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Formel 1 - Ein Jahr Red Bull: Albon schlechter als Gasly?

Alexander Albon fuhr in Spa sein erstes Rennen für Red Bull. Wie sieht die Bilanz nach einem Jahr aus? Ist er besser oder schlechter als Pierre Gasly?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Wenn die alte Weisheit stimmen würde und ein Rennfahrer nur so gut ist, wie sein letztes Rennen, würde es zappenduster aussehen für Alexander Albon. "Das war sein schlechtestes Rennen, seit er für Red Bull fährt", analysierte Dr. Helmut Marko nach dem Spanien GP vergangene Woche gnadenlos.

Der Doktor relativierte aber schnell: "Seine Hinterreifen sind überhitzt, weil wir das Setup falsch eingestellt haben. Das haben wir erst im Qualifying bemerkt - als es schon zu spät war." Aber auch ohne Barcelona sieht die Bilanz für Alexander Albon durchwachsen aus.

Red Bulls undankbares zweites Cockpit

Der Brite mit thailändischen Wurzeln kam vor genau einem Jahr zu Red Bull. Albon beerbte beim Belgien GP Pierre Gasly, der in der Sommerpause sein Cockpit räumen musste. Albon stieg von Toro Rosso zu Red Bull auf, für Gasly ging die Karriereleiter genau in entgegengesetzte Richtung.

Während Gasly schon nach zwölf Rennen seinen Red-Bull-Hut nehmen musste, sitzt Albon nach einem Jahr noch immer im zweiten Red Bull. Zurecht? Schlägt sich der Thai besser als der Franzose? Motorsport-Magazin.com hat sich die Zahlen der beiden genauer angeschaut.

Dem Ganzen sie vorausgeschickt: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Um die Zahlen vergleichen zu können, muss man sie etwas frisieren. So wäre es zum Beispiel unfair, den Qualifying-Rückstand teilweise aus den Q2-Zeiten von Albon oder Gasly und den Q1-Zeiten von Verstappen auszurechnen.

Alex Albon muss sich nach schlechten Startplätzen durchs Mittelfeld kämpfen - Foto: LAT Images

Allerdings kann man sich im nächsten Schritt auch fragen: Sind im Falle eines vorzeitigen Ausscheidens beide Q2-Zeiten wirklich fair? Hatte Verstappen möglicherweise härtere Reifen aufgezogen? Derartige Probleme kommen beim Vergleich der Zahlen immer wieder auf.

Ist ein Fahrer ausgefallen, taucht dieses Rennen in seiner Statistik nicht auf. Bekam ein Fahrer neue Motorkomponenten und deshalb eine Startplatzstrafe, wurde sein Qualifikationsergebnis gestrichen und so weiter. Wir haben die Statistiken nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt.

Auch andere Faktoren verwässern den Vergleich natürlich: Die Konkurrenz-Situation ist 2020 ganz anders als 2019. Ferrari ist kein Topteam mehr. Deshalb haben wir uns teilweise auch einzelne Statistiken von Albon aus der vergangenen Saison angeschaut.

Albon vs. Gasly im Qualifying

Beginnen wir in der Qualifikation: Während Max Verstappen in beiden Duellen durchschnittlich in etwa auf Startposition 3,5 fuhr, mussten beide Teamkollegen ordentlich Federn lassen. Pierre Gasly qualifizierte sich im Schnitt nur auf Rang 8,6. Albon tat sich im ersten Jahr sogar noch schwerer, erzielte lediglich einen Schnitt von 8,8.

2020 zeigt er sich leicht verbessert, stellt den Red Bull im Schnitt auf Rang 7,8. Hier gilt wieder Vorsicht: Die Konkurrenzsituation hat sich erheblich verändert. Blickt man nämlich auf seinen durchschnittlichen Rückstand auf Teamkollege Verstappen, zeigt sich die Verbesserung erst in der zweiten Stelle hinter dem Komma.

In der Qualifying-Statistik schneiden Albon und Gasly sehr ähnlich ab. Im Schnitt waren sie im Zeittraining ziemlich genau eine halbe Sekunde langsamer als Verstappen. Der Rückstand ist die ehrlichere Einheit, die Platzierung wird zu sehr von der Konkurrenz bestimmt. Im Qualifying steht es daher unentschieden zwischen dem Franzosen und dem britischen Thailänder.

Albon vs. Gasly im Rennen

Im Rennen sieht es hingegen etwas anders aus. Vor allem 2019 konnte Albon hier richtig Punkte sammeln. Er holte fast 80 Prozent der Punkte des Teamkollegen. 2020 sieht es ganz anders aus: Nach sechs Rennen hat Albon nicht einmal halb so viele Punkte wie Verstappen auf dem Konto.

Obwohl 2020 für Albon nicht besonders gut läuft: Er ist noch immer deutlich besser als Vorgänger Gasly. Der Franzose konnte nämlich nur ein Drittel der Zähler des Teamkollegen sammeln. Er kam im Schnitt über vier Plätze hinter dem Niederländer ins Ziel, bei Albon sind es 'nur' drei.

Auch subjektiv fällt Albon als besserer Racer auf, tut sich beim Überholen etwas leichter als Gasly. Gasly war häufig im Mittelfeld gefangen und konnte sich von dort nicht befreien. Das führte oftmals zur Überrundung selbst durch den eigenen Teamkollegen.

Fünfmal in zwölf Rennen wurde Gasly vom Rennsieger überrundet - in einem Red Bull keine Statistik, auf die er stolz sein könnte. Albon erwischt es hingegen nur einmal: Am vergangenen Wochenende in Spanien.

Fazit: Im Qualifying nehmen sich Albon und Gasly nicht viel: Beiden fehlt eine halbe Sekunde auf den übermächtigen Verstappen. Albon ist zwar kein Renngott - sein Rückstand auf Verstappen im Schnitt viel zu groß -, ganz so schlimm wie bei Gasly fällt der Vergleich aber nicht aus.

Warum tun sich die Piloten an der Seite von Max Verstappen überhaupt so schwer? Dieser Frage sind wir in der neuen Print-Ausgabe von Motorsport-Magazin.com nachgegangen. Dazu haben wir exklusiv mit Alexander Albon und Dr. Helmut Marko gesprochen. Ausgabe Nummer 74 erscheint am 03. September 2020.


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