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Formel 1

Formel 1, Norris nicht mehr der Alte: Zu meinem eigenen Besten

Lando Norris will sich bei McLaren als Teamleader etablieren. Der Spaßvogel hat den Ernst des Lebens erkannt. Neuer Ansatz, Respekt vor Daniel Ricciardo.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Lando Norris machte sich bei seinem Debüt in der Formel 1 2019 schnell einen Namen als Entertainer. Vor allem bei der jungen Generation kam der jugendliche Charme des britischen Strahlemanns gut an, der mit Live-Streams auf Twitch kein F1-Fahrer zuvor mit seinen Fans interagierte. Doch die Zeiten humoristischer Freizügigkeit gehören bei ihm der Vergangenheit an. Für Norris ist es mehr als nur ein Imagewechsel.

"Ich habe mich etwas zurückgenommen. Ihr seht von mir nicht mehr so viele Jokes", sagt der 21-Jährige im Interview mit dem britischen Automagazin Autocar. Nach der Bekanntgabe des Wechsels von Daniel Ricciardo zu McLaren brach in den sozialen Medien eine regelrechte Euphorie aus. Der australische Publikumsliebling mit seiner lockeren Art und Norris versprachen jede Menge flotte Sprüche und abgefahrene Memes.

Doch Norris will sich von seinem Image als Scherzkeks lösen. "Ich hoffe, dass die Menschen mich etwas anders sehen werden", erklärt er. Doch bei dieser Kehrtwende geht es ihm nicht einzig um seine eigene Außendarstellung: "Es geht nicht nur darum besser auszusehen, sondern es ist auch zu meinem eigenen Besten."

Mehr Engagement im Team statt Blödeleien

Nach seinem Lehrjahr in der Formel 1 empfand er die Notwendigkeit, seine Rolle innerhalb McLarens zu überdenken. "Ich verbringe mehr Zeit mit der Arbeit im Team, um zu verstehen, wie ich meinen Fahrstil und das Auto verbessern kann. Es geht darum, Zeit mit den Ingenieuren zu verbringen um diese Performance herauszuholen", so Norris, der auf der Rennstrecke von Anfang an einen sehr reifen Eindruck machte.

Übermotivierte Aktionen oder Rookie-Fehler waren in seiner ersten Saison nie ein Thema. Stattdessen bestach Norris mit starker Pace und Konstanz. Im teaminternen Vergleich mit seinem erfahrenen Stallgefährten Carlos Sainz zog er sich ohne Fehl und Tadel aus der Affäre. Beim Saisonauftakt 2020 auf dem Red Bull Ring holte er nach einer furiosen Schlussphase sein erstes Podium in der Königsklasse.

In seiner zweiten Saison strahlte er von Beginn an mehr Routine und Sicherheit aus. Etwas, das für ihn auch auf seinen Sinneswandel zurückzuführen ist. "Ich habe mich etwas verändert, aber nur um mehr aus mir herauszuholen. Ich habe nicht mehr so viele Späße gemacht und war nicht mehr der Nerd, der ich bin", so Norris.

McLarens CEO Zak Brown stellte unlängst klar, dass sein Team mit den beiden Sympathieträgern keineswegs zur Karnevalstruppe wird. "Alle erwarten, dass sie eine selten dämliche Paarung (Im Original: "goofy odd couple") sein werden, aber ich erwarte mehr Ernsthaftigkeit", so der US-Amerikaner.

Fahrerische Entwicklung stimmt Norris positiv

Mit dem siebenfachen Grand-Prix-Sieger Ricciardo an seiner Seite, steht Norris in seiner dritten Saison vor der bisher größten Bewährungsprobe seiner jungen F1-Laufbahn. Nach einem dominanten Titelgewinn in der Formel-3-Europameisterschaft und dem Vizetitel in der Formel 2 stieg der seit dem Kartsport als Supertalent verschriene McLaren-Zögling in die F1 auf.

Bisher hat er nicht das Gefühl, in der Weltspitze des Sports bereits all sein Potential entfesselt zu haben. "Ich habe noch nicht alle Haken gesetzt. Es gibt immer noch Dinge, die ich verbessern muss und in denen ich fortschritte mache", sagt er.

Mit seiner Entwicklung in den ersten Jahren ist er zufrieden: "Die größten und wichtigsten Dinge habe ich abgehakt. Was das Racing angeht, bin ich viel konkurrenzfähiger geworden. Mein Rennpace und mein Reifenmanagement standen bei mir zu Anfang des Jahres im Fokus und damit bin ich sehr glücklich."

Norris zeigt Respekt vor Ricciardos Erfahrung

Durch den Abgang von Sainz will er den nächsten Schritt machen und sich in der Rolle des Teamleaders etablieren. Eine Ambition, die er ohne jeden Zweifel mit Ricciardo teilt. "Es wird ein paar Dinge geben, die Daniel ins Team mitbringt", so Norris, der sich seiner Defizite gegenüber dem Neuzugang bewusst ist.

"Er wird in der Lage sein einige Dinge zu sagen, die nicht beitragen kann, denn ich haben keine zehn Jahre Erfahrung wie er", erklärt er. "Er war bei unterschiedlichen Teams, er hat Rennen gewonnen und viel mehr Podestplätze. Ich kann mich nicht geben, als wäre ich besser, denn Erfahrung ist ein riesiger Faktor."

McLaren-Wissen als Trumpf gegen neuen Teamkollegen

Was den Umgang mit dem Team angeht ist Norris seinem 31-jährigen Teamkollegen allerdings einige Jahre voraus. Nach starken Leistungen in der Formel 4 und der Formel Renault 2.0 wurde er 2017 im Alter von 17 Jahren in das McLaren Young Driver Programme aufgenommen und in Woking zum F1-Fahrer ausgebildet.

"Es gibt viele Dinge, bei denen ich die Führung übernehmen kann, wo Daniel nicht dazu in der Lage ist, wegen meiner Zeit bei McLaren. Dabei geht es nicht nur um das was auf der Rennstrecke passiert", so Norris selbstbewusst. "Es geht um die Mentalität innerhalb des Teams und wie ich auf die Moral des Teams Einfluss nehmen kann, bei Mechanikern und Ingenieuren und mit den jeweiligen Charakteren die wir im Team haben."


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