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Formel 1

Formel 1: Williams will's wissen

Williams hat im Jahr 2021 die Trendwende geschafft. Hoffnung auf eine erfolgreichere Zukunft. Eine Wiedergeburt wird nach George Russells Abgang schwer.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Der Artikel wurde in der 81. Ausgabe des Printmagazins von Motorsport-Magazin.com am 28. Oktober 2021 veröffentlicht.

Timing ist in der Formel 1 alles. Williams hat in den vergangenen zwölf Monaten bewiesen, dass diese Regel nicht nur beim Siegen und der Jagd auf WM-Titel Gültigkeit hat. Sie gilt genauso für das Überleben in der Königsklasse des Automobilsports. Dem Traditionsteam wurde in weniger als einem Jahr ein neues Leben eingehaucht. Seine Reinkarnation manifestierte sich in Ungarn. Die Punktefahrt von George Russell und Nicholas Latifi war das erste Lebenszeichen des totgeglaubten Giganten. Es waren die richtigen Entscheidungen im richtigen Moment, die Williams eine neue Chance und den Glauben an die Zukunft zurückgaben.

Im September 2020 hatte die Gründerfamilie rund um Frank und Claire Williams im allerletzten Moment den Untergang abgewendet. Der Verkauf an Dorilton Capital war in erster Linie eine lebenserhaltende Maßnahme, die eines der erfolgreichsten Teams der Geschichte vor einem traurigen Schicksal bewahrte. Der Absturz in die sportliche Bedeutungslosigkeit hatte Williams in eine finanzielle Sackgasse getrieben. Das Ende des Familienbetriebes war der Preis für den Fortbestand des großen Namens, der in den Geschichtsbüchern auch 24 Jahre nach dem letzten WM-Titel noch in einem Atemzug mit Ferrari, McLaren oder Mercedes genannt wird.

Von diesem Mythos war bei der Übergabe an den neuen Investor nicht mehr viel zu sehen. 2020 befand sich das Team sportlich immer noch am Tiefpunkt, den es im Jahr zuvor erreicht hatte. Die kurzfristige Perspektive war alles andere als vielversprechend. Das fehlende Budget stand der Entwicklung des neuen Autos im Weg. Der Verkauf kam zu spät, um mit dem FW43B einen großen Sprung zu machen. Die Saison 2021 wurde aus diesem Grund schnell zum Übergangsjahr erklärt. Neugewonnene Ressourcen wurden stattdessen auf das im kommenden Jahr neue technische Reglement konzentriert.

Hinter den Kulissen wurde die Organisation in Grove im großen Stil umgekrempelt. Jost Capito wurde im Dezember als CEO engagiert. Ein halbes Jahr später machte er sich selbst zum Teamchef, indem er Simon Roberts ablöste, der den Posten nach dem Ausstieg von Claire Williams bekleidet hatte. Capito besetzte außerdem weitere Schlüsselpositionen neu. Als Technischen Direktor verpflichtete er Francois-Xavier Demaison, den er in seiner Zeit als Motorsportchef bei Volkswagen als führenden Ingenieur in seinen Reihen hatte. Außerdem wurde Urgestein Willy Rampf als Berater reaktiviert.

Ein weiteres Puzzleteil in der Umstrukturierung war die Intensivierung der Zusammenarbeit mit Mercedes, die Williams ab 2022 noch mehr Technologie und Know-how vom Weltmeisterteam garantiert. Die Wandlung zum B-Team hatte die Familie Williams stets abgelehnt und bis zuletzt daran festgehalten, die Tradition als eigenständiger Konstrukteur aufrechtzuerhalten. Die neuen Eigentümer ignorierten die Zeichen der Zeit nicht. Der Deal mit Mercedes beinhaltet den Zukauf von nicht gelisteten Teilen wie Getriebe und Hydraulikkomponenten. Dies wiederum bedeutet eine Entlastung der Entwicklungsabteilung in Grove, die ihre Ressourcen auf die Chassisentwicklung fokussieren kann.

George Russell machte mit Williams Unmögliches möglich - Foto: LAT Images

Die Maßnahmen sollen 2022 beim großen Reset der Formel 1 die Wiedergeburt von Williams herbeiführen. Niemand hatte damit gerechnet, dass Williams dieses Jahr nach 15 der 22 Rennen stolze 23 Punkte und sogar ein sensationelles Podium vorweisen würde. Seit Robert Kubicas zehntem Platz 2019 in Hockenheim war das Team punktelos geblieben. Die zwei Jahre und 37 Rennen andauernde Dürre wurde an einem chaotischen Sonntag auf dem Hungaroring durch Latifi und Russell beendet. Der scheinbare Glücksgriff entpuppte sich wenig später als wahrhaftiger Befreiungsschlag.

Beim darauffolgenden Rennwochenende in Spa-Francorchamps fuhr Russell im verregneten Qualifying mit einer sensationellen Performance auf Startplatz zwei. Das nach nur zwei Runden gewertete Skandalrennen hielt für ihn ein erstes F1-Podium und für Latifi das zweite Punkteresultat in Serie bereit. Seitdem in Ungarn der Knoten aufging, fuhr Williams in drei weiteren Rennen in die Top-10. Plötzlich heißen die Gegner nicht mehr Haas und Alfa Romeo. "Es ist gut, die Punkte zu haben. Aber wirklich schön zu sehen ist, dass wir gegen Alpine und Aston Martin kämpfen können", so Capito.

Entgegen den eigenen Erwartungen erwies sich das Lückenfüllerjahr 2021 als echter Aufschwung. "Wir hätten das zu Saisonbeginn nie gedacht. Der Fortschritt, den wir von Freitag auf Samstag bis hin zum Rennen machten, war wirklich sehr beeindruckend. Der Fokus liegt auf dem Rennen und darauf, Punkte zu holen. Wenn du siehst, dass das funktioniert, ist das ziemlich gut", sagte der Teamchef. Die steile Formkurve ist mittlerweile auch auf dem Radar der Top-Teams angekommen.

Red-Bull-Star Max Verstappen sprach Williams unlängst die Existenzberechtigung als Hinterbänkler ab. "Wenn du zu diesen Dingen in der Lage bist, zeigt das auch, dass das Auto nicht so schlecht ist wie die Leute denken", so der Niederländer über die Leistungen von George Russell. In der kommenden Saison wird er sich aus nächster Nähe von dessen Qualitäten überzeugen können. Nach drei Saisons in der Lehre erhielt der Mercedes-Junior für 2022 die Beförderung zu Mercedes. Für den Ausbildungsbetrieb ist der Abgang des Briten ein großer Verlust.

Russell verlässt das Team nach drei Jahren in Richtung Mercedes - Foto: LAT Images

"Als es sich abgezeichnet hat, haben wir das unterstützt. Ich bin sehr dafür, einen Fahrer zu unterstützen, auch wenn es nicht das Beste für das Team ist", erklärte Capito. Ein Verbleib des Leistungsträgers wäre für ihn nicht zwangsläufig von Erfolg gekrönt gewesen: "Du hast als Team nichts von einem Fahrer, der nicht glücklich ist. Wenn George bei Mercedes fahren kann, aber bei Wiliams bleiben muss, wäre er als Fahrer nicht glücklich geworden und hätte nicht die Leistungen abgeliefert, zu denen er im Stande ist."

Im kommenden Jahr wird Williams die Benchmark im Line-up fehlen. Mit der Vertragsverlängerung für Nicholas Latifi setzt das Team zumindest bei einem der beiden Cockpits auf Kontinuität, obwohl das Management auf die Mitgift des Kanadiers nicht mehr angewiesen ist. Capito betonte im Frühjahr, dass Geld bei der Fahrerfrage seit der Übernahme durch Dorilton Capital keine Rolle mehr spielt. In seiner zweiten Saison zeigte Latifi jedoch einen spürbaren Aufwärtstrend, der ihm den Verbleib sicherte. "Er macht einen guten Job und hat sich das Cockpit in diesem Jahr absolut verdient", so Russell über seinen Stallgefährten.

Als Abschiedsgeschenk suchte das scheidende Supertalent seinen eigenen Nachfolger aus, der 2022 an der Seite von Latifi fahren wird. Nach langen Verhandlungen fiel die Wahl des Teams auf den von ihm empfohlenen Alexander Albon. Der Thailänder erhält nach seinem Aus bei Red Bull Ende 2020 eine zweite Chance in der Formel 1. "Ich bin mir absolut sicher, dass Alex sich schnell im Team einleben und sein Potential entfalten wird. Ich bin mehr als überzeugt, dass wir nächstes Jahr zwei starke Fahrer haben werden", so Capito.

Der Deal mit Albon ging nicht ohne Machtkämpfe über die Bühne. Auf Verlangen von Partner Mercedes hin mussten Verschwiegenheitsvereinbarungen getroffen werden. Die Weltmeister fürchteten um einen Wissenstransfer von Albon an den Rivalen, denn Red Bull wollte das Arbeitsverhältnis mit seinem Simulator- und Reserverfahrer nicht auflösen. Der 25-Jährige wird lediglich für ein Jahr freigegeben, um bei Williams zu fahren. Vor diesem Hintergrund scheint es fraglich, inwiefern diese Konstellation für den Rennstall zukunftsweisend sein kann.

Wie wird sich Williams 2022 ohne Russell schlagen? - Foto: LAT Images

Capito sieht Albon trotz der Dreiecksbeziehung als richtigen Kandidaten, Williams wie Russell für längere Zeit zu führen. "Im Moment sehe ich keinen Grund, weshalb das nicht so sein sollte. Das war eine Sache bei unserer Entscheidung, dass es jemand ist, mit dem wir das Team aufbauen können und der auch in jungen Jahren schon über viel Erfahrung verfügt. Er hatte seine Aufs und Abs und die haben ihn als Fahrer sehr reifen lassen", so der 63-Jährige. Langfristig gibt es in Grove aber bereits Pläne für die Zukunft.

Williams engagiert sich seit 2019 zunehmend bei der Förderung von Nachwuchstalenten. Nachdem hier zunächst viel Wert auf finanzielle Vorteile gelegt wurde, wie die zahlreichen Testeinsätze von Paydriver Roy Nissany zeigten, wird der Rennstall in Zukunft mehr Möglichkeiten haben. "Wir müssen unser Juniorprogramm überprüfen und umstrukturieren, denn wir wollen es verbessern und daraus ein echtes Juniorprogramm machen", kündigte Capito an.

Diesen Aspekt beim Neuaufbau der Organisation derart früh im Blick zu haben, zeugt von großen Ambitionen. Bei Williams herrscht in allen Lebenslagen Aufbruchsstimmung. So gewagt Capito bei seinem Amtsantritt klang, als er ankündigte, mit Williams dieselbe Wandlung wie McLaren vollziehen zu wollen, so eindrucksvoll sind die ersten Schritte seiner neuen Truppe. Während Haas und Alfa Romeo in ihrem Übergangsjahr am Ende des Feldes herumdümpeln, hat Williams einen glatten Frühstart hingelegt. Es käme einer Enttäuschung gleich, wenn wir in wenigen Jahren keine Neuauflage der alten Rivalitäten mit McLaren und Ferrari erleben.

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