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Formel 1

Hamilton vertraut Mercedes blind: 100. F1-Sieg nicht dank mir

Lewis Hamilton erzielt im Formel-1-Rennen in Sotschi seinen 100. Sieg. Mercedes-Coup im Regen bringt P1. WM-Leader gesteht: War nicht mein Verdienst.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Lange musste Lewis Hamilton auf den 100. Sieg seiner Formel-1-Karriere warten. Seit Triumph Nummer 99 beim Heimrennen in Silverstone am 18. Juli hatte der Mercedes-Pilot nicht mehr gewonnen. Mehr als zwei Monate später war es in Sotschi nun so weit. Und wie: Sein großes Jubiläum feierte Hamilton in Style - mit einem Coup nach einer hoch dramatischen Schlussphase beim Großen Preis von Russland. Doch die Lorbeeren seinen Sieg mit 53 Sekunden Vorsprung auf Max Verstappen will der neue WM-Führende gar nicht. Hamilton gesteht: Das war der Verdienst meiner Strategen bei Mercedes.

Vier Runden vor Rennende ereignete sich in Sotschi die rennentscheidende Szene. Trotz zunehmender Regenfälle über dem Sochi Autodrom und schon diverser eigener Rutscher sowie Reifenwechseln der Konkurrenz auf Intermediates blieb der lange Rennführende Lando Norris draußen. Anders der Weltmeister. Hamilton, nach einer langen und zähen Aufholjagd, inzwischen direkt im Heck des McLaren angekommen, bog ab zum Wechsel von Slicks auf Mischreifen.

Formel 1 Sotschi: Hamilton erst nicht von Mercedes-Call überzeugt

Das war eine goldrichtige Entscheidung. Noch bevor sich Norris zwei Umläufe später dem Wetter beugen musste, hatte Hamilton seinen Landsmann auf der Strecke schon wieder ein- und überholt. Für Trockenreifen war es längst viel zu nass geworden. Für Hamilton war der Weg zum Sieg damit frei. Dabei hatte sich der Weltmeister dem Geniestreich seiner Strategen noch eine Runde zuvor widersetzt. Da hatte Mercedes Hamilton bereits zum Stopp zitiert, doch Hamilton wollte nicht - immerhin hatte er Norris gerade im Visier.

"In diesen letzten Momenten war es in Kurve fünf rutschig, und etwas in Kurve sieben. Aber überall anders war der Grip ganz gut", schildert Hamilton die Phase am Ende des Grand Prix. "Dann ist Lando in Kurve fünf kurz neben die Strecke. Da dachte ich: 'Bleib' einfach draußen, das passiert bestimmt nochmal. Dann hole ich ihn!' Aber dann haben sie mich hereingerufen - gerade als er da war! Und ich hätte noch drei Runden oder so gehabt, um 24 Sekunden aufzuholen. Da dachte ich: 'unmöglich!' Ich war erst nicht davon überzeugt. Nicht auf der ersten Runde. Aber auf der nächsten hat es dann noch mehr geregnet und ich war überzeugter und bin rein."

Lewis Hamilton dankt Mercedes: Lorbeeren gebühren nicht mir

Genau zum richtigen Moment. Einen Umlauf später nahm der Regen tatsächlich noch weiter zu. "Den Call hat unser Wetterbericht gemacht", sagt Toto Wolff. "Der Kommandostand hat das Strategieteam angefunkt und die waren sich sicher, dass der Regen kommt. Er hat sich etwas widersetzt, aber auf der nächsten Runde war es dann so", schildert der Mercedes-Teamchef den Entscheidungsprozess. "Für die Fahrer ist es immer schwierig, weil ein Teil der Strecke feucht und der andere trocken ist. Aber wir wussten, dass der große Regen kommt. Da war unser Wetterfrosch nicht zu schlagen."

Das muss auch Lewis Hamilton anerkennen. Sein Sieg in Sotschi sei deshalb auch nicht vor allem sein Verdienst, so der Brite. "Ich kann keine Lorbeeren für diese tolle Entscheidung annehmen, denn es war die Entscheidung des Teams", sagt Hamilton. "Ich hatte da am Ende blindes Vertrauen in mein Team und habe allen Glauben in mein Team gesetzt. Sie haben mich reingeholt und ich habe daran geglaubt", schwärmt der Brite von seiner Truppe. "Das ist Teil unserer Reise. Da hat das Team einen tollen Job gemacht, zu verstehen, wann der Regen kommt. Und sie lagen zu 100 Prozent richtig."

Natürlich, so Hamilton weiter, habe auch er eine Rolle gespielt. "Ich habe uns in diese Position gebraucht. Aber Teamwork makes the Dream work!"

Hamilton vs. McLaren: Boxenpatzer hilft gegen Ricciardo

Eine gewisse Hilfestellung erhielt der Brite dabei zuvor allerdings von seinem ehemaligen Team. Ein schlechter Boxenstopp McLarens befreite Hamilton von Daniel Ricciardo. An dem Australier hatte sich der Brite im ersten Stint zuvor die Zähne ausgebissen. "Ich war lange Zeit ziemlich im Niemandsland. Ich wusste nicht wirklich, wo ich war in diesen Rennen."

Auch nach seinem Stopp und der aufgelösten Ricciardo-Hürde ging das so weiter. "Ich hatte keine Ahnung, wie weit Lando weg war. Ich habe einfach jede Runde versucht die bestmögliche Zeit zu fahren, sobald ich im zweiten Stint an dem McLaren [Ricciardo] vorbei war", schildert Hamilton. Als Norris dann in Sichtweite kam zog der Führende allerdings wieder an. "Lando war da plötzlich unglaublich schnell. Er hat einen echt tollen Job gemacht."

Hamilton sparte in dieser Phase allerdings zunächst auch Reifen. Die hatte er immerhin bei seiner vorherigen Aufholjagd schon hart rannehmen müssen. Fast zehn Sekunden musste Hamilton zufahren - die hatte er im ersten Stint im Zug verloren. Am Start fiel Hamilton vom vierten Startplatz zunächst sogar zurück. Im Windschatten gewann der Brite bis Kurve zwei zwar Momentum, doch wurde er im letzten Moment rechts schachmatt gesetzt. "Da musste ich zurückstecken", berichtet Hamilton. So rutschten auch noch Lance Stroll und Daniel Ricciardo vorbei. "Da habe ich viel verloren", klagt Hamilton. "Aber ich habe mich zurückgearbeitet."

Hamilton & Mercedes zweifeln: Sieg auch ohne Regen?

Hinter Norris angekommen taktierte Hamilton allerdings nur kurz. "Dann habe ich auf mein Dashboard geschaut und festgestellt, dass es schon die 42. Runde war. Dann habe ich angefangen, zu attackieren", berichtet Hamilton. Ob es auch ohne Regen gereicht hätte? Hamilton zweifelt. "Ich war gerade im DRS, dann kam der Regen. Aber es wäre hart gewesen. Sie waren so schnell auf den Geraden und aus der letzten Kurve raus", erklärt Hamilton. "Ich habe schon hinter Daniel gesehen, dass du da ein großes Delta brauchst. Ich weiß nicht, ob ich schnell genug gewesen wäre." Auch Wolff bekundet Zweifel: "Er [Norris] hat die Pace ja nochmal erhöht und war sehr schnell am Ende."

So rettete offenbar nur der Regen Mercedes' den Nimbus der Unbesiegbarkeit in Russland - und verhalf Hamilton zur doppelten Erlösung. "Gestern war es so ein schwieriger Tag", erinnert Hamilton an seine beiden Crashs im Qualifying. "Davon musste ich mich irgendwie wieder erlösen." Noch dazu gelang so endlich der verflixte 100. GP-Sieg. "Es hat lange gedauert, bis wir den 100er geschafft haben, ich war mir nicht sicher, ob er kommen würde", sagt Hamilton.

Hamilton schwärmt: "Das ist ein magischer Moment. Ich konnte nur davon träumen, die Gelegenheit zu haben, noch hier zu sein und so spät in meiner Karriere gegen diese phänomenalen Talente noch diese Rennen zu fahren. Weiter auf alles mit Mercedes aufzubauen, darauf bin ich so stolz. Es ist einfach ein besonderer Moment für alle, die Teil davon sind."


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