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Formel 1

Formel-1-Mythos Imola: Enzo Ferraris Nordschleife

Das Autodromo Enzo e Dino Ferrari gehört zu den geschichtsträchtigsten Schauplätzen der Formel 1. Wie wurde der Traditionskurs zu diesem mystischen Ort?
von Samuel Marton

Motorsport-Magazin.com - Es hatte ein Hauch von Nostalgie, als die Formel 1 2020 nach insgesamt 14 Jahren wieder ein Rennen auf dem Autodromo Enzo e Dino Ferrari austrug. Während Lewis Hamilton und Co. ihre Runden auf dem 4,909 Kilometer langen Kurs drehten, kamen bei vielen Fans Erinnerungen an vergangene Tage wieder hoch. Wer denkt nicht gerne an die Großen Preise von San Marino 2005 und 2006 zurück, als sich Michael Schumacher und Fernando Alonso bis in die letzten Runden bekriegten?

Neben positiven Erinnerungen verbindet die Motorsport-Welt diese Rennstrecke allerdings auch mit dem tragischen Wochenende von Imola 1994, bei dem sowohl der Österreicher Roland Ratzenberger als auch Formel-1-Legende Ayrton Senna nach schweren Unfällen ihr Leben ließen.

Der Asphalt des Autodromo Enzo e Dino Ferrari erzählt uns Geschichten des Erfolgs und der Niederlage. Geschichten, die den Sport bis heute prägen und die Rennstrecke unweigerlich mit der Königsklasse verbinden. Wir sind auf Spurensuche gegangen und blicken auf die historischsten Momente des Traditionskurses von Imola zurück.

Faszination Nordschleife und eine tragische Namensgebung

Die Entstehung der Strecke geht bis in die 1940er zurück. Enzo Ferrari höchstpersönlich plante in Imola den Bau einer Strecke nach dem Vorbild des Nürburgrings. Ferrari sah die Parallelen vor allem in der Landschaft, denn wie die Nordschleife oder auch der Traditionskurs Spa-Francorchamps sollte sich die Strecke den natürlichen Gegebenheiten - in diesem Fall der Emilia-Romagna - anpassen. Das Nationale Olympische Komitee Italiens (CONI) steuerte für den Bau, der 1950 begonnen hatte, rund 40 Millionen Lire bei. Ferrari sah darin den ersten wirklichen Beitrag des Komitees für den Motorsport.

Luftaufnahme aus dem Jahr 1990 - Die Strecke wurde in die Landschaft eingebettet - Foto: LAT Images

Die Eröffnung der Strecke erfolgte 1953 schließlich im Rahmen des 'Coni Grand Prix' - ein Rennen innerhalb einer italienischen Motorradmeisterschaft, das von Umberto Masetti und Enrico Lorenzetti gewonnen werden konnte.

Enzo Ferrari erlebte in den folgenden Jahren allerdings einen schweren Schicksalsschlag. Sein jüngster Sohn Alfredo 'Dino' Ferrari sollte ursprünglich in die Fußstapfen des Ferrari-Gründers treten, litt jedoch lange Zeit an einer Muskelkrankheit und verstarb schließlich in einem jungen Altem von nur 24 Jahren an Nierenversagen. Zu Ehren Ferraris Sohnes wurde die Strecke in Imola 1968 nach Alfredo benannt. Nach Enzo Ferraris Tod 1988 wurde schließlich auch dessen Namen zur Streckenbezeichnung hinzugefügt - bis heute heißt die Strecke 'Autodromo Enzo e Dino Ferrari'.

Enzo Ferrari konnte den Tod seines jüngsten Sohnes lange Zeit nicht überwinden - Foto: Ferrari

Imola wird fester Bestandteil des Formel-1-Rennkalenders

Das erste Formel-1-Rennen in Imola fand erst 10 Jahre nach der Eröffnung des Kurses statt. Der Grand Prix zählte allerdings nicht offiziell zur Formel-1-Weltmeisterschaft und wurde daher von der Wertung ausgenommen. Jim Clark konnte sich den Sieg des Streckendebüts sichern. Interessanter Fakt am Rande: Ferrari selbst nahm nicht an dem Rennen teil. Und das, obwohl zwischen Imola und dem Hauptsitz in Maranello nur knapp 70 Kilometer Luftlinie liegen.

Der zweite Formel-1-Grand Prix auf dem Autodromo Enzo e Dino Ferrari folgte im September 1979. Nach einem packenden Duell gegen den damaligen Ferrari-Piloten Gilles Villeneuve konnte sich Niki Lauda in seinem Brabham Alfa Romeo am Sonntag den Sieg sichern. Die Veranstaltung sollte jedoch nicht nur den letzten Grand Prix markieren, in dem Brabham Alfa-Romeo-Motoren verwendete, sondern gelichzeitig auch das vorerst letzte Formel-1-Rennen Niki Laudas, der sich zwei Wochen später aus dem Sport zurückzog. Auch 1979 floss das Rennergebnis nicht in die Wertung der Weltmeisterschaft ein. Diese Tatsache sollte sich für die kommenden Jahre drastisch ändern.

Nachdem Niki Lauda an Gilles Villeneuve vorbeiging beschädigte sich der Kanadier die Front seines Ferraris und musste in der Folge an die Box - Foto: LAT Images

Nach dem Tod von Ronnie Peterson 1978 infolge eines Unfalls auf dem Autodromo Nazionale di Monza sollte der bisherige Austragungsort des Großen Preises von Italien sicherer und deshalb an einigen Stellen modifiziert werden. Obwohl die Arbeiten rechtzeitig fertiggestellt werden konnten, wurde der Große Preis von Italien 1980 erstmals seit Bestehen der Formel 1 nicht in Monza, sondern in Imola ausgetragen. Der Kurs sollte dem Rennkalender der Formel 1 treu bleiben und die kommenden 26 Jahre nicht mehr aus der Königsklasse wegzudenken sein.

Zwischen 1981 und 2006 fand der Meisterschaftslauf aber als Großer Preis von San Marino statt, da die Bezeichnung 'Großer Preis von Italien' jeweils schon vom Grand Prix in Monza in Anspruch genommen wurde. Dabei lag Imola auch schon damals nicht in San Marino, sondern rund 100 Kilometer vom Zwergstaat entfernt.

Schwarzes Wochenende von Imola verändert die Formel 1

Die Formel 1 erlebte in ihrer 70-jährigen-Geschichte bereits mehrere tragische Augenblicke. Das sogenannte 'schwarzen Wochenende von Imola' 1994 dürfte in dieser Kategorie allerdings bis heute seinesgleichen suchen. An jenem Wochenende gab es gleich drei schwere Unfälle, zwei endeten tödlich.

Am Freitag kam es zum ersten Unfall. Kurz vor Start-Ziel wurde der Jordan von Rubens Barrichello über den Randstein in einen Reifenstapel katapultiert und überschlug sich in der Folge mehrere Male. Der Brasilianer kam mit dem Leben davon, musste das restliche Wochenende aber aufgrund seiner Verletzungen aussetzen.

Ratzenberger bestritt in Imola erst sein zweites Formel-1-Rennen - Foto: Sutton

Anders erging es Roland Ratzenberger im Qualifying. Der Österreicher verlor bei hohen Geschwindigkeiten seinen Frontflügel und damit auch die Kontrolle über seinen Wagen. Der Bolide raste in der Folge mit voller Wucht in die Betonmauer der Villeneuve-Kurve, woraufhin der Simtek-Pilot in ein nahegelgenes Krankhaus gebracht werden musste. Ratzenberger erlag jedoch seinen schweren Verletzungen - es war der erste Todesfall der Formel 1 seit zwölf Jahren, sollte an diesem Wochenende aber nicht der letzte bleiben.

Die Formel 1 wurde am Rennsonntag ein weiteres Mal überschattet. Ayrton Senna ging von der Pole Position ins Rennen und führte den Grand Prix bis zur fünften Runde an. In der Tamburello-Kurve verlor der Brasilianer allerdings die Kontrolle über seinen Williams-Boliden und prallte mit über 200 km/h gegen die Betonmauer. Der dreimalige Weltmeister erlitt durch den Unfall schwere Kopfverletzungen, die ihm letztlich das Leben kosten sollten.

Auch wenn die Ursache von Sennas tödlichem Unfall bis heute umstritten ist: Alle drei Unfälle waren ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Formel 1 zu gefährlich wurde. Das Verbot der aktiven Aufhängung zwang die Aerodynamiker dazu, ein Auto zu bauen, das in jedem Teil der Strecke einen stabilen Abtrieb erzeugte. Diesen Anspruch wurden die Boliden nicht immer gerecht, sodass die Fahrzeuge zeitweise unberechenbar wurden und die aktuellen Sicherheitsstandards einfach nicht mehr genügten.

Nach dem besagten Rennwochenende in Imola wurde vonseiten der FIA und den Fahrern viel getan, um weitere Todesfälle zu verhindern. So wurde im Laufe der Saison die Fahrervereinigung 'Grand Prix Drivers' Association' (GPDA) wieder ins Leben gerufen. Auch die FIA setzte noch in derselben Saison mehrere Maßnahmen um, die sowohl Fahrzeuge als auch bestimmte Rennstrecken einbremsen sollten - in Barcelona oder Montreal wurden hierfür einige Schikanen eingebaut. In den folgenden Jahren wurden zudem höhere Sicherheitsstandards wie die Einführung des HANS-Systems, der den Hals- Nackenbereich schützen soll, oder strengere Crash-Tests etabliert.

Auch das Autodromo Enzo e Dino Ferrari wurde 1995 umgebaut. Der eigentliche Hochgeschwindigkeitskurs konnte durch größere Auslaufzonen oder einer neuen S-förmigen Tamburello-Kurve entschärft werden. Die folgenden Jahrzehnte zeigten, dass nach dem Großen Preis von San Marino 1994 die richtigen Maßnahmen getroffen wurden, um die Königsklasse sicherer zu machen. Ayrton Sennas Todesfall war bis zum Tod der Marussia-Testfahrerin María de Villota 2013 das letzte Ableben eines Formel-1-Fahrers oder Fahrerin, der im Zusammenhang mit einem F1-Boliden stand.

Sieger beim schwarzen Wochenende der Formel 1 war Michael Schumacher. Es war der erste von insgesamt sieben Siegen des Kerpeners in Imola. Bis heute ist er Rekordsieger auf dem Autodromo Enzo e Dino Ferrari. Seinen letzten Sieg feierte er 2006 nach einem packenden Duell mi Fernando Alonso. Dabei revanchierte er sich für denkbar knappe Niederlage ein Jahr zuvor. Für die kommenden Jahre verabschiedete sich der Traditionskurs allerdings wieder aus dem Formel-1-Kalender und sollte erst durch Zufall wieder seinen Weg in die Königsklasse finden.

Unerwartetes Comeback dank Corona-Absagen

Auch die Formel 1 blieb von den weltweiten Corona-Maßnahmen nicht unverschont, wodurch sich der Saisonstart 2020 um mehrere Monate verzögerte. Viele geplante Grand Prix wurden abgesagt, was die finanzielle Sicherheit der einzelnen Teams stark bedrohte. Aus der Not heraus konnte Formel-1-Eigentümer Liberty Media dank einiger interessanter Lösungen doch noch 17 Rennen zusammenkratzen.

Nach einer Inspektion vor Ort gab die FIA schließlich grünes Licht für den Comeback der legendären Rennstrecke. Seit dem letzten Formel-1-Grand Prix auf diesem Kurs ist allerdings viel Zeit vergangen, was der Strecke an einigen Stellen angesehen werden kann.

Die Formel 1 war 2020 endlich wieder zurück in Imola - Foto: LAT Images

Die Schikane der Variante Bassa vor Start-Ziel wurde entfernt, wodurch sich nach Rivazza II bis hin zur Variante Tamburello eine wesentlich längere Gerade ergab. Das Wochenendformat wurde zudem von drei auf zwei Tage verkürzt - der Freitag viel weg, weshalb es nur ein Freies Training vor dem Qualifying gab. Die Bezeichnung 'Großer Preis von San Marino' war ebenfalls Geschichte. Die Veranstaltung wurde folglich 'Großer Preis der Emilia-Romagna' - angelehnt an die italienische Region in der sich Imola befindet - getauft.

Das Rennwochende selbst war geprägt von Diskussionen über Track-Limits oder den wenigen Überholmöglichkeiten. Max Verstappen und Valtteri Bottas lieferten der Motorsport-Welt dennoch einen spannenden Kampf um Platz zwei, der für den Niederländer nach einem Reifenplatzer im Kiesbett endete. 2021 wird die Formel 1 ein weiteres Mal an diesen mystischen Ort zurückkehren. Einem Ort, der seinen Charme trotz vieler Tief- und Höhepunkte nie verloren hat - die Grüne Hölle im Herzen der Emilia-Romagna.