Motorsport-Magazin.com Plus
Formel 1

Trainingsanalyse Katar: Mercedes verhaut Setup bei Hamilton

Bottas dominiert in Katar - Hamilton ratlos. Mercedes pokert beim Setup falsch. Red Bull macht beim Heckflügelstreit langsam ernst. Die Freitagsanalyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Red Bull legte in Katar los wie die Feuerwehr. Max Verstappens Bestzeit im 1. Freien Training ist allerdings ziemlich wertlos. Im Gegensatz zu Qualifying und Rennen fand die Session tagsüber statt. Das 2. Freie Training unter der gigantischen Flutlichtanlage hingegen ging an Mercedes - zumindest an Valtteri Bottas, denn Lewis Hamilton befand sich im Hintertreffen.

Direkt hinter dem Trainingsschnellsten Bottas sortierte sich Pierre Gasly ein. Zwei Zehntel fehlten dem AlphaTauri-Piloten. "Das war der beste Freitag des Jahres für uns", freute sich Gasly. Im Konzert der ganz großen dürfte der Franzose trotzdem noch nicht mitspielen. AlphaTauri deckt freitags für gewöhnlich die Karten schon etwas mehr auf als die Top-Teams.

Hamilton Setup-Problemen: Mercedes erklärt Schwierigkeiten

Verstappen auf Rang drei fehlten schon 0,35 Sekunden auf die Bestzeit. Dabei fuhr Bottas seine schnellste Runde erst im zweiten Versuch auf den Soft-Reifen. Der erste Umlauf war mit Missachten der Tracklimits sechs Tausendstel langsamer.

Der Finne zeigte sich rundum zufrieden: "Das war ein ermutigender Auftakt für ein Wochenende auf einer neuen Strecke. Das Team hat im Vorfeld sehr gute Arbeit bei der Vorbereitung geleistet. Wir sind nicht weit weg vom Sweet-Spot."

Anders Teamkollege Hamilton. Der Brite wollte einfach nicht so recht auf Speed kommen. Über vier Zehntel fehlten ihm auf Bottas. "Heute war ein kniffliger Tag für mich", berichtete er. "Ich weiß nicht genau, wie groß der Abstand ist, aber ich bin definitiv einen Tick weiter weg. Dies ist eine neue Strecke. Sie hat sich okay angefühlt beim Fahren, alles war recht schön und es gab keine richtigen Probleme."

Keine richtigen Probleme und trotzdem langsam - eigentlich sollten die Alarmglocken bei einer solchen Aussage läuten. Mercedes hatte aber hat eine Erklärung parat: Bottas und Hamilton starteten mit unterschiedlichen Setup in den Tag. "Es scheint, als ob Valtteris Abstimmung besser passte", glaubt Mercedes-Ingenieur Andrew Shovlin.

Mercedes musste deshalb am Auto von Hamilton zurückbauen. "Aus diesem Grund ist das Auto noch nicht ganz da, wo wir es gerne hätten", so Shovlin. "Wir haben jedoch einen guten Weg gefunden und die Reifen scheinen sich in einem guten Fenster zu befinden."

Red Bull im Qualifying in der Soft-Falle?

Bei Red Bull sieht es anders aus. "Wir hatten mit der Balance Probleme", berichtete Dr. Helmut Marko. "Die Streckentemperatur ist erheblich gesunken und wir müssen dafür noch die richtige Abstimmung finden. Wir hatten im 1. Training ein super Auto und im 2. Training hatten wir Probleme mit den Reifentemperaturen", so der Doktor.

Max Verstappen spezifiziert: "Der Unterschied zwischen Medium und Soft war für mich heute ziemlich groß. Der Soft-Reifen war nicht besonders, aber es waren erst die ersten Runden hier und man muss noch viele Dinge verstehen lernen."

Pirelli rechnet mit Zwei-Stopp-Rennen

Red Bull könnte entgegenkommen, dass der Soft-Reifen womöglich nur im Qualifying zum Einsatz kommt. Der Reifenverschleiß ist größer als gedacht. Vorne links verschleißen vor allem die Soft-Walzen enorm. Pirelli rechnet bereits mit zwei Stopps. Während die Performance einigermaßen stabil bleibt, verliert der Reifen extrem viel Gummi von der Lauffläche.

Durch die neuen Erkenntnisse - Pirelli ging zunächst von einem Einstopp-Rennen aus - könnten die Setups aber noch etwas überarbeitet werden. Der Reifenausrüster glaubt, dass die Teams ihre Fahrzeuge speziell trimmten, um die Hinterreifen zu schützen, um die Stints in die Länge ziehen zu können. Das wiederum könnte den Verschleiß vorne links noch verstärkte haben.

Wenn ohnehin zwei Stopps geplant werden, könnten die Teams die Abstimmung darauf auslegen. Es wird allerdings ein Poker. Trainingszeit bei relevanten Bedingungen gibt es nicht mehr. Das 3. Training findet wieder unter der Wüstensonne statt - ab dem Qualifying ist Parc ferme angesagt.

Bei den Longruns am Freitagabend hatte ebenfalls Mercedes die Nase vorne. Hamilton fuhr auf den Soft-Reifen rund zwei Zehntelsekunden schneller als Verstappen. Während sich Red Bull auf im Dauerlauf ausschließlich auf die Soft-Pneus konzentrierte, musste bei Mercedes Bottas den Medium austesten. Allerdings gibt es auf den härteren Mischungen keine wirklich relevanten Vergleichszeiten.

Longruns Soft
Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit Stint
Hamilton 15 7 1:28,181 1/1
Verstappen 12 5 1:28,379 1/1
Vettel 13 3 1:28,676 1/2
Perez 13 5 1:28,862 1/1
Ocon 18 10 1:29,086 1/2
Leclerc 14 5 1:29,608 1/1
Norris 14 5 1:29,654 1/1
Ricciardo 14 7 1:29,801 1/1
Schumacher 15 7 1:30,198 2/2
Stroll 14 6 1:30,289 1/2
Tsunoda 19 10 1:31,331 1/1
Longruns Medium
Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit Stint
Bottas 18 10 1:28,123 1/1
Stroll 11 3 1:29,163 2/2
Alonso 19 16 1:29,288 1/1
Vettel 13 5 1:29,315 2/2
Giovinazzi 16 8 1:29,779 1/1
Russell 20 13 1:29,833 1/1
Schumacher 11 4 1:31,686 1/2
Longruns Hard
Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit Stint
Ocon 10 2 1:28,273 2/2
Sainz 19 9 1:29,487 1/1
Gasly 17 9 1:30,095 1/1
Latifi 19 15 1:30,368 1/1
Räikkönen 19 10 1:30,432 1/1

Biegbarer Heckflügel? Red Bull über Schleifspuren verwundert

Eine große Frage lautet, was Mercedes auf den Geraden macht. Hamilton klagte im 1. Training über wenig Leistung. Die Silberpfeile wollten aber nicht raus mit der Sprache, ob ein alter Trainingsmotor im Einsatz war oder ob eines der beiden neuen Aggregate an das Chassis mit der Startnummer 44 eingepflanzt war.

Die Geschwindigkeitswerte sind eher im unteren Durchschnitt. Vom Wunder-Mercedes war dort noch nicht viel zu sehen. Die Zeiten im letzten Sektor sind ebenfalls nicht berauschend. Dort befindet sich ein Großteil der langen Start- und Zielgeraden. Hamilton verlor dort allein vier Zehntel auf die Sektorbestzeit von Gasly und drei Zehntel auf Verstappen.

Am Mercedes-Heckflügel sind Schleifspuren zu erkennen - Foto: -

Währenddessen hat Red Bull den Mercedes-Flügel weiter im Visier. Teamchef Christian Horner attackierte Mercedes-Boss Toto Wolff in der Pressekonferenz und wollte wissen, woher die Schleifspuren am Mercedes-Flügel kommen. Auf Fotos sind an der Kontaktfläche des oberen Endes des unteren Heckflügelblattes Schleifspuren zu sehen.

Red Bull vermutet, dass Mercedes absichtlich das Flügelblatt verbiegen lässt, um Topspeed zu gewinnen. "Wenn ich das richtig verstanden habe, hat das die FIA jetzt auch aufgenommen", sagte Marko. Vom Automobilweltverband gibt es aber noch keine offiziellen Anpassungen.