwei Boxenstopps zu bewegen. Der Aserbaidschan GP ist traditionell ein Einstopp-Rennen, durch die weicheren Mischungen will man zwei Stopps erzwingen.
Unter normalen Umständen wird es aber auch 2025 auf eine Einstopp-Rennen hinauslaufen. Im Grand Prix wird voraussichtlich überwiegend der C4 gefahren, der C5 kommt bei den Top-Piloten wohl als Startreifen für einen kurzen ersten Stint zu Einsatz. Eine Zweistopp-Strategie ist laut Pirelli rund sieben bis acht Sekunden langsamer - Verkehr noch nicht mitgerechnet.



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