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Formel 1

Formel 1 Tests, Grosjean crasht und schimpft: F1 ist unfair

Romain Grosjean liefert bei den Formel-1-Testfahrten in Barcelona den ersten Crash 2020. Was folgt ist eine Schimpftirade auf die F1 - aus anderem Grund.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Romain Grosjean startet 2020 in seine neunte Formel-1-Saison. Bei den Wintertestfahrten in Barcelona machte der Franzose gleich am zweiten Tag seinem Ruf als aktuell wohl Crash-anfälligster Fahrers der Startaufstellung alle Ehre. 40 Minuten vor Tagesende verlor Grosjean in Kurve vier das Heck, rodelte durchs Kiesbett und prallte mit seinem Haas VF-20 rücklings in die Streckenbegrenzung.

„Ich habe mich gedreht. Es ist okay, ich werde da nicht der einzige bleiben, denke ich“, sagt der Haas-Pilot später mit einem Schulterzucken. „Ich war jetzt eben der Erste, es war einfach unglücklich, dass da nicht so viel Platz war.“ Die ganze Entschuldigung war das noch nicht. Grosjean: „Die Temperaturen fallen zum Tagesende leider etwas und dann sind die Reifen eben nicht mehr so gut im Fenster.“

Grosjean erklärt Crash: Kühlere Bedingungen am Abend, Grip weg

Für Haas endete der Tag durch einen zerstörten Heckflügel nach dennoch stolzen 158 Runden damit vorzeitig. „Wir wollten noch eine volle Renndistanz fahren, die haben wir jetzt um 20 Runden verpasst“, berichtet Teamchef Günther Steiner.

Mit dem Tagespensum gibt sich der Südtiroler dennoch zufrieden. Kein Vorwurf an Grosjean. Steiner: „Die Reifen haben einfach Grip verloren. Wir haben in den Daten gesehen, dass es schon in der Runde davor fast weggegangen ist. Der Schaden ist auch nicht groß. Der Heckflügel natürlich, aber die Aufhängung ist okay. Das Auto wird morgen ohne Probleme zurück sein.“

Haas und der Kampf gegen die Fehler des Vorjahres

Auch bei Grosjean selbst überwiegt das Positive - zunächst. „Wir haben einen großen Teil unseres Programms geschafft“, berichtet der Franzose. „Ein paar Runs waren weniger prickelnd als andere, aber wir haben einfach verschiedene Dinge probiert. Wir haben noch nicht versucht, das Auto auf eine schnelle Runde zu trimmen, sondern eher alle Optionen durchgespielt, um zu sehen was passiert. Auch, damit anders als im vergangenen Jahr mit der Korrelation alles stimmt.“

Dann kommt die Sprache auf das Thema des Tages. Das neue Mercedes-Device am Lenkrad, ‚DAS’ - und plötzlich schwingt die Stimmung um. Nicht, weil Grosjean das System für einen illegalen Vorteil hält. Ganz im Gegenteil. „Das ist sehr smart, sehr beeindruckend. Mercedes ist da sehr innovativ. Toller Job“, lobt Grosjean sogar.

Innovationen wie Mercedes‘ für Haas nicht darstellbar

Worum es dem Haas-Mann geht: Dass ein Mittelfeldteam wie die US-Truppe sowas nie versuchen könne. „Es besteht keine Chance, dass ein Mittelfeldteam so etwas macht“, sagt Grosjean mit bereits leicht frustriertem Unterton. Teamchef Steiner bestätigt: „Wir können für sowas kein Geld aufwenden. Für uns hängen die Früchte tiefer, als dass wir uns mit Lenkrädern beschäftigen könnten, die vielleicht etwas mit der Aufhängung anstellen. Wir haben andere Probleme, die uns mehr Return of Investment geben.“

Genau hier beginnt Grosjeans Ärger. Zwei-Klassen-Gesellschaft Formel 1. Zu einer regelrechten Schimpftirade auf die ganze Formel 1 triggert den Franzosen deshalb eine Anmerkung, er könne womöglich irgendwann zum Fahrer mit den meisten Rennen ohne Sieg werden. Aktuell liegt der Franzose mit 164 Grands Prix hier bereits auf dem fünften Platz. Bis auf ‚Rekordhalter‘ Andrea de Cesaris (208) fehlt jedoch noch ein gutes Stück.

Grosjean schimpft auf Formel 1: Unfair, mehr Show als Sport

„Das kann passieren“, sagt Grosjean. „Ich kann froh sein, schon zehn Mal auf dem Podium gewesen zu sein. Zwei Rennen hätte ich auch gewinnen können, denke ich. Aber es sollte einfach nicht so kommen.“ Dann ledert der Franzose los, holt aus: „Wir nennen die Formel 1 einen Sport. Aber ist es Sport? Ich bin nicht so sicher. Es ist eine Show. Ein Sport soll fair sein - und die Formel 1 ist nicht fair!“

Es sei unfassbar anstrengend ein Formel-1-Auto zu bewegen, auch im Mittelfeld. Genauso viel Arbeit müsse man dort als Fahrer investieren. Doch gleiche Chancen gebe es nie, kritisiert Grosjean. „Es ist, als würdest du Roger Federer bitten, mit einem Tischtennisschläger zu spielen. Er würde keine Chance haben“, sagt Grosjean. „Würdest du Tennis als Sport bezeichnen, wenn nicht alle denselben Schläger hätten? Oder der Platz auf der einen Seite breiter als auf der anderen wäre?“

Macht Grosjean 2020 Schluss?

Zurück zur eigentlichen Frage: „Ja, es kann passieren, dass ich kein Rennen gewinne“, sagt Grosjean. Zwar hofft er weiter auf seine Gelegenheiten, doch wirklich realistische Chancen sieht Grosjean offenbar nicht mehr. Am ehesten noch durch auslaufende Verträge anderer Piloten zum Jahresende. Doch schein Grosjean vor Saison Nummer neun inzwischen selbst alles andere als sicher, ob es noch weitergehen soll.

„Ich denke nach der Hälfte oder drei Vierteln der Saison werde ich es wissen. Wenn ich dann nicht mehr die Passion habe, um um die Welt zu fliegen und weit entfernt von meiner Familie zu sein, dann könnte ich mich auch aufhören sehen. Aber das könnte auch anderen so ergehen. Schau dir nur Daniel Ricciardo an. Der hat bei Renault ja nicht einmal ein Podium geholt, ist aber ein toller Fahrer, der schon Rennen gewonnen hat. Jetzt eben nicht einmal da Podium. Hier kommt alles darauf an, was du in Händen hältst.“


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