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Formel 1, Hamilton vs. Verstappen: Wer ist aggressiver?

Lewis Hamilton schob nach dem Silverstone-Crash Teilschuld auf Max Verstappen. Wer ist aber aggressiver? Die Entwicklung beider Fahrer im Rückblick.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Das Duell um die Formel-1-WM 2021 hat nach Silverstone eine neue Dimension erreicht. Die Konfrontation zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen erhitzt die Gemüter, auch die der Beteiligten. Während ganz Red Bull scharf gegen Hamilton schießt, schiebt der Teilschuld auf Verstappen ab, und meinte gleich nach dem Rennen: "Max ist einer der aggressivsten Fahrer da draußen, meiner Meinung nach."

Eine Frage der Jugend? "Als ich jünger war, natürlich, war ich auch so aggressiv", suggerierte Hamilton. "Vielleicht nicht so aggressiv wie Max, aber ich war ziemlich aggressiv als Youngster." Lassen sich die beiden vergleichen? Ein Blick zurück in die Vergangenheit, und ein Fazit für die Gegenwart.

Die Leiden des jungen Hamilton: Nach Crash-Saison 2011 geläutert?

Hamiltons Formel-1-Karriere begann ohne Zweifel mit hohem Aggressions-Level. Nicht zuletzt, weil er vom Start weg mit McLaren um WM-Titel kämpfte. Großes Erbarmen zeigte er selbst gegen Doppelweltmeister Fernando Alonso im Rookie-Jahr nie. Wenngleich es zu Beginn nur wenige große Konfrontationen auf der Strecke gab.

Hamiltons unfallstärkste Jahre folgten erst, nachdem McLarens Konkurrenzfähigkeit ab dem Reglementswechsel von 2009 litt. Mit der Ankunft von Weltmeister Jenson Button als Teamkollege im Jahr 2010 stieg der Druck, und 2011 endete als Hamiltons wohl schlampigste Saison. In Monaco, Kanada, Belgien, Singapur, Indien und Japan war er in teils vermeidbare, teils selbst verschuldete Unfälle verwickelt. Er beendete die Saison mit vier Durchfahrts-Strafen, 14 Mal musste er zu den Stewards.

Hamilton und Felipe Massa gerieten 2011 mehrmals aneinander - Foto: Sutton

Ferrari-Pilot Felipe Massa fand sich gleich in sechs Fällen am falschen Ende von Hamiltons Manövern wieder. Allzu oft endeten die mit einer rücksichtslosen Hamilton-Aktion. Der schien aber in dieser Saison durch das Leben abseits der Strecke stark beeinflusst: Die Trennung von seinem Vater als Manager und privat die Trennung von Freundin Nicole Scherzinger halfen nicht. Immerhin: Zum Abschluss legte er Differenzen bei und meinte: "In Zukunft werde ich auf dieses Jahr zurückblicken und sagen: 'Das habe ich gebraucht.' Ich bin sehr gewachsen, und will das ins nächste Jahr mitnehmen."

Hamilton vs. Rosberg: Ära der kalkulierten Aggression

Ein so desaströses, von Zwischenfällen gezeichnetes Jahr hatte Hamilton seither tatsächlich nicht mehr. Rücksichtslos war er seither nur in Maßen - und mit Bedacht, könnte man meinen. Nur im über drei Jahre eskalierenden WM-Duell gegen Mercedes-Teamkollege Nico Rosberg ließ er keinen Millimeter mehr als nötig. Was zwangsweise Kollisionen nach sich zog, an denen man Hamilton nur Teilschuld zuweisen kann.

Er war also brutal, aber berechnend - nicht schlampig wie oft in der Chaos-Saison 2011. Vielleicht mit Ausnahme des mittlerweile legendären Crashs mit Rosberg am Start des Spanien-GPs von 2016. Da schienen beide Fahrer an einem Punkt angekommen zu sein, wo sie nicht mehr nachgeben wollten.

Nach Rosbergs Titel und sukzessiven Rücktritts endete für Hamilton auch die Ära des Hassduells. Die beiden WM-Konfrontationen mit dem aus der gleichen Generation stammenden Sebastian Vettel eskalierten auf der Strecke nie in übermäßig aggressive Manöver Hamiltons.

Hamilton vs. Red Bull: Erstes WM-Duell seit 2018

Ausgerechnet in den WM-technisch verhältnismäßig leichten Jahren 2019 und 2020 leistete sich Hamilton seine größten Duell-Fehltritte der letzten Jahre: Erst drehte er mit übermäßig optimistischem Manöver 2019 in Brasilien Alex Albons Red Bull im Kampf um den zweiten Platz, und wiederholte das 2020 in Österreich, als er sich gegen ein aggressives Manöver von Albon auf der Außenbahn zu weit raustragen ließ und den Red Bull erneut drehte.

Hamilton und Alex Albon nach dem Brasilien-Kontakt - Foto: LAT Images

Sonst blieb er sauber, und legte es auch 2021 im Duell gegen Verstappen nicht auf eine Konfrontation an. In Imola und Barcelona steckte er am Start zurück, während Verstappen reinhielt. "Wir sind in einem Duell, und ich denke, er war sehr aggressiv dieses Jahr und meistens musste ich zurückstecken, um einen Zwischenfall zu vermeiden", meinte er nach Silverstone. Das war das erste richtige Manöver, bei dem er gegen Verstappen nicht mehr zurücksteckte.

Aggressiver Verstappen ohne Strafpunkte: 2021 schon gemäßigt?

Aber wie aggressiv ist Verstappen wirklich? Immerhin ist er einer von nur drei Fahrern im Formel-1-Feld, die momentan in der Strafpunkt-Wertung sauber sind. Bis jetzt blieb er 2021 straffrei. Der Rambo-Verstappen aus ganz jungen Tagen gehört sicher der Vergangenheit an. Damals blockte Verstappen in jedem Zweikampf erbarmungslos, drückte am Kurvenausgang gerne raus, und setzte sich auch an unmöglichsten Stellen daneben.

Die erste Wende scheint seit dem Saisonstart 2018 eingetreten. Damals schaltete er in Bahrain im Duell mit Hamilton auf stur und wurde rausgedrängt (und wurde von Hamilton im Cooldown-Raum als "Dickhead" abgekanzelt), räumte in China Sebastian Vettel ab, und setzte dem ganzen mit dem Crash mit Teamkollege Daniel Ricciardo in Baku die Krone auf. Das schien zugleich aber auch ein Wendepunkt.

Verstappen drückte in Bahrain 2018 einst Hamilton raus - mit Kontakt - Foto: Sutton

Seither ist Verstappen gemäßigt - aber ein Fahrer, von dem man übermäßig Platz erwarten darf, ist er nicht, wie Hamilton nach Silverstone hervorhob. Verstappen gehört zu jenen Fahrern, die kein Problem damit haben, ihr Auto in kompromisslose Positionen zu bringen. Dann bleibt es dem Gegner überlassen, ob er zurücksteckt oder die Kollision riskiert. Auch abseits des WM-Kampfes gibt es unzählige Beispiele, man denke nur an das Duell um den Sieg gegen Charles Leclerc 2019 in Österreich, bei dem Verstappen Leclerc mit Rad-an-Rad-Kontakt in die Auslaufzone drückte.

Hamilton bemühte sich 2021 nach Kräften, den Verstappen Aktionen mit Vorsicht zu begegnen. Bis zur Copse-Kurve in Silverstone. Wollte er dem Rivalen endlich das Signal senden - dass er nicht jedes Mal zurückstecken wird, wenn es um den Titel geht? Das weiß nur Hamilton selbst.


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