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Formel 1

Formel 1, Saison 2022: Der Alfa-Angriff

Sauber fristet seit Hybrid-Ära ein Hinterbänkler-Dasein. Ausreden werden weniger, doch die Performance bleibt schwach. Gelingt 2022 der Befreiungsschlag?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Der Artikel wurde in der 81. Ausgabe des Printmagazins von Motorsport-Magazin.com am 28. Oktober 2021 veröffentlicht.

2022 ist es soweit: In diesem Jahr wird für alle Teams in der Formel 1 - abgesehen von Mercedes und Red Bull - alles besser. Technisch wird aufgrund des neuen Reglements alles auf Null gestellt, dazu werden die Auswirkungen der Budget-Obergrenze, die seit dieser Saison gilt, erstmals sichtbar. Ob 2022 wirklich für acht Teams alles besser wird, ist jedoch fraglich. Glauben tun jedenfalls alle ganz fest daran. Für einige muss aber alles besser werden, allen voran für Alfa-Sauber. Der schweizerische Rennstall ist in dieser Saison ein Schatten seiner selbst. Höchstwahrscheinlich wird Sauber Motorsport, wie das Team aus Hinwil noch immer offiziell in der Starterliste eingetragen ist, 2021 auf dem vorletzten letzten Platz der Konstrukteurswertung beenden. Hinter Williams, hinter dem abgeschlagenen Hinterbänkler-Team der letzten Jahre. Seit 01. Januar 2021 dürfen die Teams mit CFD und Windkanal an den Autos für nächste Saison arbeiten. Alfa-Sauber steckte alle verfügbaren Ressourcen sofort in das nächstjährige Auto. Deshalb wird der C41 des aktuellen Jahres seit Saisonbeginn nicht weiterentwickelt. Dabei ist der C41 ohnehin schon eine Kopie des nicht besonders erfolgreichen Vorgängers. Viele Teile mussten Regel-bedingt eins zu eins aus dem Vorjahr übernommen werden. Nur an der Aerodynamik durften die Ingenieure in Hinwil Hand anlegen, dazu durfte Ferrari auch die Power Unit grundlegend überarbeiten - was auch dringend nötig war.

Trotz der frühzeitigen Einstellung der Weiterentwicklung und des engen Rahmens des Reglements zieht Teamchef Frederic Vasseur ein positives Fazit bei der Performance: "Wir haben die Hälfte des Rückstands im Vergleich zum Vorjahr aufgeholt. Wir lagen etwa 2,8 Prozent zurück, jetzt sind es 1,5." Ein nicht unbeträchtlicher Teil der 1,3 Prozentpunkte dürfte aus Maranello kommen. Nach diversen Klarstellungen musste Ferrari 2020 in letzter Sekunde eine regelkonforme Power Unit zusammenschustern. Der Abstieg des Werksteams sprach Bände. Teile des Leistungsverlustes konnten 2021 immerhin wiedergutgemacht werden. Trotzdem beharrt der französische Teamchef auf der Verbesserung, gestand aber vor einigen Rennen: "Es hat sich bislang noch nicht ausgezahlt." Auch Wochen später hat es sich nicht ausgezahlt, Alfa liegt in der WM-Wertung deutlich hinter Williams und Platz acht zurück. Von 2,8 Prozent Rückstand auf 1,5 Prozent - und trotzdem verliert Alfa einen Platz in der Konstrukteurswertung. Für die Teamführung dennoch kein Weltuntergang. Der Blick geht nach vorne, 2022 ist wieder einmal das Licht am Ende des Tunnels. "Es wird das erste Auto sein, das unter der Budgetobergrenze entwickelt wird. Wir müssen diese Gelegenheit nutzen", rechtfertigt Vasseur das Abschenken der aktuellen Saison.

Für Vasseur selbst soll es 2021 eng geworden sein. Seit Beginn der Hybrid-Ära 2014 dümpelt der Sauber-Rennstall bestenfalls im hinteren Mittelfeld herum. Nur 2018 konnte man auch dank der Dienste von Supertalent Charles Leclerc den tatsächlichen Anschluss ans Mittelfeld schaffen. Als klassisches Sauber schlitterte das Team mit Monisha Kaltenborn an der Spitze von Krise zu Krise. Im Existenzkampf konnte der sportliche Befreiungsschlag nicht kommen. 2016 übernahm die Schweizer Investment-Gesellschaft Longbow Sauber. Hinter Longbow steckt die schwedische Milliardärs-Familie Rausing. Die Existenz des Teams war damit gesichert, das Budget stieg, aber auf sportlicher Seite blieb die große Kehrtwende aus. Ein Jahr lang sah sich Pascal Picci, der von Longbow eingesetzte Sauber-Aufseher die Sache an, dann hatte Kaltenborn ihren Kredit verspielt. Als Ersatz kam Frederic Vasseur, der soeben die Grabenkämpfe beim Werksteam von Renault gegen Cyril Abiteboul verloren hatte. Mit dem erfahrenen Motorsport-Manager aus Frankreich sollte Sauber nun endlich den ersehnten Aufschwung erfahren. 2018 ging es vor allem dank Leclerc steil bergauf, doch 2019 konnten Kimi Räikkönen und Antonio Giovinazzi nicht an die Leistungen des Vorjahrs anknüpfen. Da halfen auch die zusätzlichen Millionen des Alfa-Deals nicht. Seit 2019 ist die italienische Traditionsmarke Namensgeber des Teams. Das Team sitzt weiterhin in Hinwil, der Startplatz gehört noch immer Sauber Motorsport. Aber Alfa überweist einen zweistelligen Millionenbetrag dafür, dass Sauber offiziell Alfa Romeo heißt. Gleichzeitig sicherten sich die Italiener Mitspracherecht bei den Fahrern. Ein Cockpit darf seit 2019 Alfa vergeben. Antonio Giovinazzi ist der große Profiteur des Deals.

Die Marke Alfa Romeo bleibt in der Formel 1 - zumindest vorerst - Foto: LAT Images

Weder Ex-Weltmeister Räikkönen, noch Ferrari-Junior Giovinazzi, noch Vasseur konnten das Ruder in den vergangenen zweieinhalb Jahren herumreißen. Deshalb stand auch schon der Teamchef selbst in der Kritik. Vasseurs Vertrag wurde aber 2021 verlängert. Die Rausing-Familie sprach dem 53-Jährigen erneut das Vertrauen aus. Es waren bewegte Monate in Hinwil, hinter vielen wegweisenden Entscheidungen stand ein großes Fragezeichen. Auch hinter dem Alfa-Deal, der Ende 2021 auslief. Als Teil von Fiat Chrysler Automobiles, kurz FCA, war es für die Marke Alfa Romeo selbst eine spannende Zeit. FCA schloss sich mit dem französischen Konkurrenten PSA zum automobilen Mega-Konzern Stellantis zusammen. Mit Jean-Philippe Imparato bekam Alfa Romeo gleich einen neuen Boss aus dem PSA-Universum. "Sechs Monate lang war es unklar, wie es weitergehen würde", gesteht Vasseur. Im Juli dann endlich Klarheit: Alfa Romeo bleibt Namensgeber. Vasseur lobt: "Das neue Management von Alfa Romeo hat eine neue Dynamik in das Unternehmen gebracht. Sie sind überzeugt davon, dass sie in die ikonische Facette der Marke Alfa Romeo investieren müssen und dass es wichtig für die Zukunft von Alfa Romeo ist, mit Motorsport und der Formel 1 in Verbindung gebracht zu werden. Sie wollen in diese Richtung gehen und etwas wiederaufbauen." Allerdings will Alfa diesen Weg nicht bedingungslos gehen. Die Italiener haben den Vertrag um mehrere Jahre verlängert, wollen aber jedes Jahr aufs Neue prüfen, ob das Engagement in dieser Form noch Sinn macht. "Wir mussten sie davon überzeugen, in Zukunft einen besseren Job zu machen", so Vasseur. Alfa-Boss Imparato ist kein Träumer, Siege oder gar WM-Titel erwartet er nicht. Aber ein vorletzter Platz in der WM-Tabelle ist für die Marke des ersten Formel-1-Weltmeisters der Geschichte indiskutabel.

Sauber braucht Alfa. Einerseits finanziell. Das Team wuchs in den vergangenen Jahren enorm. "Als ich kam, waren wir etwa 260 Leute", erinnert sich Vasseur. Heute arbeiten rund doppelt so viele Mitarbeiter am Standort Hinwil. Ziel ist es, an der Budgetobergrenze zu operieren. Die liegt aktuell bei 145 Mio., 2022 bei 140 Mio. und ab 2023 bei 135 Mio. US-Dollar plus diverser Ausnahmen. Weit davon dürfte das Team aktuell nicht entfernt sein. Die Formel 1 soll dadurch dank Antrittsgeldern und Sponsoren-Millionen so wieder zum Business-Modell werden. Riesige Millionen-Zuschüsse der Eigner sollen der Vergangenheit angehören. Das funktioniert nur, wenn die Differenz zwischen Antrittsgeldern und Budget von Sponsoren finanziert wird. Der Alfa-Deal ist für Sauber der Hauptbestandteil dieser Differenz. Alfa bringt zwar neben Geld kein Formel-1-Know-how, aber einen anderen interessanten Mehrwert für Sauber, wie der Teamchef erklärt: "Es ist ein riesiger Push bei der Motivation und bei der Attraktivität für andere Sponsoren, Fahrer und Mitarbeiter. Als es die Verkündung vor vier Jahren gab, war der erste Effekt, dass es in der nächsten Woche extrem viele Bewerber gab." Dabei spotten im Formel-1-Fahrerlager manche, Hinwil würde eben Hinwil heißen, weil da keiner hin will. Der Standort Schweiz ist für viele Ingenieure nicht unbedingt ein großes Zugpferd.

Mit dem neuen Reglement soll es für Alfa-Sauber 2022 aufwärts gehen - Foto: LAT Images

Auch die teuersten Mitarbeiter lockt der Name Alfa. Kimi Räikkönen ließ seine Karriere nach der zweiten Ferrari-Amtszeit im Alfa-Sauber ausklingen. Ende 2021 ist aber nun endgültig Schluss. Obwohl der Iceman sein Talent noch gelegentlich zeigen konnte, sportlich ist der Rücktritt für den Rennstall verschmerzbar. Zumal mit Valtteri Bottas prominenter Ersatz gefunden werden konnte. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ohne Alfa Romeo sehr schwer gewesen wäre, Valtteri anzulocken", meint Vasseur. Alfa allein genügte aber nicht. "Das schwierigste in unserem Business ist es, zu verstehen, warum die Ergebnisse sind, wie sie sind. Ich hatte eine lange Unterhaltung mit Valtteri und er hat sehr schnell verstanden, dass wir die Entwicklung für das 2021er Auto Ende Dezember eingestellt haben. Es ist eine schwierige Entscheidung, weil du mit der Einstellung in die Saison gehst, 23 Rennen abzuschreiben. Aber 2022 ist die wahre Gelegenheit für uns. Wir wussten, dass wir 2021 wohl nicht die beste Power Unit haben würden. Dazu wurde das Auto aus dem Vorjahr übernommen. Was können wir von P8 oder P9 aus schon erreichen? P8 oder P7? Das ist nicht das Ziel dieses Unternehmens." Vasseurs Überzeugungsarbeit zeigt Wirkung. Zumindest bei Valtteri Bottas: "Das Potential des Setups in Hinwil ist klar und ich sehe hier die Möglichkeit, dem Team dabei zu helfen, nach vorne zu kommen - vor allem mit den neuen Regeln 2022, die dem Team eine Chance geben, einen Performance-Sprung zu machen." Vasseur konnte Bottas fast die gleiche Präsentation halten wie den Alfa-Verantwortlichen. "Aber ernsthaft: Es geht fast um die gleiche Philosophie. Alfa und Valtteri wollen mit an Bord sein, wenn wir ein klares Bild für die Zukunft haben, was wir tun wollen, was wir erreichen wollen. Für Alfa war es sehr wichtig, die Option zu haben, sehr gute Fahrer anzuziehen. Und für Valtteri war es sehr wichtig, Alfa an Bord zu haben."

Alfa-Sauber war nicht das einzige Team, mit dem der Finne nach seinem Aus bei Mercedes Gespräche führte. Auch eine Rückkehr zu Williams stand im Raum. Dort geht der Trend klar nach oben, Grove hat Hinwil 2021 überholt. Trotzdem entschied sich Bottas für Alfa. Ein mehrjähriger Vertrag machte ihm das Angebot schmackhaft. Bislang hangelte sich der Vizeweltmeister von Saison zu Saison. Bottas machte auch bei Mercedes nie einen Hehl daraus, dass ihn die Ungewissheit störte. Gleichzeitig wird er bei Alfa-Sauber auch Geduld brauchen. "Bei einem mittelfristigen Projekt ist die Situation 2021 egal. Es ist die Vision für 2024 oder 2025. Es ist nicht einfach daran zu glauben, aber man muss es", meint Vasseur. Für Alfa-Sauber ist Bottas ein weiteres Teil im Performance-Puzzle. Ob Räikkönen im Herbst seiner Karriere ein guter Maßstab für Giovinazzi war, ist fraglich. Bottas verspricht, bei Alfa mehr als einen Ausklang seiner Karriere zu sehen: "Ich bin hungrig wie eh und je, Ergebnisse einzufahren und, wenn die Zeit kommt, auch zu gewinnen." Für Hinwil ist der neunfache GP-Sieger eine gute Kenngröße: "Wir werden ein komplett neues Auto haben, wir starten auf einem weißen Blatt Papier. Da braucht man eine Referenz auf Fahrer-Seite. Valtteri wird Erfahrung von Mercedes bringen. Im Durchschnitt war er über die letzten drei Saisons auf 0,2 Prozent an Lewis dran - den man als Referenz ansehen kann. Wir haben damit eine echte Referenz, wir können uns auf das Auto fokussieren."

Räikkönen und Giovinazzi werden 2022 durch Bottas und Zhou ersetzt - Foto: LAT Images

Es gibt aber auch noch Fragezeichen. Der neue Vertrag erlaubt es Alfa Romeo nicht mehr, über ein Cockpit beim Rennstall zu entscheiden. Deshalb wird die Luft für Giovinazzi dünn. Bei Redaktionsschluss stand noch nicht fest, wer das zweite Cockpit neben Bottas erhält. Der Chinese Guanyu Zhou steht hoch im Kurs. Er bringt weniger Talent, dafür wohl mehr Geld und einen wichtigeren Markt als seine Nebenbuhler. Weil die polnischen Öl-Millionen von Sponsor Orlen in Frage stehen, würde dem Fahrer eine Mitgift nicht schlecht stehen. Auf der einen Seite schielt Saubers Nachwuchsmann Théo Pourchaire auf den vakanten Sitz, auf der anderen Seite Alpine-Junior Oscar Piastri [2022 wird Guanyu Zhou an der Seite von Valtteri Bottas fahren (Anm. Red.)]. Mit Bottas steht der Pfeiler für die mittelfristige Zukunft. Ein Pfeiler, stabiler als die Hoffnungen auf den Regelumbruch. Denn Alfa ist nicht das einzige Team, das früh auf 2022 umgesattelt hat. Auch Chef-Überzeuger Vasseur weiß, dass er nichts weiß: "Ich habe jede Woche ein Meeting mit den Aerodynamikern. Wir machen jede Woche gute Schritte, aber wir sind noch immer blind. Wir wissen einfach nicht, wo sich die anderen im Vergleich befinden. Jeder sagt, dass sein eigenes Projekt gut ist. Wenn das nicht so wäre und du ein Jahr früher gestartet bist, dann wäre es ein Desaster." Aber was wäre kein Desaster? "Mittelfristig Top-5", gibt Vasseur als Ziel aus. Ausreden gibt es dann keine mehr. Die wegen der Pandemie verzögerten Investments in die Fabrik müssen sich nun auszahlen. Auch der nagelneue Simulator in Hinwil ist inzwischen im Einsatz. Budget, Infrastruktur, Fahrer und gute Rahmenbedingungen seitens der Formel 1: Viel besser wird es nicht mehr für Team Hinwil.

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