Motorsport-Magzain.com Plus
Tipp
Formel 1

Formel 1: Vettel schießt gegen Ferrari - zu Recht? Die Analyse

Sebastian Vettel erlebte in Silverstone ein Debakel. Ist seine heftige Kritik an Ferraris Strategie gerechtfertigt? Die Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Zwei Siege hat Sebastian Vettel in seiner Karriere in Silverstone schon eingefahren. Den ersten 2009 im Red Bull, den zweiten 2018 im Ferrari. Vettel hat also schon bewiesen, dass er Copse, Maggots, Becketts und Co. einigermaßen schnell durchfahren kann. Doch 2020 war Silverstone für den Ferrari-Piloten ein komplettes Desaster.

Platz zehn im ersten Rennen, Platz zwölf im zweiten. Ein mageres Pünktchen holte der vierfache Formel-1-Weltmeister, während Teamkollege Charles Leclerc ein Podium und einen vierten Platz einfuhr.

Das Debakel war vielschichtig, das größte Problem die mangelnde Pace. Der Dreher in Kurve eins beim zweiten Rennen war Vettels Tiefpunkt, doch auch Ferrari bekleckerte sich einmal mehr nicht mit Ruhm.

Vettel kritisiert Ferrari: Ihr habt es versaut

Egal wie es bislang lief, Vettel nahm das Team immer in Schutz. Bis zum Rennsonntag. "Jetzt sind wir genau da, wo wir eigentlich nicht sein wollten. Darüber haben wir heute Morgen gesprochen. Ich halte hier durch, aber ihr wisst, dass ihr das versaut habt", funkte er aus seinem Cockpit.

Auch nach dem Rennen kritisierte Vettel die Ferrari-Strategie heftig: "Ich hätte noch länger mit meinen Reifen fahren können. Aber ich glaube, wir hatten heute nicht den Mut, mich draußen zu lassen, weil Charles hinter mir war - auf einer anderen Strategie."

Hat Vettel recht mit seiner Kritik? Hat Ferrari Vettels Strategie geopfert? Und was hatte Charles Leclerc damit zu tun, der mit Vettels Rennen eigentlich keinerlei Berührungspunkte hatte? Motorport-Magazin.com analysiert die Strategie.

Vettels zweites Silverstone-Rennen begann mit einem Dreher - Foto: LAT Images

Nach seinem Dreher in Kurve eins lag Vettel auf dem letzten Platz. Allzu lange trug er die rote Laterne aber nicht mit sich herum: Der kleine Bremsplatten schien ihn nicht zu stören, erstmals an diesem Wochenende fühlte sich Vettel in seinem SF1000 einigermaßen wohl.

Als einer von insgesamt nur fünf Piloten war Vettel auf den harten Reifen gestartet. Durch Überholmanöver und frühere Stopps der Konkurrenz kam Vettel so relativ schnell wieder nach vorne. In Runde 20 lag der 33-Jährige schon wieder auf Rang neun.

Fast noch wichtiger: Daniel Ricciardo auf Rang acht lag rund drei Sekunden vor ihm und fuhr ähnliche Rundenzeiten. Das war gleich doppelt gut: Einerseits hatte Vettel freie Fahrt, auf der anderen Seite war seine Pace auf den 20 Runden alten Hard-Pneus sehr ordentlich. Denn Ricciardo war in der Zwischenzeit schon an der Box.

Ferrari: Angst vor Teamstrategie?

Allerdings bekam Vettel in Runde 20 einen Funkspruch: "Charles ist jetzt direkt hinter dir, der Abstand auf ihn beträgt 2,2 Sekunden." Leclerc, auf Medium gestartet, war in der Zwischenzeit schon an der Box gewesen, weshalb er hinter Vettel zurückgefallen war.

Der Monegasse war nun ebenfalls mit den harten Reifen unterwegs und fuhr rund eine halbe Sekunde schneller als Vettel. Doch bevor Leclerc den Deutschen einholte, bekam der den Funkspruch, an die Box zu kommen.

Die Reifenstrategien bei der Formel 1 in Silverstone - Foto: Pirelli

Das passte Vettel aber überhaupt nicht. "Ich fühle mich wohl mit diesen Riefen, ich würde gerne draußen bleiben." Doch Ferrari rief Vettel zum Stopp. Damit war der Weg für Leclerc frei, das teaminterne Duell wurde strategisch vermieden.

Vettel hätte überhaupt kein Problem damit gehabt, Leclerc passieren zu lassen. Das deutete er selbst nach dem Rennen an: "Wir waren auf unterschiedlichen Strategien." Die Szene erinnerte fast ein wenig an Hockenheim 2018, als Ferrari Kimi Räikkönen nicht anwies, Vettel vorbei zu lassen, der auf einer ganz anderen Strategie fuhr. Vettel fuhr rundenlang hinter dem Teamkollegen her, ruinierte sich die Reifen dabei und verlor wichtige Zeit. Der Ausgang ist bekannt.

Also holte Ferrari Vettel diesmal lieber an die Box, um diese Situation zu vermeiden. Damit war klar, dass Vettel im Gegensatz zum Teamkollegen nicht mit einem Stopp durchkam. Dafür hätte der Stint auf den harten Reifen deutlich länger sein müssen. Ferrari schickte Vettel gleich noch einmal auf Hard auf die Strecke.

Erster Vettel-Stopp sorgt für Verkehrs-Unmut

Blöd nur, dass der Deutsche direkt im Verkehr rauskam. Zunächst musste Vettel an Räikkönens Alfa vorbei. "Wenn wir draußen geblieben wären, hätten wir ihn überholt", ärgerte sich Vettel am Funk.

Das wirft die Frage auf: Hätte Vettel draußen bleiben sollen? Seine Rundenzeiten auf den alten Hard-Reifen waren noch einwandfrei, wurden sogar von Umlauf zu Umlauf schneller. Durch den Verkehr im zweiten Stint konnte er noch nicht einmal den Vorteil der frischen Reifen nutzen und fuhr nur unwesentlich schneller.

Und Räikkönen war noch das geringste Problem. Als er den Alfa hinter sich gelassen hatte, lief Vettel auf eine Kampfgruppe auf. Esteban Ocon, Daniil Kvyat und Carlos Sainz direkt vor ihm. Genau in diesem Moment fiel der berüchtigte, oben zitierte Funkspruch.

Weil Vettel hinter dem Trio Zeit verlor, holte ihn Ferrari schließlich schon in Runde 33 erneut zum Stopp und setzte die Kampfgruppe mit einem Undercut unter Druck. Lediglich elf Runden hatte er die harten Reifen im zweiten Stint aufgeschnallt. Von nun an musste er das Rennen auf den Medium-Pneus zu Ende fahren: 19 Runden lang.

Der Undercut funktionierte zumindest gegen Sainz. Ocon fuhr ein anderes Rennen, weil der Franzose auf einem Stopp durchkam. Kvyat blieb nach seinem Stopp vor Vettel. Somit brachte Vettel der frühe zweite Stopp eine Position - aber den großen Nachteil, das Rennen auf Medium beenden zu müssen.

Zweiter Vettel-Stopp Reaktion auf falschen ersten Stopp

Der frühe zweite Stopp an sich war kein Fehler, er war die notwendige Konsequenz des falsch getimten ersten Stopps. Nur durch diesen ersten Stopp hatte Ferrari Vettel aber erst ins Rennen gegen Kvyat und Sainz gebracht.

Hätte Ferrari Vettel länger fahren lassen, hätte er Räikkönen schön an der Box überholt. An der Kampfgruppe wäre er womöglich nicht komplett vorbeigekommen, weil Kvyat zu diesem Zeitpunkt ähnliche Rundenzeiten fuhr. Aber Vettel wäre dann einerseits mit deutlich frischeren Reifen auf die Kampfgruppe gestoßen und hätte auf der anderen Seite sogar noch die Möglichkeit gehabt, mit einem Stopp durchzufahren.

Teamkollege Leclerc zog die Einstopp-Strategie durch. Der Monegasse startete auf Medium und wechselte dann auf Hard. 34 Runden fuhr er mit einem Satz der härtesten Mischung. Vettel durfte nur 33 Runden auf der besten Mischung des Rennens fahren - allerdings über zwei Stints verteilt. Leclerc Strategie ging auf: Der Youngster wurde am Ende Vierter.


Weitere Inhalte:
Motorsport-Magzain.com Plus