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Formel 1 - Marko: WM 2020 für Verstappen & Red Bull weit offen

Red Bull und Max Verstappen feierten 2020 erst einen Sieg in der Formel 1. Trotzdem WM-Chance? Dr. Helmut Marko im großen Interview.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Mit nur einem Sieg und 47 Punkten Rückstand hat Red Bull nach sieben Rennen in der Formel-1-Saison 2020 bereits eine große Lücke zu Lewis Hamilton und Mercedes aufgerissen. Doch Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko gibt sich nach Spa weiter zuversichtlich.

Motorsport-Magazin.com bat den Grazer zum großen Gespräch - über Max Verstappens WM-Chancen, Alex Albons Performance, Motoren-Modi, bis hin zu Ferrari.

Hat Red Bull die Probleme vom Saisonstart 2020 gelöst?

Zumindest im Qualifying war Red Bull in Spa verhältnismäßig nah an Mercedes dran - obwohl die Strecke eigentlich gegen Sie spricht. Warum?
Dr. Helmut Marko: Im letzten Jahr waren wir in Spa und in Monza entgegen aller Wahrscheinlichkeiten schnell. Die Erfahrung zeigt, dass wir entgegen der Erwartungen schnell sind. Wir haben aber auch einen neuen Frontflügel, der sich sehr positiv auswirkt. Es ist immer noch nicht das optimale Paket, aber wir sind auf einem sehr guten Weg.

Die Fahrer haben sich gefreut, dass das Auto fahrbarer ist. Sind die Probleme mit den Strömungsabrissen behoben?
Dr. Helmut Marko: Man sieht an Albon, dass er jetzt Vertrauen gefasst hat und in allen Sessions relativ knapp an Max dran war. Es ist sicherlich einfacher und idealer für den Reifenverschließ, wenn das Auto kalkulierbarerer ist und keine Bewegungen macht, die ins Rutschen führen.

Wenn wir von Weiterentwicklung sprechen: Ist das Thema DAS abgeschlossen?
Dr. Helmut Marko: DAS ist für uns abgeschlossen. Das ist eine Gewichtsfrage und bis du das in der Entwicklung so hast, dass es tadellos funktioniert, wäre es vielleicht im letzten Rennen oder so soweit. Und das im Hinblick darauf, dass es im nächsten Jahr verboten ist ...

Marko: WM 2020 für Verstappen & Red Bull weiter offen

Wenn man auf einer so langen und so Leistungs-empfindlichen Strecke wie Spa schon auf eine halbe Sekunde an Mercedes dran ist: Kann man dann mit der neuen Technischen Direktive auf 'besseren' Strecken sogar um die Pole kämpfen?
Dr. Helmut Marko: Davon gehen wir aus.

Max Verstappen kämpft in der WM 2020 gegen Lewis Hamilton - Foto: LAT Images

Auch wenn Mercedes sechs von sieben Rennen gewonnen hat: Der Rückstand in der WM hält sich noch einigermaßen in Grenzen. Ist die WM aus Verstappens Sicht noch offen?
Dr. Helmut Marko: Nicht nur aus Max', sondern aus der ganzen Teamsicht ist sie weit offen. Wir trauern immer noch unserem Ausfall in Österreich nach. Wir haben nicht einmal Halbzeit. Ich erinnere nur an 2012. Da waren wir zur Halbzeit über 60 Punkte hinter Alonso und Ferrari. Okay, Alonso und Ferrari sind nicht Hamilton und Mercedes. Aber irgendwann muss es aufhören, dass alles gelingt. Beim Reifenschaden bleibt der Reifen trotz Vollgas auf der Geraden auf der Felge, zerschlägt den Frontflügel nicht ... Ein Karbonteil fliegt in die Richtung des Kühlers und bei Mercedes geschieht nichts. Bei uns wäre es wahrscheinlich im Kühler gesteckt. Aber das ist das Glück des Tüchtigen. Dann schwimmt man auf einer Welle. Normalerweise müsste das auch mal enden.

Red Bull untermauert Alex Albons Aufwärts-Trend

Bei Alexander Albon scheint es langsam etwas aufwärts zu gehen. Kommen ihm die Weiterentwicklungen entgegen?
Dr. Helmut Marko: Wir bauen das schnellstmögliche Auto. Wenn man das schnellstmögliche Auto haben will, kann man kleine Adaptierungen für den Fahrerkomfort machen. Aber wir bauen kein Auto, in dem sich der Fahrer nicht wohlfühlt, wenn es nicht schnell ist. Er muss sich anpassen. Also im zweiten Stint in Silverstone war Albon im ersten und zweiten Rennen der Schnellste im Rennen.

Aber da hatte sich das Rennen bereits gesetzt?
Dr. Helmut Marko: Das stimmt nur bedingt. In einem Rennen ist es für Bottas um den zweiten Platz gegangen und er hat es mit verschiedenen Reifenstrategien versucht.

Wo liegt das generelle Problem bei Albon?
Dr. Helmut Marko: Es hat damit angefangen, dass er das Rennen in Österreich gewonnen hätte, ehe er umgedreht wurde. Das ist eine Sache des Selbstvertrauens. Auf der anderen Seite haben wir die Saison mit einem Chassis begonnen, bei dem die Windkanaldaten Downforce-Werte angegeben haben, die in der Realität nicht erzielt wurde. Dann haben wir mit viel Experimentieren und Einsatz versucht, dem Problem Herr zu werden. In dieser kurzen Zeitspanne, in der die Rennen abgehakt sind, war es nicht möglich, gleiche Teile für beide Autos zu haben. Das heißt: In den meisten Rennen ist Albon nicht mit dem gleichen Material gestartet. Das ist so weit gegangen, dass wir innerhalb der Trainings verschiedene Dinge probiert haben und er mit anderen Fahrwerkseinstellungen konfrontiert war. Natürlich ist es seine zweite Saison. Er ist in einem Topteam und er hat Verstappen als Teamkollegen, wo wir schon in der Vergangenheit gesehen haben, dass sich auch arrivierte Grand-Prix-Sieger schwergetan haben.

Wie sieht die AlphaTauri-Besetzung für 2021 aus?

Albons Vorgänger Pierre Gasly macht bei AlphaTauri derzeit einen hervorragenden Job.
Dr. Helmut Marko: Wir brauchen bei AlphaTauri einen Teamleader und das macht er tadellos. Wir waren überrascht, dass er sich bei uns so schwergetan hat. Wir haben ihn in der Formel 2 gesehen, wo er Sieger war. In Japan war er stark und bei Toro Rosso war er stark. Dann hat er sich schwergetan. Jetzt fühlt er sich wohl, das ganze Umfeld passt. Es ist also das Optimale für ihn und für uns, dass er jetzt im dritten Jahr als Routinier das Team anführt.

Pierre Gasly beeindruckt 2020 - Foto: LAT Images

Daniil Kvyat hingegen hat Probleme. Muss er sich Sorgen machen?
Dr. Helmut Marko: Wir sind nicht einmal bei der Hälfte der Saison und es ist zu früh zum Spekulieren.

Hängt es davon ab, wie sich Yuki Tsunoda entwickelt?
Dr. Helmut Marko: Vielleicht.

Wie steht es um die Superlizenz von Tsunoda?
Dr. Helmut Marko: Wenn er Vierter wird, hat er sie automatisch. Wenn er Fünfter wird, müssen wir zwei Freitagseinsätze machen.

Gibt es Red-Bull-intern Kampf zwischen Formel 1 und MotoGP?

Blicken wir mal auf die Formel 1 als Gesamtes. FIA und Formel 1 boxen derzeit Änderungen durch, das Concorde Agreement wurde unterschrieben. Es tut sich was. Gefällt Ihnen das?
Dr. Helmut Marko: Es ist erstmal gut, dass man ein Concorde Agreement hat, damit man weiß, dass und wie es weitergeht. Im Großen und Ganzen waren die wichtigsten Sachen für uns die Ausstiegsmöglichkeit jeweils nach einem Jahr und dass die Beschlüsse nicht mehr einstimmig gefasst werden müssen. Das heißt, etwas, wie die umgekehrte Startreihenfolge - was wir in Österreich probiert hätten - wäre jetzt möglich. Ich glaube, man muss den ganzen Ablauf vereinfachen. Es ist ja bekannt, dass Red Bull ein Freund der menschlichen Leistung ist, dass die in den Vordergrund kommt und nicht die Ingenieurstätigkeit überwiegt. Das ist glaube ich mit dem Motorenreglement bis 2025 festgeschrieben.

Steht die MotoGP bei Red Bull im Konkurrenzkampf mit der Formel 1?
Dr. Helmut Marko: Das Budget ist in der MotoGP sehr übersichtlich. Aber man sieht es an den Einschaltquoten, die nach oben schnellen. Das hängt natürlich auch mit der Qualität der Übertragungen zusammen. Da ist die Messlatte für die Fernsehübertragungen, die wir im nächsten Jahr abwechselnd mit dem ORF machen, sehr hoch.

Besteht die Möglichkeit, dass Dietrich Mateschitz die Lust an der Formel 1 verliert, weil die MotoGP so gut läuft?
Dr. Helmut Marko: Es ist beides Motorsport, aber von der Reichweite her ist die Formel 1 immer noch uneingeschränkt führend.

Sie betonen dennoch oft, dass es Ihnen im neuen Concorde Agreement wichtig war, dass Sie jährlich aussteigen können. Auf was wollen Sie abwarten? Es ist ja nicht nur der Honda-Deal.
Dr. Helmut Marko: Der Honda-Deal ist etwas Entscheidendes. Aber wenn wir mit der Gesamtentwicklung sehen, dass es in die falsche Richtung geht ... Red Bull ist kreativ.

Kritik an Racing-Point-Strafe

Aber 2021 weiß man doch schon, dass sich so gut wie gar nichts ändern wird ...
Dr. Helmut Marko: So gut wie gar nichts stimmt so nicht. Es war uns ganz wichtig, dass der Qualimode abgeschafft wird. Da haben wir auch den nötigen Druck hinter gesetzt. In der Causa Racing Point wollen wir Klarstellung haben und nachdem zuerst Renault und Ferrari in die Berufung gegangen sind, war es für uns kein Grund, warum wir uns noch anhängen sollten, was juristisch keinen Unterschied gemacht hätte.

Sind Sie überrascht, dass Renault den Einspruch zurückgezogen hat?
Dr. Helmut Marko: Ich war sehr überrascht, dass man als schuldig befunden wird und in einem Rennen eine Strafe bekommt und in den restlichen Rennen bekommt man Ermahnungen.

Der Racing Point RP20 steht weiter im Fokus - Foto: LAT Images

Glauben Sie nicht, dass es mit dem Gesamtbild der Formel 1 zu tun hat? Es geht doch immer um Kompromisse.
Dr. Helmut Marko: Nein, die gibt's nicht. Wenn es ein Reglement gibt, ist man entweder schuldig oder nicht.

Aber es gibt doch Grauzonen.
Dr. Helmut Marko: Da ist keine Grauzone. Und die Art und Weise, wie das gemacht wurde, ist ja festgestellt worden, dass das nicht geht. Wenn jemand Teile und Zeichnungen hat, sind da zwei Täter.

Also auch Mercedes?
Dr. Helmut Marko: Wer sonst?

Zum Thema Quali-Modus: Warum haben Sie da Druck gemacht? Glauben Sie, es war nicht legal?
Dr. Helmut Marko: Legal war es schon. Aber es waren ja einige Kompromisse im Raum und der Quali-Modus war bei Mercedes so extrem, dass das schon wettbewerbsverzerrend ist.

Aber wenn er legal war ...
Dr. Helmut Marko: Man hatte die Begründung, dass die Kontrolle nicht mehr möglich war. Das ist ein Eingriff, den wir mannigfach erlebt haben, als wir dominiert habe. Die Flügelflexibilität ist von einem Rennen zum anderen verändert worden und für das nächste Rennen noch einmal. Vom angeblasenen Diffusor brauche ich gar nicht reden. Es ist auch Aufgabe der Instanz, für ausgeglichene, spannende Rennen zu sorgen. Deswegen auch das MotoGP-Beispiel, wo es bestens funktioniert.

Marko: Trotz Motor-Streit keine Freude an Ferraris Leiden

Ganz anderes Thema: Freuen Sie sich, dass Ferrari solche Probleme hat?
Dr. Helmut Marko: Es freut mich nicht. Ferrari ist ein Mythos. Wenn man sieht, dass die sich mühsam ins Q2 bewegen, ist das schmerzhaft. Ich hoffe, dass die aus diesem Tal so schnell wie möglich wieder rauskommen. Auch der Sonderbonus für Ferrari ist gerechtfertigt. Wenn man Leute fragt, die kein Detailwissen haben - und ich kann schmerzhaft von Sponsoren berichten, wo die oberste Instanz kein Detailwissen hat - wenn man Ferrari oder Red Bull nennt, ist klar, dass Ferrari die magische Anziehungskraft hat. Dieser Mythos geht nicht so schnell weg, wenn es jetzt eine nicht so erfolgreiche Zeit hat.

Es wundert etwas, dass sie Mitleid mit Ferrari haben. Nach der Klarstellung im vergangenen Winter ...
Dr. Helmut Marko: [unterbricht] Klarstellung?

Dem Statement der FIA.
Dr. Helmut Marko: Ja, das ist besser ausgedrückt. Dass wir mit dem Statement mehr als unglücklich waren und sind, ist bekannt. Ich glaube, das ist die ganze Sportwelt. Sie haben die Motorentwicklung einseitig betrieben. Das erklärt aber nicht, warum sie mit dem Chassis so schwach sind. Es sind ja beides Faktoren, die dazu beitragen, dass sie nicht wettbewerbsfähig sind und dass sie im Mittelfeld kämpfen müssen.

Tut Ihnen Sebastian in der Situation Leid?
Dr. Helmut Marko: Die Situation ist ganz klar schwierig. Aber Sebastian ist vierfacher Weltmeister. Es gibt nicht viele davon. Er muss sagen, in welche Richtung es geht.


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