Ferrari hat Reifentests für die Konkurrenz in der Formel 1 zur Zielscheibe gemacht. Denn bei einem dieser Tests, der einzig und allein als Entwicklungshilfe für Einheits-Reifenlieferant Pirelli dienen soll und darf, fuhren Charles Leclerc und Carlos Sainz am 27. April in Imola mit zwei verschiedenen Unterböden. Auch wenn die Regelhüter von der FIA Ferraris Verhalten als korrekt einstuften, so schrillen bei McLaren, Red Bull, Alpine und Mercedes die Alarmglocken.

Das Sportliche Reglement der Formel 1 definiert in einer neuen Version vom 29. April inzwischen konkret, dass bei einem Reifentest zum einen nur bereits bei Rennen oder Vorsaison-Tests genutzte Teile verwendet werden dürfen. Und zum anderen, dass es den Teams verboten ist, Änderungen am Auto oder Setup vorzunehmen, die ihnen Informationen liefern, welche nichts mit dem Reifentest zu tun haben. Setup-Änderungen oder Teilewechsel sind nur erlaubt, wenn der Reifenhersteller zustimmt, dass sie für den Test essentiell sind.

Ferraris Unterboden-Evolution anhand von Beispielen: Miami, früher Bahrain-Test, Barcelona-Test -
Ferraris Unterboden-Evolution anhand von Beispielen: Miami, früher Bahrain-Test, Barcelona-Test -Foto: LAT Images

Ferrari arbeitet seit dem ersten Test am Unterboden, um Porpoising in den Griff zu bekommen. Der zu Beginn des Bahrain-Tests genutzte Boden (Mitte) unterscheidet sich vom aktuellen (oben) - dieser Idee folgt man erst seit einem Upgrade am Ende des Tests, seither wurden nur Böden mit diesem Konzept genutzt.

Beim Reifentest in Imola kam nun erst ein aktueller, dann am Nachmittag wohl der vom Bahrain-Test zum Einsatz. Dieser Wechsel wurde aber unter den Augen der FIA vollzogen: Die ist auch bei solchen Tests vor Ort, und bei Ferrari ging, so heißt es von offizieller Stelle, ein Unterboden kaputt. Daher der Wechsel auf die ältere Entwicklungsstufe. Bedenkt man, dass Ferrari nach mehreren Unfällen durch Carlos Sainz wohl nur ungern weitere aktuelle Teile riskieren wollte, ist das durchaus nachvollziehbar. Trotzdem ist die Konkurrenz schnell mit Fragen zur Stelle. Vor allem aufgrund der Kommunikation der FIA.

McLaren fordert: FIA muss transparenter werden

"Es wurde suggeriert - so habe ich das zumindest gehört -, dass es vielleicht ein älterer Unterboden war, vielleicht war das der Fall", bemängelt McLarens Sportchef Zak Brown Unklarheiten. "Ich denke, was wichtig wäre - wenn das der Fall ist -, dass man es den Teams zeigt. Gebt uns das Vertrauen, dass es angemessen kontrolliert wurde, und komplette Transparenz."

Nicht unbedingt die Regel bei der FIA, wie Brown festhält, der am Rande des Miami-GPs Kritik an den Regelhütern, und indirekt auch an Ferrari, äußert: "Wir hatten vor nicht allzu langer Zeit einen Verstoß bei einem Motor, und dann gab es eine signifikante Geldstrafe. Wir wissen nicht, wie viel, und wir wissen auch nicht, was passiert ist, und ich denke, in der heutigen Zeit würde es dem Sport helfen zu verstehen, was passiert ist, warum es passiert ist, und was deshalb getan wurde."

Diese Aussagen beziehen sich eben wieder auf Ferrari. 2019 geriet das Team in den Verdacht, bei der Benzinzufuhr des Motors getrickst zu haben. Die FIA untersuchte. Einen Schuldspruch gab es nie, wohl aber ein Statement, man sei mit Ferrari zu einer Einigung gekommen, ohne Details zu nennen. Im darauffolgenden Jahr stürzte Ferraris Motor vom Klassenprimus auf den letzten Platz ab. Die Konkurrenten begehrten auf und forderten völlige Offenheit über den vermuteten Verstoß, ohne Erfolg.

Red Bull mahnt nach Ferrari-Test vor Vorteilen

Auch Ferraris WM-Gegner Red Bull hat ein Auge auf die Unterboden-Story geworfen. "Denn da die Autos noch so unreif sind und sich noch so früh in der Entwicklungsphase befinden, wollen wir auf jeden Fall vermeiden, dass Reifentests sich in Aerodynamik- oder Performance-Entwicklungs-Tests verwandeln", mahnt Teamchef Christian Horner. "Das ist nicht der Zweck dieser Tests." Er akzeptiert aber die FIA-Angaben, dass Ferrari sich im Rahmen des Reglements bewegte.

Alpine-CEO Laurent Rossi schließt sich da mit Vorsicht an: "Ich kenne den Verdacht, aber ich würde nicht sagen ... Ich würde noch nicht mit dem Finger auf jemandem zeigen, weil ich die Details nicht kenne. Das wäre nicht fair. Aber am Ende des Tages brauchen wir Transparenz. Wir müssen wissen, ob da was falsch lief oder nicht. Und wenn ja, was resultierte daraus?"

"Die FIA muss diese Dinge im Blick haben", fordert schließlich Mercedes-Teamchef Toto Wolff. "Es kann nicht sein, dass irgendein Team eine Komponente in einer Umgebung fährt, wo es das nicht sollte. Und ich schätze, wenn die FIA da nicht 100 Prozent dahinter war, dann bin ich sicher, dass sie es jetzt sind."