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Formel 1

Formel 1 Spa 2020: 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen heute

Lewis Hamilton sieht vor dem Formel-1-Rennen heute in Spa wie der sichere Sieger aus. Mit Start, Windschatten und Wetter gibt es jedoch zahlreiche Risiken.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Lewis Hamilton sicherte sich im Qualifying zum Belgien GP 2020 überlegen die Pole Position vor Mercedes-Teamkollege Valtteri Bottas. Um eine halbe Sekunde distanzierte der Weltmeister den Finnen und sicherte sich so die auf dem Papier beste Ausgangslage für das siebte Formel-1-Rennen im Kalender 2020 (Start in Spa heute, 15:10 Uhr, live im TV auf RTL & Sky sowie im F1-TV-Livestream).

Auf dem dritten Platz der Startaufstellung des Belgien GP steht Max Verstappen. Der Red-Bull-Pilot rauschte nur knapp vorbei an der Zeit Bottas’. Neben dem gebürtigen Belgier in Reihe zwei steht sein ehemaliger Teamkollege Daniel Ricciardo. Startreihe drei sieht farblich ident aus: Alexander Albon startet im zweiten Red Bull neben Esteban Ocon im zweiten Renault.

Die Top-10 komplettieren der McLaren von Carlos Sainz vor den Racing Point von Sergio Perez und Lance Stroll und dem zweiten Boliden aus Woking mit Lando Norris. Ferrari lieferte im Qualifying eine nicht minder desaströse Vorstellung wie im Training. Charles Leclerc und Sebastian Vettel nehmen das Rennen in Spa, hinter beiden AlphaTauri, nur aus der sechsten Reihe der Startaufstellung in Angriff.

2. - S wie Start

So lang die Strecke, so kurz der Weg bis zum ersten Bremspunkt: Nur 150,4 Meter misst in Spa die Distanz von der Pole bis zur Bremszone für das Nadelöhr La Source. Hier wird das Feld extrem zusammengestaucht, dieser Ziehharmonikaeffekt liefert Jahr für Jahr enormes Potenzial für Startunfälle.

Mindestens genauso groß ist allerdings das Potential, kräftig Boden gutzumachen - oder zu verlieren. Das wird vor allem für Bottas interessant. Der Finne muss zum einen dringend vorbei an Hamilton, zum anderen leistete er sich zuletzt in Spanien einen Patzer am Start. Deshalb bereitet sich Bottas nun umso akribischer auf diesen brisanten Moment eines jeden Rennens vor.

"Wir schauen uns die Starts der vergangenen Jahre an, um daraus zu lernen und auf jede Situation vorbereitet zu sein“, sagt Bottas. Auf seinen Instinkt müsse er sich dennoch auch verlassen. Bottas. "Du kannst natürlich etwas planen, aber jeder Start ist anders.“

Direkt aus der Startbox verfügen die Top-3 über gleiche Waffen. Hamilton, Bottas und Verstappen erreichten das Q3 allesamt als einzige Fahrer mit den Medium-Reifen. Gleich dahinter lauert aus Sicht von Toto Wolff allerdings eine „richtige Gefahr“ auf Soft: Ricciardo.

Force India mischte 2019 auf der Kemmel die Spitze auf - Foto: Sutton

Den Australier fürchtet Wolff nicht nur wegen des Traktionsvorteils des weicheren Reifens. „Der Renault ist richtig auf Low-Downforce abgestimmt. Das könnte werden wie vor ein paar Jahren, als die Force India mit in Kurve fünf reingefahren sind", erinnert der Mercedes-Motorsportchef an die Spa-charakteristischen Windschattenschlachten auf der Kemmel-Geraden.

Damit spricht Wolff gleich ein weiteres besonderes Phänomen in Spa an. Wirklich entscheidend sind in Spa weniger die 150 Meter bis Kurve eins, sondern die folgenden 1000 Meter über Eau Rouge und Kemmel bis Les Combes. Auf diese gefühlt endlose Vollgaspassage setzt deshalb Bottas den Großteil seiner Hoffnungen - und sieht seine Niederlage im Qualifying fast als Vorteil: „Es stört mich nicht. Ich weiß, dass Platz zwei hier eine ziemlich gute Startposition ist. Der Run zu Kurve fünf wird interessant.“

3. - S wie Strategie

Die Einstopp-Prognosen sind zurück! Nach den jüngsten Reifenspektakeln von Silverstone und Barcelona empfiehlt Pirelli - trotz weicherer Mischungen gegenüber Spa 2019 - für das Rennen in Belgien (vorausgesetzt, es bleibt trocken; vgl. 5. - S wie Schauerwetter) diesmal fast ausschließlich Strategien mit nur einem Reifenwechsel.

Wer auf Soft startet soll 18 Runden fahren, dann für 26 Runden auf Medium wechseln, um die nur 44 Rennrunden auf dem 7,004 Kilometer langen Ardennen-Kurs schnellstmöglich zu beenden. Bei einem Start auf Medium rät Pirelli ganz einfach zum genauen Gegenteil (26 M, 18 S). Für Soft-Starter fast genauso schnell: Ein zwei Runden früherer Wechsel, also in Runde 16, dann ein langer Schlussstint mit den harten Reifen.

Formel 1, Podium im Visier: Muss Mercedes Ricciardo fürchten?: (09:48 Min.)

Erst an dritter Stelle nennt Pirelli eine Variante mit zwei Stopps: 14 Runden Soft, gefolgt von 16 Medium und erneuten 14 Umläufen auf Soft. Noch etwas langsamer sei eine Einstopp-Strategie - sofern dabei der Soft gänzlich verschmäht werde (20 Runden Medium + 24 Runden Hard).

4. - S wie Safety Car

Nicht zu missachten ist bei all diesen taktischen Prognosen die in Spa hohe Wahrscheinlichkeit eines Safety Cars. In vier der vergangenen fünf Rennen auf der Ardennen-Achterbahn kam Bernd Mayländer zum Einsatz. Spa ist eben eine Fahrerstrecke. Das inkludiert nicht nur „außerirdische“ (O-Ton Toto Wolff) Vorstellungen wie Hamiltons Pole-Runde, sondern genauso Unzulänglichkeiten auf Fahrer-Seite. Wer in einer der unzähligen Highspeed-Passagen patzt, steckt schnell im Reifenstapel. Ein Safety Car scheint programmiert.

Früher oder später müssen die Reifenstapel in Spa immer 'arbeiten' - Foto: LAT Images

5. - S wie Spa-Schauer

Das gilt umso mehr, sollte es regnen - ein Phänomen, mit dem in den Ardennen mindestens genauso jederzeit zu rechnen ist wie in der für ihre Wetterkapriolen berühmten Eifel rund um den Nürburgring. "Ich hoffe, dass es das Wetter für uns alle schwieriger macht. Das macht mehr Spaß - vor allem auf dieser Strecke“, sagt Verstappen.

Bislang verschonte der Regen die Formel 1 am Wochenende trotz zunächst deutlicher Prognosen weitgehend, für das Rennen hält sich eine Regenwahrscheinlichkeit von rund 50 Prozent allerdings hartnäckig.

Das gefällt nicht jedem so gut wie Verstappen - vor allem jenen Teams, welche auf ganz besonders wenig Abtrieb setzen. "Normalerweise hoffe ich immer auf Regen. Das ist unsere Chance, dass es noch etwas weiter nach vorne geht. Aber das hier wäre für uns wirklich die schlechteste Strecke für Regen, weil wir so wenig Flügel fahren“, sagt Sainz.

Auch Ferrari zählt zu diesen Teams. „Normalerweise wird die Balance im Regen nur schlechter, sodass die Probleme, die du im Trockenen hast, im Regen nur noch schlimmer werden“, erklärt Leclerc.

6. - S wie Scuderia-Fiasko?

Regen oder kein Regen - auf der Scuderia ruhen am Sonntag viele Augen. Auch wenn - oder gerade weil - Ferrari, mit der Spitze nach Vorjahres-Pole und -Sieg, diesmal so gar nichts zu schaffen hat, in der bis dato schon desaströsen Formel-1-Saison 2020 tatsächlich noch einmal einen neuen Tiefpunkt erreicht hat. Setzt sich das Debakel von Training und Qualifying (nie auch nur im Ansatz Top-10-Potenzial) im Rennen nahtlos fort?

Die Fahrer sehen nur wenig Anlass, auf eine Besserung zu hoffen. „Es wird ein sehr schwieriges Rennen“, fürchtet Leclerc. „Überholen wird hier nicht gerade unsere Stärke sein. Aber mit guter Strategie und gutem Reifenmanagement ... Ich bleibe mal Optimist und schaue, wo wir ankommen.“

Wirklich daran zu glauben scheint der Monegasse allerdings nicht. „Wir werden im Rennen von Fahrerseite versuchen, das Bestmögliche herauszuholen. Aber wunder können wir nicht erwarten. Wir müssen aber auf Glück hoffen, um in die Punkte zu kommen“, weiß Leclerc. Vettel stimmt zu: „Wir versuchen alles zu geben. Im Rennen kann alles passieren, es kann regnen. Ich werde jetzt noch nicht aufstecken.“

7. - S wie Sieger

Zurück zur Spitze und zur alles entscheidenden Frage: Wer verfügt über das beste Gesamtpaket und startet als Favorit in den Belgien GP? In den Longruns am Freitag lagen Mercedes und Red Bull dicht beisammen. Vor dem Rennen äußern sich die Bullen nun etwas offensiver als amtierenden Champions. „Wir haben unser Auto ganz klar aufs Rennen abgestimmt. Wir wollen nicht nur Dritter werden“, sagt Motorsportberater Dr. Helmut Marko.

Toto Wolff hält dagegen. „Das Qualifying hat gezeigt, dass wir das schnellste Auto haben“, sagt der Wiener. "Bei der Rundenzeitdifferenz zu Lewis glaube ich nicht, dass wir im Rennen plötzlich mit ihm kämpfen können", gesteht deshalb sogar Verstappen mit leichter Zurückhaltung. Doch das war einmal mehr nur das Zeittraining, ein letztes Mal profitierte Mercedes auch von seinem berüchtigten ‚Party-Mode’ für die Power Unit.

Dieser Vorteil fällt im Rennen weg - noch dazu klaffte diesmal schon im Qualifying kein eine Sekunde großes Loch. „Die Tendenz ist schon einmal sehr positiv hier“, sagt Marko. Damit nicht genug. Mercedes sorgt sich diesmal noch um etwas anderes. „Wir sind ziemlich verwundbar, weil wir so viel Abtrieb draufgepackt haben“, mahnt Wolff.

Im Qualifying sei das noch kein Problem gewesen, ergänzt Hamilton. Nicht nur, weil der Party-Mode den W11 über die Geraden rettete. Hamilton: „Im Rennen ist es eine andere Sache, wenn du [als Führender] kein DRS hast und es Leute gibt, die auf der Geraden schneller sind“ mahnt Hamilton. „Hoffentlich steht uns das nicht im Weg.“

Genau das hofft deshalb, der ganz ungewohnt plötzlich auch mal Ansprüche anmeldet - Ricciardo. "Natürlich waren er [Verstappen] und die beiden Mercedes für den größten Teil sonntags in einer eigenen Liga unterwegs", sagt Ricciardo. "Es würde ein bisschen ein Extra brauchen, um mit ihnen mitzuhalten. Aber wir haben einen starken ersten und dritten Sektor. Wenn wir vorbeikommen [vgl. Wolff-Warnung bei 2. - S wie Start], dann ist das vielleicht eine Strecke, auf der wir uns verteidigen können."

Bleibt die Regenfrage. Mit ihrem drastischen Low-Downforce-Setup müssen die Franzosen dann zittern wie McLaren und Ferrari. Doch wie sieht es zwischen Mercedes und Red Bull aus? Mercedes fährt etwas mehr Flügel, so viel ist klar. Die Bullen stellen allerdings auch nicht so flach wie die meisten.

Gut möglich also, dass in diesem Fall tatsächlich noch der Fahrer entscheidet. Wer ist an diesem Sonntag der größere Regenkönne? Verstappen oder Hamilton? Beide sind bekanntlich Meister dieses Fachs. Durch das wechselhafte Ardennen-Wetter erwartet Marko den etwas größeren Trumpf allerdings in seinem Blatt: „Während des Rennens soll es ja auch mal regnen. Das kann der Hamilton zwar auch, aber der Max kann sich da sehr schnell anpassen."


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