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Formel 1 Barcelona-Analyse: Warum Vettel am Funk austickte

Sebastian Vettel und die Ferrari-Strategie: Eine Liebesbeziehung wird das nicht mehr. Warum Vettel beim Spanien GP am Funk schon wieder schimpfte.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Erfolgserlebnis, Aufwärtstrend, Driver oft he Day: Die Reaktionen auf den siebten Platz von Sebastian Vettel zeigen, dass Ferrari in der Formel-1-Saison 2020 kleinere Brötchen backen muss. Vettel selbst zeigte sich aber weniger begeistert nach dem Spanien GP: "Wir haben noch viel Arbeit vor uns, aber das ist im Moment unsere wahre Pace."

Das in Barcelona immerhin noch Rang sieben heraussprang, lag an der Strategie. Als einer von nur vier Fahrern kam Vettel mit einem Stopp durch. Das brachte ihn von Platz elf nach vorne. Auf der Strecke überholte Vettel kein einziges Auto. "Wir hatten nichts zu verlieren, deshalb sind wir das Risiko eingegangen und es hat sich ausgezahlt", so Vettel.

Doch während des Rennens ging es am Ferrari-Funk erneut heiß her. Schon vor einer Woche in Silverstone hatte Vettel seinen Strategen unmissverständlich mitgeteilt, dass sie es verbockt hätten. In Barcelona fluchte Vettel regelecht: "Verdammt nochmal, ich habe euch doch genau das zuvor gefragt."

Was hatte es mit Vettels Wutausbruch am Funk auf sich? War der Deutsche - wie schon in Silverstone - zu Recht sauer auf seine Crew? Die Motorsport-Magazin.com-Rennanalyse bringt Licht ins Dunkle.

Sebastian Vettel hängt auf Platz 11 fest

Als Elfter durfte der viermalige Formel-1-Weltmeister seinen Startreifen frei wählen. Ferrari entschied für den Medium-Reifen und wollte den vermeintlichen Vorteil der freien Reifenwahl nutzen. Der Plan ging aber nur bedingt auf.

"Ich hatte im ersten Stint Probleme, der Medium-Reifen hat nicht gut funktioniert", berichtete Vettel nach dem Rennen. Statt die bessere Standfestigkeit der C2-Mischung nutzen zu können, musste sich der 33-Jährige gegen Daniil Kvyat im AlphaTauri verteidigen. Der Russe war offensichtlich schneller und machte Vettel richtig Druck.

Selbst als die härtere Reifenmischung ihren Vorteil ausspielen sollte, konnte Vettel keinen Stich machen. Die Rundenzeiten gingen relativ früh in den Keller, sodass er in Runde 29 zum Stopp kommen musste.

Leclerc auf der besseren Einstopp-Strategie

Durch den frühen Stopp war eine Einstopp-Strategie eigentlich dahin. Vettel musste entweder auf Soft oder auf Hard wechseln. Die härteste Mischung erwies sich am Freitag aber als unbrauchbar. Niemand setzte im Rennen auf den C1-Reifen.

Auch nicht Ferrari: Vettel ging mit den Soft-Reifen auf seinen zweiten Stint. Leclerc machte es genau umgekehrt: Der Monegasse startete auf Soft und wechselte in Runde 29 auf Medium. "Die Einstopp-Strategie hat bis zu meinem Ausfall gut funkioniert",erklärte er.

Bei Leclerc schien die Einstopp-Strategie im Gegensatz zu Vettel aufzugehen, weil er die verbleibenden 37 Runden auf Medium abspulen konnte. Bei Vettel hingegen hatte Ferrari Bedenken, ob er auf dem Soft mit einem Stopp durchkommen würde.

Doch Vettel fühlte sich plötzlich ganz wohl auf den Soft-Reifen. Seine Rundenzeiten wurden nur langsamer, weil er erst auf Gasly und dann auf Kvyat auflief. Als Kvyat in Runde 44 an die Box kam, hatte Vettel freie Fahrt. Und da wusste der Deutsche, dass die nächsten Runden entscheidend sein würden für sein Rennen.

"Ihr müsste mich jetzt wissen lassen, was ich mit der Pace machen soll", forderte Vettel vom Kommandostand. In anderen Worten: Sollte er die Reifen schonen, um das Rennen darauf zu beenden oder sollte er die freie Fahrt für schnelle Runden nutzen.

"23,8 oder schneller", funkte ihm der Kommandostand zurück. "Wie lange?", wollte Vettel wissen. "Drei Runden lang", lautete die Antwort. Dafür durfte Vettel auch den Motor in einen aggressiveren Modus schalten. "Alles, was du hast", forderte ihn Renningenieur Ricardo Adami auf. "Hebe dir nichts mehr auf."

Vettel ließ Taten folgen: Erst 1:23,6 Minuten, dann 1:23,2 Minuten und schließlich sogar 1:22,7 Minuten. Anschließend will Renningenieur Adami von Vettel wissen: "Was hältst du davon, mit diesen Reifen durchzufahren?"

Da platzte Vettel der Kragen: "Verdammt nochmal, ich habe euch doch genau das zuvor gefragt. Jetzt habe ich drei Runden lange gepusht!" Der Heppenheimer beruhigt sich aber schnell und fordert Details: Wie viele Runden noch? Welche Rundenzeiten fahren die anderen? Welche Rundenzeiten muss ich fahren?

Vettel entscheidet: Schaffe Einstopp-Rennen

Mit den entsprechenden Informationen ausgestattet, entscheidet Vettel: "Das schaffe ich. Wir können es versuchen, wir haben nichts zu verlieren." Vettel reagiert sofort, fährt genau die geforderten Rundenzeiten.

Nur Stroll und Sainz muss Vettel schließlich ziehen lassen, selbst Albon kann er hinter sich halten. Stroll im Racing Point lag für Ferrari ohnehin nicht in Reichweite: Aber hätte Vettel mit der richtigen Strategie möglicherweise Platz sechs holen können?

Der kurze erste Stint war nicht Ferraris Fehler. Vettel fühlte sich auf den Mediums einfach nicht wohl. "Ich glaube nicht, dass wir den Stint noch länger hätten ziehen können", sagt Vettel selbst. Die drei schnellen Runden in der Mitte des zweiten Stints waren zu vermeiden, haben am Ende aber wohl keinen unterschied gemacht. Sainz überquerte die Ziellinie mehr als zwölf Sekunden vor Vettel.

Die Einstopp-Stragie an sich war goldrichtig. Im gesamten Rennen konnte Vettel auf der Strecke keinen einzigen Platz gutmachen. P11 verlor Vettel auch noch in der Boxengasse an Kvyat. Nur durch den Ausfall von Leclerc rückte Vettel wieder um einen Platz auf. Hätte Ferrari eine Zweistopp-Strategie durchgezogen, wäre Vettel höchstwahrscheinlich außerhalb der Punkte gelandet.


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