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Formel 1

Ende des Party-Mode: Renault-Formel-1-Motorenchef im Interview

Die FIA verbietet ab Monza unterschiedliche Motorenmodi. Was genau bewirkt die Technische Direktive? Renault-Motorenchef Remi Taffin im Interview.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Das Ende des Party-Mode naht: Ab Monza greift eine Regelklarstellung der FIA zum Betrieb der modernen Formel-1-Motoren. Mit einer Technischen Direktive will der Automobilweltverband erreichen, die komplexen Antriebseinheiten besser überwachen zu können. Für den Regelhüter war es vor allem im Qualifying extrem schwierig, den rechtmäßigen Betrieb zu gewährleisten.

Damit die Überwachung leichter wird, darf vom Italien GP an nur noch ein einziger Motormodus für Qualifying und Rennen eingesetzt werden. Das betrifft aber nicht das gesamte Energiemanagement der Power Unit, sondern nur den Verbrennungsmotor. Parameter wie Benzinfluss, Zündwinkel, Ladedruck, Gemisch und Co. dürfen ab Qualifying-Beginn bis zum Rennende nicht mehr verändert werden.

Motorsport-Magazin.com sprach mit Renaults Motorenchef Remi Taffin über die Auswirkungen der Technischen Direktive und das Ende des Party-Mode.

FIA gibt Hersteller Optimierungs-Chance bis Monza

Zunächst einmal hört es sich nicht nach einer großen Ingenieurs-Aufgabe an, in Zukunft nur noch mit einem Motormodus zu fahren. Die FIA hatte die Regelklarstellung ursprünglich für Spa geplant, nach einer Sitzung der Power Unit Working Group wurde sie auf Monza verschoben. Warum?
Remi Taffin: Am Ende des Tages ist es eine Entscheidung der FIA. Wir müssen uns darauf einstellen, aber sie wollten uns wohl ein bisschen mehr Zeit geben, damit wir uns das ansehen können. Das einfachste wäre natürlich, man nimmt den derzeitigen Rennmodus und nutzt ihn von der ersten Runde des Qualifyings an. Aber man kann sich vorstellen, dass es nicht so einfach ist. Man muss das Ganze neu beurteilen und neu optimieren - eigentlich den Job nochmal machen. Die FIA hat versucht, Dinge einfacher zu machen und versucht, jeden zufriedenzustellen und es deshalb auf Monza verschoben.

Wäre es aus Sicht des Motorenherstellers schon in Spa möglich gewesen?
Remi Taffin: Man schaut sich das Ganze erst einmal an und fährt dann mit den neuen Settings auf dem Motorenprüfstand. Wir müssen das neue Setting zunächst einmal ausprobieren und validieren. Das braucht etwas Zeit. Es wäre nicht fair, uns allen diese Zeit nicht zu geben.

Wenn Sie sagen, das Einfachste wäre es, den aktuellen Rennmodus zu nehmen: Es gibt aber jetzt auch nicht nur einen Qualifying- und einen Rennmodus. Es gibt doch viele Modi alleine für das Rennen ...
Remi Taffin: Ja, das stimmt. Aber die FIA ist sehr klar darin, was sie nun von uns wollen. Es ist ein einziger Modus. Wie auch immer die Zahl zuvor aussah: Es wird jetzt nur noch einer sein.

Formel 1 dank neuer Motor-Regeln fairer?

Wie viele gab es denn zuvor nur für das Rennen?
Remi Taffin: Es ist eine Kombination, denn es ist eine Matrix. Du kannst mehr als nur einen Parameter wechseln. Wenn du sagst, du hast bei einem Parameter vier oder fünf Möglichkeiten, dann kommst du am Ende vielleicht auf 20 Modi. Das ist der Punkt, den die FIA aufgebracht hat: Sie haben Probleme damit, Dinge zu überwachen, weil es so viele Variablen gibt, dass sie uns gefragt haben, ihnen zu helfen. Das ist fair und das versuchen wir. Wir als Renault versuchen, der FIA dabei zu helfen, das zu überwachen. Wir wollen Fairness für alle.

Ist mit der Technischen Direktive nun alles klar?
Remi Taffin: Es wird eine Zeit brauchen, bis diese neue Technische Direktive weiter verfeinert wird. Aber das ist okay. Es ist ein Prozess: Es ist nicht so, dass mit Monza alles schwarz und weiß ist. Ich glaube, es wird sich weiterentwickeln. Du kannst diese komplexen Maschinen nicht an einem Tag zu einfachen Motoren machen. Wenn wir sagen, dass es ein einziger Modus für den Verbrennungsmotor ist, dann dreht man nicht einfach den Schlüssel um und das ist es. Es wird weiterhin eine Menge im Hintergrund vor sich gehen.

Ist es nicht schwierig, eine Grenze zu ziehen? Was ist Verbrennungsmotor, was nicht? Turbolader und MGU-H beeinflussen sich gegenseitig ...
Remi Taffin: Was klar ist, ist der Turbolader. Er gehört zum Verbrennungsmotor. Die MGU-H ist am Limit. Sie haben recht, die MGU-H hat Konsequenzen auf den Turbolader. Dieses Problem kann man aber nicht lösen. Es gibt Parameter, die einen Einfluss auf den Verbrennungsmotor haben. Es wird immer einen Zusammenhang zwischen Verbrennungsmotor und den Energierückgewinnungssystemen geben. Die MGU-H ist auch dazu da, den Ladedruck zu regulieren und gleichzeitig Energie zu rekuperieren. Wir müssen darauf zurückkommen, was die FIA versucht: Die Variablen minimieren, die sie sich ansehen müssen. Sicherlich werden sie nicht alles an einem Tag einfrieren, aber sie limitieren das, was sie sich ansehen müssen.

Wie viele Modi hat die Formel 1 nun wirklich?

Neben diesen 'Problemen' gibt es auch weiterhin nicht nur einen einzigen Modus. Es soll auch einen Notfallmodus geben…
Remi Taffin: Von Runde eins der Qualifikation bis zur letzten Runde des Rennens hast du einen Modus für dieses Rennen. Diesen einen Modus kannst du von Rennen zu Rennen ändern. Aber wir haben auch Ausnahmen. Wir können manuell einen niedrigeren Modus wählen, wenn wir meinen, dass wir ein Zuverlässigkeitsproblem lösen müssen. Das kann in einem Rennen schon mal passieren. Dann musst du für den Rest des Rennens in diesem Modus bleiben, es gibt keinen Weg zurück.

Aber wie wird verhindert, dass ich im Qualifying und die ersten Rennrunden in einem aggressiven Modus fahre und danach in den Notfallmodus wechsle, der eigentlich ein normaler Rennmodus ist?
Remi Taffin: Zunächst einmal muss man es rechtfertigen. Sobald du ihn benutzt, musst du erklären, warum du das machst. Du musst Parameter haben, die falsch sind oder in eine Richtung abdriften. Ich glaube, wenn du versuchst, das zweimal in Folge zu machen, dann wird es schwierig das zu verteidigen. Es gibt viele Dinge, wo wir uns auf die FIA verlassen müssen. Wir müssen beweisen, dass wir innerhalb der Regeln sind, aber es ist der Job der FIA, das auch zu überwachen. Es ist, wie wenn wir unsere Motorenspezifikation aus Zuverlässigkeitsgründen ändern wollen (Performance-Updates sind 2020 größtenteils verboten). Wir werden dazu befragt, aber am Ende entscheidet die FIA.

Gibt es den Überholknopf noch?

Neben dem Notfallmodus soll es auch weiterhin einen Überholknopf geben. Welche Parameter darf der beeinflussen? Geht es dabei nur um den elektrischen Energiefluss oder auch um den Verbrennungsmotor?
Remi Taffin: Es geht hauptsächlich um die elektrische Energie. Als Nebeneffekt hat uns die FIA aber die Nutzung des Wastegate-Ventils freigestellt. Wenn man den Überholmodus aktiviert, wird man jegliches K-Clipping (Aussetzen der MGU-K) los das man haben könnte und gleichzeitig könnte es dir auch eine andere Öffnungsposition der Wastegate-Ventile erlauben, um mehr Energie zu nutzen.

Wie lange und wie oft darf man den Knopf nutzen?
Remi Taffin: Dafür gibt es kein Limit.

Auch der Überhol-Bonus der Motoren lag im Fokus - Foto: LAT Images

Sie müssen bei dem zukünftigen Modus einen Kompromiss eingehen. Wovon wird der bestimmt: Von der Zuverlässigkeit oder vom Benzinverbrauch?
Remi Taffin: Es gibt kein Problem mit dem Benzinverbrauch. Es wird ganz gerne vergessen, dass wir beim Benzinfluss limitiert sind. Wenn wir derzeit Benzin sparen müssen, dann liegt es daran, dass wir mit weniger Benzin ins Rennen gehen, als erlaubt wäre. Das ist Strategie. Man könnte argumentieren, dass hinter unseren verschiedenen Modi natürlich auch Effizienz steckt, aber am Ende ist der wirkliche Fokus Zuverlässigkeit. Der Modus, den wir im Qualifying nutzen, ist im Rennen nicht nachhaltig. Wir müssen unser Potential umverteilen.

Wird Mercedes durch die neuen Regeln eingebremst?

Viele denken, Mercedes wird durch die Regelklarstellung verlieren, weil sie einen starken Qualifying-Mode haben. Glauben Sie, dass wir einen klaren Gewinner und Verlierer haben werden?
Remi Taffin: Wie immer wird es Gewinner und Verlierer geben. Was wir nicht wissen: In welchem Ausmaß jemand verlieren oder gewinnen wird. Das einzige, was etwas ärgerlich ist, ist dass wir unsere Motoren so entwickelt haben, dass sie einen Renn- und einen Quali-Modus haben. Wir haben den Job gemacht und mitten in der Saison müssen wir die Art und Weise ändern, wie sie funktionieren. Derjenige, der seinen Fokus auf das Rennen gelegt hat, wird gewinnen. Derjenige, der den Fokus auf die Qualifikation gelegt hat, wird verlieren.

Mercedes ist noch nicht garantiert Verlierer - Foto: LAT Images

Kann man seinen Qualifying-Vorteil nicht ins Rennen übertragen?
Remi Taffin: Du wirst einen Teil davon mitnehmen. Aber du kannst nicht vom einen Tag auf den anderen 60 Runden Quali-Modus fahren, wenn du zuvor nur drei oder vier Runden im Qualifying fahren konntest. Wir wissen, wie es funktioniert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass - wenn Mercedes einen Qualifying Modus hatte, den sie jetzt nicht mehr nutzen können -, dann werden sie sehr hart arbeiten, um ihn im Qualifying und im Rennen nutzen können.

Verlieren auch Sie im Qualifying? Manche sagen, sie hätten keinen Qualifying-Modus und würden daher gar nichts verlieren…
Remi Taffin: Ja. Sie sagen nur, dass sie nicht verlieren, weil sie ihren Gewinn nicht als substanziell ansehen. Wenn manche eine halbe Zehntel herausholen und andere drei Zehntel, dann macht das einen großen Unterschied.


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