Jeder Formel-1-Fan hat sie sicher schon wahrgenommen: die Strategie-Grafik. Während der Aufwärmrunde vor jedem Grand Prix gibt es sie kurz eingeblendet, meist zwei Empfehlungen von Reifenausrüster Pirelli. Wer im Rennen aber aufpasst, wird höchstwahrscheinlich feststellen, dass der Sieger keinen der Vorschläge zu befolgen scheint. Ist Pirelli ahnungslos? Motorsport-Magazin.com forscht nach.
Pirelli ist bekanntlich eine beliebte Zielscheibe für Fahrer, Teams und Fans. Immer wieder staut sich Frust über die filigranen, schwer verständlichen Pneus an. Die verstehen ihre Reifen doch selbst nicht, lautete etwa in den letzten Monaten wiederholt das Fazit von Mercedes. Ein Blick auf die Bilanz der Strategie-Prognosen scheint das zu untermauern.
Üblicherweise gibt es von Pirelli vor jedem Rennen am Sonntagmorgen per Pressemitteilung basierend auf allen bisher vorhandenen Daten des Wochenendes eine Optimal-Strategie und zwei bis vier Alternativ-Empfehlungen. Sie alle empfehlen, welche Reifen man wann aufziehen sollte, und geben ein meist zwischen vier und sechs Runden großes Boxenstopp-Fenster an. Üblicherweise werden die zwei Optionen ausgewählt und vor dem Start im TV-Bild gezeigt.
Pirellis Trefferquote bei Formel-1-Strategien: So schlecht ist sie wirklich
So lässt sich rückblickend sehr leicht anhand der bisherigen Trockenrennen der Saison 2025 (und exklusive des Zweistopp-Würfelspiels von Monaco) eine Trefferquote errechnen. Für Pirellis Strategen spricht diese nicht wirklich. In nur 5 von 10 Trockenrennen fuhr der Sieger mit einer Pirelli-Strategie. Vier davon waren die Optimal-Strategie, einmal (Lando Norris in Ungarn) war es die erste Alternative.
Geht man über den Sieger hinaus und betrachtet das ganze Feld, so fällt die Quote stetig. Nur in 3 von 10 Rennen richtete sich mindestens die Hälfte des Feldes zumindest nach einem der Pirelli-Vorschläge. Highlight waren hier Japan und Saudi-Arabien mit je 13 Fahrern. Japan ist auch das beste Ergebnis der Optimal-Strategie - 12 von 20 Fahrern starteten wie empfohlen auf Medium und wechselten zwischen den Runden 19 und 25 auf Hard.
An zwei Wochenenden folgte nur ein Fahrer einem Pirelli-Vorschlag. Imola lässt sich aufgrund von mehreren Neutralisierungen durch Safety Car und VSC schwer beurteilen (auch wenn die erste Boxenstopp-Phase schon Trends zeigte). China ist dafür ein klarer Fall. Die empfohlenen zwei Stopps waren ein völliges Desaster.
Die Quote von Pirelli über die ganze Saison hinweg pendelt sich somit bei 31 Prozent ein - in weniger als einem Drittel der Fälle nutzt ein Fahrer irgendeinen der Pirelli-Vorschläge. 22 der 31 Prozent entfallen auf die theoretische Optimal-Strategie. Aber ist es fair, nun auf Pirelli einzutreten? Jetzt ist es an der Zeit, die Prognosen zu rechtfertigen.
| Rennen | Pirelli-Strategie | |
|---|---|---|
| China | Sieger | Nein |
| Quote empfohlen | 1 von 20 | |
| Quote gesamt | 1 von 20 | |
| Japan | Sieger | Ja (empfohlen) |
| Quote empfohlen | 12 von 20 | |
| Quote gesamt | 13 von 20 | |
| Bahrain | Sieger | Ja (empfohlen) |
| Quote empfohlen | 2 von 20 | |
| Quote gesamt | 4 von 20 | |
| Saudi-Arabien | Sieger | Ja (empfohlen) |
| Quote empfohlen | 10 von 20 | |
| Quote gesamt | 13 von 20 | |
| Miami | Sieger | Nein |
| Quote empfohlen | 5 von 20 | |
| Quote gesamt | 7 von 20 | |
| Emilia Romagna | Sieger | Nein |
| Quote empfohlen | 0 von 20 | |
| Quote gesamt | 1 von 20 | |
| Spanien | Sieger | Nein |
| Quote empfohlen | 3 von 20 | |
| Quote gesamt | 4 von 20 | |
| Kanada | Sieger | Nein |
| Quote empfohlen | 2 von 20 | |
| Quote gesamt | 2 von 20 | |
| Österreich | Sieger | Ja (empfohlen) |
| Quote empfohlen | 5 von 20 | |
| Quote gesamt | 10 von 20 | |
| Ungarn | Sieger | Ja (Alt 1) |
| Quote empfohlen | 4 von 20 | |
| Quote gesamt | 7 von 20 |
Wie werden diese Strategie-Empfehlungen ermittelt?
Der Prozess bis zur Empfehlung ist recht umfangreich. Die Teams spielen kaum eine Rolle - niemand wird freiwillig öffentlich vor einem Rennen verraten, wie man denkt. Pirelli muss also selbst die Simulationen durchführen. Der Prozess ist umfangreich.
Es beginnt damit, dass man vor dem Rennwochenende Gripniveau und Härte des Asphalts mit eigenen Geräten misst. Man schaut auf die Temperaturen und Prognosen. Man erhält nach jedem Freitag von jedem Fahrer die vier in den ersten beiden Trainings verwendeten Reifensätze, die man auf Verschleiß, Abnutzung und Abbau analysiert. Man nutzt Erfahrungswerte.
Das ist recht viel und doch recht wenig. Denn die moderne Formel 1 ist ultimativ etwas zu komplex, um sie verlässlich herunterzubrechen. Denn Gründe, warum es nicht passt, gibt es zuhauf.
Warum liegen Pirellis Formel-1-Strategien so oft daneben?
1. - Zu wenig Trainingszeit: Oftmals gibt es nur 30 Minuten an Longruns im 2. Training. Wenn eine neue Reifen-Auswahl an eine Strecke gebracht wird oder eine Strecke neu asphaltiert wurde oder ungewöhnliche Wetterbedingungen herrschen, hat man auch noch recht oft kaum Erfahrungswerte, weil die Autos relativ zum Vorjahr neu sind. Die Datenlage ist daher von Beginn an klein.
2. - Setup-Änderungen: Teams fahren am Freitag oft nicht mit optimierten Autos, weil sie selbst da noch keine Daten von der Strecke haben. Oft wird für Samstag das Setup umgebaut, Fahrer erhalten neue Fahrstil-Instruktionen und die Auswirkungen solcher Umbrüche lassen sich aus FP3-Daten dann meist nur mehr sehr vage herauslesen.
3. - Test-Longruns in FP2: Teil dieses Prozesses ist am Freitag auch, dass Teams oft passive oder aggressive Longrun-Profile fahren, um den Reifen unter extremen Szenarien zu evaluieren. Das kann Pirelli nicht wissen. So weiß man - anders als die Teams - nicht, wenn ein sehr stark verschlissener Reifen etwa nur durch ein unverhältnismäßig aggressives Stint-Profil zustande kam.
4. - Nur 2 Sätze Hard: Weil die Teams meist möglichst lange Stints - idealerweise für Einstopp-Strategien - fahren wollen, ist der harte Reifen jedes Wochenende ein Schlüssel. Das Reglement erlaubt aber nur zwei pro Fahrer. Bei Rennen mit hohem Verschleiß testen die Teams daher in den Trainings den Hard oft gar nicht, um beide Sätze für das Rennen zu sparen. So können selbst die Teams in Runde 30 am Sonntag noch von einem unbekannten Hard-Verhalten überrascht werden. Bei zwei Rennen (China und Kanada) sorgte das für unerwartete Einstopp-Strategien.
5. - Mittelfeld treibt Strategien: Die Spitzengruppe will in einem Rennen oft erst stoppen, wenn das Mittelfeld sich aufgelöst hat. Sprich, wenn das Mittelfeld gestoppt hat. So starten Rennen an der Spitze oft verhalten und der Start-Stint wird etwas verlängert, weil niemand einen frühen Stopp in Verkehr riskieren will. Pirelli kann Verkehr aber unmöglich prognostizieren. Die Vorschau ist immer ein theoretischer Vorschlag bei freier Fahrt.
6. - Verrückte im Mittelfeld: Andererseits treiben Strategen im Mittelfeld oft Welleneffekte an. Hier fahren Piloten außerhalb der Punkte oft bewusst nicht optimierte Strategien. Vor allem auf überholfeindlichen Strecken kann ein absurd früher Undercut viele Plätze gewinnen. Beginnt so ein "Verrückter", zwingt das oft andere zur Reaktion, nur um so ein Undercut-Szenario zu verhindern. Die Welle kann dann schnell einmal fünf oder mehr Fahrer auf wissentlich schlechte Strategien zwingen.
Fazit: Ein Formel-1-Rennen ist eigentlich zu variabel, um strategische Prognosen mit hoher Trefferquote zu schaffen. Dass fast ein Drittel aller Trocken-Strategien einem Pirelli-Vorschlag folgen, ist eigentlich solide. Die fünf Rennen, bei denen der Sieger 2025 ausscherte, gingen alle darauf zurück, dass der Reifen am Sonntag besser hielt, als man erwartet hatte.



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