Peter Bonnington, Riccardo Adami, Gianpiero Lambiase, Tom Stallard - sie sind mehr als nur die Stimmen im Ohr von Kimi Antonelli, Lewis Hamilton, Max Verstappen und Oscar Piastri. Die Renningenieure gehören zum 'Circle of Trust', sind die engsten Vertrauten eines Formel 1-Fahrers.

Der eine weiß, was der andere denkt. In einem chaotischen Rennen wie beim Saisonauftakt in Australien, in dem in Bruchteilen von Sekunden Entscheidungen getroffen werden müssen und der kleinste Fehler über Erfolg und Misserfolg entscheidet, kommt dem Renningenieur eine Schlüsselrolle zu. Er ist ein zweites Paar Augen und Ohren für den Fahrer.

Formel-1-Renningenieur oder doch Fußballtrainer?

Wie sieht der Reifenverschleiß aus? Wo gibt es Verkehr oder Gefahrenstellen auf der Strecke? Wann folgt der nächste Regenschauer? "Man versucht, dem Fahrer viel Denkarbeit abzunehmen, damit er einfach im Moment sein, sich auf die nächste Kurve konzentrieren und das Potenzial des Autos voll ausschöpfen kann“, erklärt Stallard, der 2008 zu McLaren stieß. "Wir sind die Übersetzer, die die Lücke zwischen der technischen Abteilung und dem Fahrer schließen - wir finden den besten Weg, die Informationen zwischen diesen beiden Parteien zu übermitteln."

Die Arbeit eines Renningenieurs fängt aber nicht erst im Rennen an. Vielmehr gibt er die Marschroute für das Wochenende vor, indem er das Programm für die einzelnen Sessions zusammenstellt und das Setup-Puzzle so perfekt wie möglich zusammensetzt. Guillaume Rocquelin, ehemaliger Renningenieur von Sebastian Vettel und jetzt Direktor des Red Bull Junior Teams, verglich seinen Job einmal mit dem eines Fußball-Trainers. "Du musst ein Gespür für die Gesamtsituation haben und in einer sich anbahnenden Katastrophe Ruhe bewahren", erklärte der Franzose.

Max Verstappen im Gespräch mit Rennigenieur Gianpiero Lambiase
Verstappen im Gespräch mit Lambiase, Foto: IMAGO / PsnewZ

Lambiase vs. Verstappen: Wortgefechte gehört dazu

Der Renningenieur leitet den Fahrer durch den Dschungel aus Informationen und Emotionen. Hier kommt wohl der wichtigste Aspekt eines Renningenieurs zum Tragen: der Menschliche. "Ein guter Renningenieur ist immer auch ein guter Psychologe", bestätigt Christian Danner gegenüber Motorsport-Magazin.com. Als Renningenieur braucht es ein gutes Maß an emotionaler Intelligenz und Einfühlungsvermögen, um mit den aufkommenden Emotionen eines Fahrers umzugehen.

Dabei kann es am Funk auch schon mal heiß hergehen wie beim Belgien GP 2023. Lambiase rügte Verstappen dafür, dass er nach dem zweiten Boxenstopp zu stark angegast sei. "Dieser Reifen hatte im ersten Stint einiges an Verschleiß. Ich würde dich darum bitten, deinen Kopf etwas mehr einzusetzen", tönte es über den Red-Bull-Funk.

Verstappen konterte mit dem Gegenvorschlag: "Ich kann jetzt auch den Reifen runterfahren und dann machen wir einen Extra-Stopp. Ihr wollt doch sicher auch Boxenstopps trainieren." Auch wenn solches Geplänkel wie zuletzt zwischen Hamilton und Adami in Australien gern in den internationalen TV-Übertragungen breitgetreten wird, so gehört das einfach zu der Beziehung zwischen Renningenieur und Fahrer dazu.

Das stellte auch Ferrari-Teamchef Fred Vasseur klar: "Die Medien haben da eine riesige Story draus gemacht. Von diesem 'riesigen Chaos' zwischen Lewis und seinem Ingenieur. Als Lewis ins Briefing kam, sagte er zu seinem Ingenieur: 'Guter Job.' Aber weil sie K1 diskutieren, und wegen 'Sprich nicht mit mir, wenn ich kämpfe', fragen mich alle: 'Oh, ist das ein Chaos?' Nein, so läuft das im Leben!"

Die stillen Helden in der Fabrik

In der Formel 1 lautet ein Gesetz: Das Rennen wird an der Strecke gewonnen, die Weltmeisterschaft in der Fabrik. Entsprechend spielt sich ein großer Teil der Arbeit eines Renningenieurs in der Fabrik ab. "Man ist nicht nur ständig im Austausch mit dem Fahrer, sondern mit dem kompletten Team, um sicherzustellen, dass jeder auf demselben Wissensstand ist", verriet Bonnington, Renningenieur von Andrea Kimi Antonelli.

Nach jedem Rennen sitzt der Renningenieur am Laptop und wertet sämtliche Daten aus. Die Schlussfolgerungen fließen ins nächste Rennen ein und sorgen bestenfalls für eine Verbesserung in der Performance. Jedes neue Teil, jede neue Weiterentwicklung am Auto - es gibt keinen Part, an dem der Renningenieur nicht involviert ist. "Du musst ein Experte sein, in allem, was das Auto betrifft", betonte Bonnington.

Was macht ein Formel-1-Renningenieur? (25:01 Min.)

Übersicht Fahrer und ihre Renningenieure

Fahrer Renningenieur
Oscar Piastri Tom Stallard
Lando Norris William Joseph
George Russell Marcus Dudley
Kimi Antonelli Peter Bonnington
Max Verstappen Gianpiero Lambiase
Yuki Tsunoda Richard Wood
Charles Leclerc Bryan Bozzi
Lewis Hamilton Riccardo Adami
Fernando Alonso Andrew Vizard
Lance Stroll Gary Gannon
Gabriel Bortoleto Jose Manuel Lopez
Nico Hülkenberg Steven Petrik
Isac Hadjar Pierre Hamelin
Liam Lawson Ernesto Desiderio
Pierre Gasly John Howard
Esteban Ocon Laura Müller
Carlos Sainz Gaetan Jego
Alex Albon James Urwin
Jack Doohan Josh Peckett
Oliver Bearman Ronan O'Hare