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Shut up! Norris selbst schuld am Sotschi-Debakel? Die Analyse

Wie konnte Lando Norris den Formel-1-Sieg beim Russland GP verlieren? Die Analyse des Funk-Protokolls von Lewis Hamilton und Norris gibt Aufschluss.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Pole Setter, Fahrer des Tages, tragischer Held. Lando Norris fuhr bis Runde 48 in Sotschi das perfekte Formel-1-Wochenende. Lange sah es nach dem ersten Sieg des McLaren-Piloten aus, doch der zu späte Wechsel auf Intermediates ruinierte sein Rennen. From Hero to Zero: Binnen weniger Runden rutschte er von Platz eins bis auf Rang sieben ab.

Doch wer hatte Schuld am Strategie-Debakel? Norris selbst oder das Team? Und: Wann war überhaupt der richtige Zeitpunkt für den Wechsel von Slicks auf Intermediates? Die Motorsport-Magazin.com-Rennanalyse sieht sich die letzten chaotischen sieben Runden des Russland GP im Detail an.

Norris mit kontrolliertem Rennen erst auf Sieg-Kurs

In Runde 46 führt Lando Norris das Rennen an. Nicht mehr komfortabel, weil Lewis Hamilton von hinten dank freier Bahn mit Überschuss ankommt. Aber Überholen ist in Sotschi schwierig, und der Mercedes tut sich in Dirty Air schwer. Norris ist auf dem Weg zu seinem ersten Grand Prix-Sieg.

Ausgangssituation Russland GP 2021 - Runde 46

POS Fahrer Team Rückstand
1 Norris McLaren
2 Hamilton Mercedes 1,167
3 Sainz Ferrari 37,187
4 Perez Red Bull 38,755
5 Ricciardo McLaren 42,333
6 Alonso Alpine 43,517
7 Verstappen Red Bull 46,270
8 Leclerc Ferrari 50,023
9 Stroll Aston Martin 57,081
10 Vettel Aston Martin 59,953
11 Russell Williams 61,985
12 Ocon Alpine 63,719
13 Räikkönen Alfa Romeo 64,816
14 Bottas Mercedes 66,131
15 Gasly AlphaTauri 67,913
16 Latifi Williams 83,049
17 Tsunoda AlphaTauri 91,653
18 Giovinazzi Alfa Romeo 93,769
19 Mazepin Haas 1 Runde

Regenwolken ziehen vom Schwarze Meer herein. Die Strecke ist an manchen Stellen schon leicht feucht. Das Rennen dauert aber nur noch wenige Runden und das Wetterradar ist nicht eindeutig. Intensiviert sich der Regen oder bleibt es bei den wenigen Tropfen?

Regen zwingt Teams in Sotschi Entscheidungen auf

In Runde 47 kommen die ersten Piloten an die Box und wechseln von Slicks auf Intermediates. George Russell macht den Anfang, gefolgt von Valtteri Bottas und Kimi Räikkönen. Alle drei haben nichts zu verlieren, liegen zu diesem Zeitpunkt außerhalb der Punkte.

Eine Runde später kommt Verstappen. Der Red-Bull-Pilot ist der erste Fahrer, der Punkte aufs Spiel setzt. Die Spitze zögert noch. Weder Norris noch Hamilton wollen zum Reifenwechsel kommen. Beide haben einen riesigen Vorsprung auf Platz drei. Aber beide versuchen, das Duell um den Sieg auf der Strecke auszumachen.

Der Regen wird stärker, Norris kommt ein paar Mal schon leicht von der Strecke ab, kann die Führung aber behaupten. Für Norris ist die Situation verzwickt: Kommt er an die Box, kann Hamilton draußen bleiben und auf jeden Fall die Führung übernehmen. Mercedes ist dank großem Vorsprung in einer komfortableren Situation: Ein Boxenstopp kostet keinen Platz, nur Zeit.

Hamilton spielt Positions-Vorteil im Regen aus

In Runde 49 kommt Hamilton zum Reifenwechsel und ist auf den Intermediates in seiner Outlap sofort schneller. Im Kampf um den Sieg ist das somit der Point of No Return für Norris. Zieht er in der nächsten Runde nach, ist die Position garantiert weg. Bleibt er draußen, muss Hamilton aber den Zeitverlust des Boxenstopps erste einmal reinholen.

Norris war als Führender vor Hamilton in keiner guten Position - Foto: LAT Images

Norris setzt also alles auf eine Karte - auf ein Ende des Schauers. Der wird jedoch stärker. Norris hat größte Mühe, seinen Boliden in Runde 50 noch auf der Straße zu halten. In Runde 51 fliegt er dann mehrmals ab, Hamilton hat die beim Boxenstopp verlorene Zeit schon wettgemacht und geht auf der Strecke vorbei.

Jetzt sieht auch Norris ein, dass es auf Trockenreifen nicht mehr geht. In Runde 51 wechselt er als vorletzter Pilot auf Intermediates. Nur Charles Leclerc kommt noch später zum Reifenwechsel. Norris kehrt hinter Kimi Räikkönen auf Rang acht zurück auf die Strecke. Vor dem Regen lag der McLaren noch knapp 65 Sekunden vor dem Alfa.

Norris kann nur Räikkönen in der letzten Runde noch überholen. Am Ende steht für ihn Platz sieben mit knapp anderthalb Minuten Rückstand auf Rennsieger Hamilton. Doch wann war der perfekte Zeitpunkt für den Reifenwechsel?

Analyse zeigt: Hamilton bester Fahrer im Sotschi-Regen

Als Referenz dient der Stand nach Runde 46 und das Endergebnis. Wer brauchte für die letzten sieben Runden am wenigsten Zeit? Lewis Hamilton. Auch wenn es so wirkte, als wäre der Brite schon etwas spät mit seinem Stopp, so schaffte er es am Ende einmal mehr, bei schwierigen Bedingungen seine ganze Erfahrung und sein übernatürliches Talent auszuspielen.

Natürlich hatte Hamilton auch den Vorteil, nicht im langsamen Verkehr zu stecken. Gleichzeitig konnte er zu Beginn auch sehen, wie es Norris direkt vor ihm erging. Trotzdem war die Leistung bei diesen Bedingungen einmal mehr grandios. Ähnlich schnell war nur Teamkollege Valtteri Bottas, der drei Runden früher kam. Er verlor lediglich 2,5 Sekunden auf Hamilton.

Wer früh stoppte, holte schnell Zeit auf. Allerdings wurden die Intermediates dadurch stark rangenommen. Als der Regen am Ende stärker wurde, waren sie nicht mehr besonders gut. Ein früher Boxenstopp allein war kein Garant.

Stopp-Runde Fahrer Verlust auf HAM Pos. gewonnen
47 Russell 39,733 1
47 Bottas 2,569 9
47 Räikkönen 25,306 5
46 Mazepin Überrundet 1
47 Tsunoda* Überrundet 0
48 Verstappen 8,168 5
48 Sainz 26,455 0
48 Ricciardo 24,441 1
48 Stroll 50,284 -2
49 Hamilton Referenz 1
49 Tsunoda Überrundet 0
50 Alonso 38,971 0
50 Perez 52,488 -5
50 Vettel Überrundet -2
50 Gasly Überrundet 2
50 Ocon Überrundet -2
50 Giovinazzi Überrundet 2
51 Norris 88,391 -6
51 Leclerc Überrundet -7

*: Yuki Tsunoda wechselte zunächst auf Soft, erst beim zweiten Stopp auf Intermediates.

Russell zum Beispiel hatte nur noch gebrauchte Intermediates. Am Ende des Rennens fuhr er fast wieder auf Slicks. Er verlor von Runde 46 bis 53 fast 40 Sekunden auf Hamilton. Verstappen freute sich nach dem Rennen über das perfekte Timing seines Stopps. Er kam in Runde 48: "Eine Runde früher und meine Inters wären am Ende kaputt gewesen."

Tatsächlich aber verlor auch Verstappen in diesen Runden acht Sekunden auf Hamilton. Sainz und Ricciardo, die gleichzeitig mit dem Red Bull kamen, ließen sogar rund 25 Sekunden liegen. Ein früherer Stopp war also keine Garantie, ein späterer Stopp umso schlechter. Fernando Alonso und Sergio Perez kamen eine Runde nach Hamilton. Alonso verlor 39, Perez sogar 52 Sekunden.

Den perfekten Zeitpunkt für den Stopp gab es nicht. Zu schnell änderten sich die Bedingungen, zu viele Variablen waren im Spiel. Tendenziell lässt sich nur ablesen: Besser zu früh als zu spät. Wie konnten McLaren und Norris aber so viel zu spät dran sein? Wer war für die Entscheidung verantwortlich?

Norris zeigt im Duell mit Hamilton in Sotschi Nerven

Bei McLaren blieb man nach dem Rennen ruhig. Teamchef Andreas Seidl verteilte die Schuld auf dem gesamten Team. Man müsse zunächst einmal genau analysieren, was man besser machen könne. Norris wollte nicht zum Reifenwechsel, man habe ihn aber auch nicht überstimmt, so Seidl.

Die Funk-Aufzeichnungen zeigen, wie McLaren versuchte, bei schwierigen Bedingungen mit Norris zu kommunizieren. Der allerdings blockte jeglichen konstruktiven Dialog ab, wie das Funk-Protokoll zwischen Norris und der Pitwall zeigt:

Runde 47
Erster kleiner Ausrutscher von Norris, bleibt aber vorne
Runde 48
Renningenieur:"Gelbe Flagge T7, Strecke frei."
Nächster kleiner Ausrutscher von Norris, bleibt weiter vorne
Norris: "Ich brauche blaue Flaggen!"
Renningenieur: "Wir kümmern uns darum."
Runde 49
Norris: "Wie viele Runden noch?"
Renningenieur: "Nach dieser noch vier."
Renningenieur: "Einige Fahrer wechseln auf Intermediates, Bottas zum Beispiel."
Renningenieur: "Strecke rutschig von hier bis T10, einige Autos sind abgeflogen."
Norris: "Ja, Shut up!"
Renningenieur: "Lando, was hältst du von Intermediates? Was hälts du von Inters?"
Norris: "Nooo!"
Norris: "Ich brauche blaue Flaggen! Was machen die da?"
Runde 50
Renningenieur: "Okay Lando, Hamilton hat auf Intermediates gewechselt."
Norris: "Ja, das habe ich gesehen, das habe ich gesehen! Wir bleiben weiter draußen!"
Renningenieur: "Okay Lando, nur zur Bestätigung: Du musst jetzt draußen bleiben. Du musst auf diesen Reifen bleiben."
Runde 51
Norris: "Ich brauche verdammte Full Wets! Ich muss stoppen, sonst crashe ich! Ich kann das nicht schaffen!"
Renningenieur: "Ja, wir müssen stoppen, komm rein."
Renningenieur: "Komm diese Runde an die Box, Boxengasse sehr rutschig."
Norris: "Ja, bestätige."

Lando Norris beim Boxenstopp - Foto: LAT Images

Auch Hamilton war zunächst gegen einen Boxenstopp. Allerdings versuchte er zumindest, mit der Box zu kommunizieren. Die Mercedes-Strategen wollten den Weltmeister eigentlich schon eine Runde früher holen, doch Hamilton weigerte sich und kam nicht. Eine Runde später gab man Hamilton noch mehr Informationen und die erneute Anweisung, an die Box zu gehen. Hamilton kam - und siegte.

Runde 49
Renningenieur: "Regen wird stärker. Am Ende der Strecke ist es schon nass."
Renningenieur: "Gelbe Flaggen T7, Gelb, Gelb T7
Renningenieur: "Wir sind bereit zu stoppen, wenn du es brauchst:"
Hamilton: "Es ist wirklich rutschig, aber es regnet nicht stark."
Renningenieur: "HPP12 wenn du es brauchst."
Renningenieur: Valtteri hat auf Intermediates gewechselt."
Hamilton: "Es ist definitiv rutschig!"
Renningenieur: "Box Box, Box Box für Intermediates."
Runde 50
Renningenieur: "Das ist die Crossover-Zeit. Es gibt Autos, die abfliegen."
Renningenieur: "Verstappen hat auf Intermediates gewechselt, es sieht so aus, als würde Norris auch wechseln. Wir haben einen freien Stopp, also Box Box, Box Box."
Hamilton: "Es hört auf zu regnen!"
Renningenieur: "Box Box, Box Box, Pit confirm, da kommt noch mehr."
Renningenieur: "Die Boxengasse ist rutschig."
Hamilton stoppt.

Fazit: Hamilton hat nicht selbst entschieden, im richtigen Moment an die Box zu gehen. Die Entscheidung kam vom Team. Bei McLaren traute man sich nicht, den Call zu machen. Norris allerdings machte es seiner Mannschaft auch nicht einfach. Er erkannte den Ernst der Lage nicht und beschwerte sich über fehlende Blaue Flaggen, statt den Dialog über die Bedingungen aufzunehmen.


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