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Formel 1

Sebastian Vettel wegen Pirelli besorgt: Kein volles Vertrauen

Die Reifenschäden im Formel-1-Rennen in Baku sind vor dem Frankreich-GP das große Thema. Sebastian Vettel fordert: Sicherheit muss immer vorgehen.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Für die ersten Schlagzeilen zum Großen Preis von Frankreich sorgte schon lange vor dem siebten Formel-1-Wochenende der Saison 2021 Reifenlieferant Pirelli. Am späten Dienstagabend vor der Abreise nach Le Castellet verschickten die Italiener nach abgeschlossener Analyse ein Statement zu den Reifenschäden an den Boliden von Max Verstappen und Lance Stroll beim vergangenen Aserbaidschan-GP.

Dessen Inhalt ließ jedoch Raum für Interpretationen. Pirelli führte die Schäden - durchgehende Risse auf der Innenseite der Hinterreifen - nicht auf Produktionsfehler, Qualitätsprobleme oder Ermüdung der Reifen zurück, nannte allerdings auch keinen klaren anderen Auslöser. Stattdessen gab Pirelli an, ein falscher Einsatz der Reifen könne verantwortlich sein. Den betroffenen Teams Red Bull und Aston Martin gab Pirelli offiziell allerdings keine Schuld. Dieser Eindruck kann allerdings entstehen, gelten mit dem Frankreich-GP nun strengere Kontrollmechanismen für Reifendrücke und -temperaturen.

Max Verstappen: Red Bull hielt Vorgaben ein

Haben Red Bull und Aston Martin also nach der Messung kurz vor Rennstart mit den Reifendrücken getrickst? Während die Teams sich gegen diesen Vorwurf sofort mit eigenen Statements wehrte, soll eine der neuen Kontrollen - eine Messung auch nach dem Rennen - nun genau derartige Tricksereien erschweren.

In der Pressekonferenz vor dem Frankreich-GP wurden die Reifen zum Leitmotiv der Medientermine aller Fahrer. Max Verstappen und Sergio Perez beteuerten dort, Red Bull habe sich an alle Vorgaben Pirellis wie die Mindestluftdrücke gehalten. Man habe den Italienern sogar alle eigenen Sensordaten zu den Luftdrücken auch während des Rennens zukommen lassen.

Verstappen sieht Pirelli in Verantwortung

Verstappen ging stattdessen erneut Pirelli an. Weil Red Bull sich an alles gehalten habe, müsse Pirelli die falschen Vorgaben gegeben haben, so der Niederländer. "Sie müssen auf sich selbst schauen", sagt Verstappen. "Sie sind schon von Freitag auf Samstag [in Baku] hochgegangen, das bedeutet etwas. Vielleicht war es nicht genug." Noch dazu sei die Erklärung der Italiener nur vage gewesen, kritisierte der Niederländer und forderte mehr Informationen. "Es wäre einfach schön zu wissen, ob es wirklich mit den Reifendrücken zu tun hatte", sagt Verstappen. Höhere Drücke in Frankreich erwartet der Niederländer in jedem Fall.

Mehr Klarheit - und damit Vertrauen - wünschen sich auch andere Piloten. "Jetzt pumpt Pirelli die Reifen auf. Wenn Pirelli glaubt, dass das eine bessere Lösung für unsere Sicherheit ist, dann habe ich da einfach nicht viel mehr dazu zu sagen", kritisiert Lance Stroll unterschwellig. Der Teamkollege des in Baku betroffenen Piloten wird deutlicher.

Sebastian Vettel: Keine 100 Prozent Vertrauen in Reifen

"Es ist klar, dass es oberste Priorität ist, dass die Reifen sicher sein müssen", sagt Sebastian Vettel, einer der Direktoren der F1-Fahrergewerkschaft GPDA. Aston Martin habe sich hier korrekt verhalten, so Vettel auf Nachfrage, ob durch die Aussendung Pirellis nicht der Eindruck entstehe, die Teams hätten getrickst. "In der Startaufstellung werden alle kontrolliert, ob ihre Reifendrücke in Ordnung sind. Und ich weiß, dass es bei uns so war. Das ist das Wichtigste. Darüber müssen wir nicht debattieren", beteuert Vettel. "Es gibt eine Vorschrift und wir halten uns daran, um die Reifen in einem sicheren Fenster zu fahren."

Deshalb sei nun Pirelli gefragt. "Wenn der Reifen versagt, müssen wir natürlich genau verstehen, warum das so war - und von unserer Seite gibt es da nichts mehr zu ergänzen", sagt Vettel. Von den Erklärungen Pirellis scheint der Deutsche ähnlich wie Verstappen noch nicht abschließend überzeugt. "Ich kann nicht 100 Prozent 'Ja' und nicht 100 Prozent 'Nein' sagen", antwortet Vettel auf Nachfrage, ob er volles Vertrauen in die Struktur der Pneus habe.

Auch Sergio Perez äußert Bedenken

Die fehlt auch Sergio Perez. "Wir haben uns an alles gehalten, was Pirelli verlangt hat. Es gibt Bedenken", sagt der Mexikaner. "Wir wissen, dass Baku ein besonderer Ort ist, trotzdem gibt es noch Bedenken. Warten wir mal, womit sie jetzt kommen. Es geht vor allem um die Sicherheit."

Auf die Herausforderungen an die Reifen in der Formel 1 geht auch Vettel ein. "Du hast viele Szenarien, denen ein Reifen standhalten muss", sagt Vettel. "Dass das sehr herausfordernd sein kann, ist nichts Neues." So würden etwa bei langsamer Fahrt hinter dem Safety Car - in Baku der Fall - die Drücke dramatisch fallen, so Vettel. "Und dann fährst du bei der grünen Flagge plötzlich sofort Vollgas. Die Belastung der Reifen ist ohne Zweifel sehr, sehr hoch."

George Russell fordert Einbeziehung der Gewerkschaft

Dass Schäden also auch dazu gehören, ist für Vettel dennoch keine zufriedenstellende Option. "Es ist ein Produkt, das designt sein sollte, um zuallererst einmal so sicher wie möglich zu sein", sagt der GPDA-Direktor. "Von unserer Seite - und da spreche ich für uns Fahrer - ist die Priorität, dass die Reifen sicher sind. Alle anderen Interessen müssen an zweiter Stelle kommen", ergänzt Vettel. "Das perfekte Produkt, mit dem alle zufrieden sind, wird es vielleicht sowieso nie geben", so der Deutsche zu Motorsport-Magazin.com.

Unterstützung erfährt Vettel von Co-GPDA-Direktor George Russell. "Die Sicherheit steht in unserem Sport an erster und höchster Stelle. Die beiden Reifenplatzer letztes Wochenende waren erschreckend mitanzusehen - bei der Geschwindigkeit, bei der wir da unterwegs waren. Es ist unser aller Pflicht, diese Probleme anzusprechen", sagt der Brite und fordert eine Beteilung der Fahrergewerkschaft.

Lewis Hamilton spricht Pirelli frei: Druck-Tricksereien?

Russell weiter: "Es gibt dieses Wochenende eine Reihe Protokolle, um sicherzustellen, dass kein Team versucht, die Regeln zu manipulieren. Schauen wir, ob das kurzfristig etwas ändert. Mittel oder langfristig wollen wir sowas nicht sehen und müssen daran arbeiten, solche Probleme zu lösen."

Tricksereien unterstellt auch Lewis Hamilton. "Wenn sie jedes Wochenende die Drücke erhöhen, sagt dir das was. Die Reifen werden häufiger nicht mit den verlangten Drücken gefahren als damit", sagt der Weltmeister. Für Mercedes gelte das nicht. "Wir hatten kein Problem mit unseren Reifen", sagt Hamilton und verteilt sogar ein seltenes Lob an Pirelli: "Sie haben dieses Jahr einen tollen Job mit den Reifen gemacht. Sie sind robuster als zuvor und - in diesem speziellen Fall [Baku] denke ich nicht, dass Pirelli einen Fehler gemacht hat."

Hamilton freut sich über neue Kontrollen

Die Sicherheitsfrage genießt auch bei Hamilton - nur stellt er sie Teams, die in seinen Augen offenbar mit den Reifendrücken spielen. Dabei gebe es doch klare Regeln. "Ich und mein Team hatten immer klare Regeln und Richtlinien, wie wir operieren müssen", sagt Hamilton. Deshalb gibt sich der Brite zufrieden mit der neuen Reaktion via Direktive. Die müsse nun allerdings auch umgesetzt werden. "Jetzt ist es aber sehr, sehr wichtig, wie sie es überwachen, denn das haben wir bislang nicht gemacht. Das muss besser werden. [...] Damit es im ganzen Feld gleich ist", fordert der Brite.


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