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Formel 1

Trainingsanalyse Sotschi: Was führt Red Bull im Schilde?

Max Verstappen muss in Russland hinten starten. Lewis Hamilton auch? Red Bull spekuliert auf eine Strafe beim Hauptkonkurrenten - und spielt mit dem Setup.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Spannungskiller oder Aufputschmittel? Titelfavorit Max Verstappen wird beim Russland GP in Sotschi aus der letzten Reihe starten. Red Bull machte nach der Startplatzstrafe von Monza aus der Not eine Tugend und spendierte dem WM-Leader eine neue Power Unit. Statt drei Plätze geht es jetzt ganz nach hinten - dafür aber mit neuem Motor, der ohnehin irgendwann fällig gewesen wäre.

So verpufft zumindest die Monza-Strafe. Allerdings fällte man die Entscheidung bei den Bullen frühzeitig. Eigentlich wollte man die Freitagstrainings abwarten. Die Wetterprognose war den Ingenieuren aber zu heikel: Bei Regen am Samstag könnte man möglicherweise den neuen Motor nicht mehr richtig einfahren. Also wechselte man kurzerhand zwischen 1. und 2. Freien Training.

Formel 1 Sotschi: Verstappen weit hinter Mercedes

Warum Spannungskiller oder Aufputschmittel? Weil Mercedes in Russland einmal mehr in einer eigenen Liga zu fahren scheint. Sotschi-Spezialist Valtteri Bottas führte beide Trainings an. Seitdem der Rauswurf des Finnen aktenkundig ist, fährt er wie befreit auf.

Hamilton nietet Mechaniker um, mehr Strafen für Verstappen!: (12:54 Min.)

"Wenn man sich die Zeiten ansieht und dabei mein Gefühl im Auto berücksichtigt, dann war das heute ein guter Tag", resümiert Bottas. "Ich fühlte mich von der ersten Ausfahrt an im Auto wohl und die Balance war ebenfalls sehr gut." Im 1. Training konnte Verstappen im Red Bull noch einigermaßen schritthalten, ihm fehlten nur zwei Zehntel. Am Nachmittag lag er schon eine Sekunde zurück.

Mercedes sucht noch die optimale Balance

Auch wenn eine Sekunde nicht der realistische Abstand von Red Bull auf Mercedes sein dürfte, die schwarzen Silberpfeile sind dennoch einmal mehr Topfavorit am Schwarzen Meer. Während Hamilton am Vormittag noch 0,2 Sekunden hinter seinem Teamkollegen lag, waren es im 2. Training nur noch 44 Tausendstel.

"Valtteri und ich testeten recht unterschiedliche Setups, um herauszufinden, welches am besten funktioniert", verriet Hamilton später. Zeitmäßig trennten die beiden offenbar nicht viel - zumindest auf eine Runde. Im Longrun tat sich Bottas deutlich leichter. "Unsere Performance auf den Longruns war okay, aber wir haben noch keine optimale Balance gefunden", berichtet Mercedes Strecken-Chefingenieur Andrew Shovlin.

Dabei sollten die Longruns erneut mit Vorsicht genossen werden. Antonio Giovinazzi sorgte mit seinem Crash für eine ärgerliche Trainingsunterbrechung. Bottas fuhr im Schnitt eine halbe Sekunde schneller als Hamilton. Carlos Sainz war ähnlich schnell wie Hamilton unterwegs, allerdings fuhr er am Ende mit weniger Sprit nur zwei Runden auf dem Medium.

2. Training, Longruns auf Medium

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Bottas 14 4 1:39,785
Sainz 12 2 1:40,286
Hamilton 16 6 1:40,308
Verstappen 17 8 1:40,422
Leclerc 10 8 1:40,425
Gasly 14 7 1:40,905
Ocon 15 7 1:40,939
Alonso 14 5 1:40,977
Russell 9 7 1:41,139
Räikkönen 15 6 1:41,187
Tsunoda 15 7 1:42,037
Schumacher 10 8 1:42,990

2. Training, Longruns auf Hard

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Vettel 14 6 1:40,514
Stroll 13 5 1:41,270
Latifi 10 7 1:41,494
Mazepin 9 8 1:43,124

Am Ende wird die Mercedes-Abstimmung ohnehin egal sein. Mit Verstappen ist der einzige potentielle Gegner weit weg. Dass Gasly nur zweieinhalb Zehntel fehlten, ist nicht repräsentativ. AphaTauri dreht den Honda-V6 schon am Freitag auf.

Max Verstappen: Durchmarsch wird schwierig

Ob Verstappen also unter normalen Umständen Chancen gegen Mercedes hätte? Fraglich. Deshalb könnte seine Strafversetzung sogar richtig Pepp in das Rennen bringen. Denn der Niederländer muss sich durchs Feld kämpfen.

Weil Charles Leclerc ebenfalls Motor wechselte, wird Verstappen wohl von Platz 19 starten. Wer sich von beiden besser qualifiziert, bekommt die Pole-Position der Motor-Wechsler. Ein Durchmarsch wird für den WM-Leader aber schwierig.

Gewagte Einstopp-Strategie für Verstappen?

Sotschi zählt zu den Überhol-feindlichsten Strecken im gesamten Kalender. Dazu rückt das Mittelfeld immer näher an die Top-Teams heran. Je geringer die Performance-Differenz ist, desto schwieriger wird das Überholen.

Strategisch wird es ebenfalls nicht so aufregend. 60 km/h Geschwindigkeitslimit in der Boxengasse sorgen für einen großen Zeitverlust beim Boxenstopp. Der Russland GP ist traditionell ein Einstopp-Rennen.

Pirelli schließt Rosberg-Strategie wie 2014 aus

Könnte das vielleicht Verstappens große Chance sein? Nico Rosberg war 2014 nach der ersten Runde Letzter. Nach einem Verbremser in Kurve zwei musste er zum Reifenwechsel. Es sollte sein einziger Reifenwechsel des Rennens bleiben. Der Deutsche wurde am Ende Zweiter. Könnte eine frühe Safety-Car-Phase eine solche Strategie für Verstappen lukrativ machen?

Der Mercedes war damals deutlich überlegener. Dazu zweifelt Pirelli an einer Wiederholung der Strategie. "Nein, das ist nicht mehr möglich", meint Mario Isola. Der Asphalt ist inzwischen erheblich gealtert, nimmt die Reifen deutlich härter ran. Dazu sind die Autos inzwischen viel schneller und Pirelli hat die drei weichsten Mischungen mit nach Sotschi gebracht. Das ganze Rennen auf den C3-Reifen halten die Italiener für undenkbar.

Verstappen mit Topspeed-Defizit

Verstappen wird also viele Autos auf der Strecke überholen müssen. "Mit diesem Topspeed kann ich nicht überholen", schimpfte der noch 23-Jährige schon im Training, als er nicht an einem Williams vorbeikam.

Tatsächlich war Verstappen einer der langsamsten auf den Geraden. Die Topspeed-Werte werden im Training stark von Windschattenfahrten verfälscht. Deshalb sollen die Geschwindigkeitswerte am Ende von Sektor 2 auf den jeweils schnellsten Runden herangezogen werden.

316,4 km/h wurden dort bei Verstappen gemessen. Damit rangiert er auf Platz 18 vom 20. Teamkollege Sergio Perez war mit 320,0 km/h deutlich schneller. Warum? "Wir haben etwas ausprobiert. Er ist im Training mit viel Abtrieb gefahren, Perez mit weniger", verrät Red Bulls Motorsportchef Dr. Helmut Marko.

Geschwindigkeitsmessung Ende Sektor 2 auf den jeweils schnellsten Runden

Fahrer Team Motor km/h
Bottas Mercedes Mercedes 325
Latifi Williams Mercedes 324,4
Schumacher Haas Ferrari 323,9
Hamilton Mercedes Mercedes 323,7
Mazepin Haas Ferrari 323,1
Russell Williams Mercedes 320,8
Gasly AlphaTauri Honda 320,7
Ricciardo McLaren Mercedes 320,1
Perez Red Bull Honda 320
Räikkönen Alfa Romeo Ferrari 319,8
Giovinazzi Alfa Romeo Ferrari 319,2
Ocon Alpine Renault 319,1
Norris McLaren Mercedes 318,7
Leclerc Ferrari Ferrari 318,6
Tsunoda AlphaTauri Honda 318,3
Stroll Aston Martin Mercedes 317,7
Vettel Aston Martin Mercedes 317,1
Verstappen Red Bull Honda 316,4
Sainz Ferrari Ferrari 315,2
Alonso Alpine Renault 313,5

Reifen & Regen: Wenig Abtrieb für Red Bull heikel

Warum aber setzt Red Bull bei Verstappen nicht alles auf die Überhol-Karte? "Weil wir die Reifen schonen müssen und möglicherweise auch das Rennen nass wird", erklärt Marko. Reifen sind in Sotschi normalerweise kein kritisches Thema. Allerdings gab es am Freitag etwas Graining auf der Vorderachse. Eigentlich sind die Hinterreifen eher das Problem.

Mit zunehmender Streckenentwicklung sollte die Vorderachse kein Problem mehr darstellen. Der Regen wird die Strecke aber wieder grün machen. Wenn das Rennen bei trockenen Bedingungen stattfindet, könnte Graining zum Thema werden. Wer da auf seine Reifen aufpasst, hat einen Vorteil.

Red Bull rät Mercedes zur Motorenstrafe

Trotzdem, so extrem wie im Training wird die Verstappen-Abstimmung im Rennen nicht ausfallen, das ist sicher. Dazu wird auch Red Bull das Honda-Triebwerk noch ordentlich aufdrehen.

Wie weit kann es für Verstappen noch nach vorne gehen? "Warten wir ab, was Mercedes macht, ob sie auch noch eine Motorenstrafe ziehen", meint Marko. Während Mercedes noch nicht weiß, ob bei Hamilton noch ein Motorwechsel nötig wird, rechnen die Bullen fest damit. "Bei ihrem Verschleiß gehen wir schon davon aus", so Marko.

Der Doktor rät Mercedes, die Strafe in Russland zu ziehen: "Bei ihrem Speed können sie gut überholen." Auf der anderen Seite kann Mercedes in Russland einen sicheren Sieg einplanen. Ob man den aufs Spiel setzt? Fraglich.

Das größte Fragezeichen steht allerdings hinter dem Wetter. Die Meteorologen prognostizieren Dauerregen am Samstag. Eine Verschiebung des Qualifyings auf Sonntag steht bereits im Raum. Aber auch am Sonntag besteht - zum aktuellen Zeitpunkt - noch eine Regenwahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Dann werden die 7.000 Zeichen Trainingsanalyse ebenfalls weggeschwemmt - abgesehen von den Strafversetzungen, die behalten auch dann noch ihre Gültigkeit.

Hamilton nietet Mechaniker um, mehr Strafen für Verstappen!: (12:54 Min.)