Formel 1

Formel 1, Mercedes vs. Ferrari: Allround-Pfeil vor Speed-Göttin

Topspeed gefragt, Ferrari trotzdem geschlagen. Für Mercedes wirkt der Doppelsieg in China wie ein Auswärtssieg. Was den W10 gerade besser macht als den SF90
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Bei den Testfahrten waren sie überlegen. In Australien leisteten sie sich per Setup-Irrweg einen vermeintlichen Ausreißer. In Bahrain schlugen sie mit Macht zurück. In China wurden sie deshalb noch höher gehandelt, doch waren wieder langsamer. Für Ferrari verläuft der Start in die Formel-1-Saison 2019 in Sachen Formkurve wie ein Wechselbad der Gefühle.

Rein auf dem Papier sieht es allerdings nicht einmal danach aus. Dort stehen drei Doppelsiege für Mercedes in Folge. Besser geht es tatsächlich nicht. Das habe man sich im Traum nicht ausrechnen können, meint Valtteri Bottas. Warum?

Mercedes verwandelt erwartete Ohrfeige in Doppelsieg

Auch, weil Ferrari in Bahrain seine überlegene Pace durch einen Defekt am Ferrari von Charles Leclerc und einen Fahrfehler von Sebastian Vettel nicht in ein Ergebnis umzumünzen wusste. "Es ist schön, zu sehen, dass wir jede Gelegenheit bestmöglich ausnutzen konnten", freut sich Bottas.

Wie hat Mercedes Ferrari abgehängt?: (10:36 Min.)

Viel wichtiger ist für den Finnen die Mercedes-Form im Rennen danach. Am vergangenen Wochenende in China. "Unsere Rennpace hier in Shanghai war stark und viel besser als zuletzt in Bahrain. Wir befinden uns also in einer guten Position", sagt Bottas. Hintergrund: Eigentlich hatte Mercedes beim China GP eine schallende Ohrfeige durch Ferrari gefürchtet.

Bottas: Mercedes in den Kurven richtig stark!

Die Geraden dort seien nur noch länger, umso bedrohlicher sei Ferrari mit seinem in Bahrain plötzlich völlig überragenden Topspeed dort, hieß es im Vorfeld aus dem silbernen Lager. Auf beinahe eine halbe Sekunde hatte Mercedes das kumulierte Defizit auf den Geraden beim Wüstenrennen immerhin beziffert. In den Kurven dagegen hole man seine Zeit, daher müsse man dort in Shanghai unbedingt noch mehr Pace finden.

Gesagt, getan. Diesen letzten Ausweg scheint Mercedes am Wochenende in Fernost nun tatsächlich genau gefunden zu haben. Das jedenfalls ist die Kern der eigenen Erklärung für einen durchaus klaren Sieg über Ferrari, erst im Qualifying, dann auch im Rennen. "Es scheint, dass wir einen guten Downforce-Level haben, denn wir waren am Wochenende echt richtig stark in den Kurven", berichtet Bottas.

Ferrari-Topspeed auch in China weiter überragend

Das allerdings kann man auf zweierlei Weise verstehen. Als schlicht absolut starke Abtriebswerte des F1 W10. Und bzw. oder als das genau richtige Maß an Downforce, sprich das nahezu ideale Verhältnis von ausreichend Abtrieb in den Kurven, aber nicht zu viel Luftwiderstand - Gift für gute Topspeedwerte - auf den Geraden. Oder einfacher ausgedrückt: Der Mercedes scheint, insbesondere im Vergleich zum Ferrari, aktuell ein extrem guter Allrounder.

So jedenfalls klingt es bei Mercedes-Teamchef Toto Wolff zwischen den Zeilen mehr als deutlich durch. "Ich habe die Zahlen noch nicht gesehen, aber ihre [Ferraris] Performance auf der Gerade ist noch immer sehr stark: Im Rennen nicht so stark wie im Qualifying, aber noch immer sehr beeindruckend", berichtet Wolff.

Ein Blick auf die Messwerte des Wochenendes bestätigt diese Einschätzung. Im Qualifying lag Ferrari auch in Shanghai beim Topspeed klar vorne. An allen Messpunkten setzte ein Ferrari-Pilot den Bestwert. An zweiter Stelle klassierte bis auf eine Ausnahme - und die war der ebenfalls Ferrari-befeuerte Alfa Romeo von Kimi Räikkönen - der jeweils andere Ferrari.

Mercedes war davon ein gutes Eck entfernt. Am Ende der 1,2 Kilometer langen Geraden, der schnellsten Stelle in Shanghai überhaupt, rangierten Bottas und Hamilton nur auf den Speed-Positionen sieben und 14, waren fünf respektive acht Stundenkilometer langsamer als die Ferrari (für weitere Messstellen vgl. Tabelle.). Im Rennen sah es tatsächlich weniger extrem aus. Hier verzerren DRS und Windschatten das Bild jedoch wie üblich so extrem, dass echte Schlüsse schwierig sind.

Ferrari vs. Mercedes: Topspeeds im Qualifying zum China GP

Fahrer Start/Ziel Speed Trap Sektor 1 Sektor 2
Vettel 275.6 327.1 287.0 282.7
Leclerc 274.6 326.1 288.2 281.9
Hamilton 272.7 322.0 285.9 281.1
Bottas 271.9 319.3 285.8 281.1

Fakt ist jedoch: Obwohl der Topspeed-Vorteil gegenüber Bahrain nicht kleiner geworden war, konnte Ferrari im Rennen Mercedes am Ende der Geraden nie attackieren. Genau darauf hatte man bei der Scuderia nach dem Qualifying noch gehofft und bei Mercedes davor gezittert. "Gerade in den ersten Runden hatten wir angenommen, dass sie mit ihrem Vorteil geradeaus eine Gefahr für uns sein würde. Sobald das DRS aktiviert wurde sogar noch mehr. Aber sie kamen uns nicht einmal nahe", wundert sich Wolff selbst.

Trotz top Topspeed: Ferrari-Waffe im Rennen stumpf

Die Ferrari-Pace im Rennen sei daher eine Überraschung gewesen. Doch eine Erklärung dafür hat Wolff dennoch. "Unser Vorteil lag in den Kurven. Dass wir in der Lage waren aus der entscheidenden Kurve 13 hinaus wegzuziehen und in den schnellen Kurven davor eine Lücke zu reißen und diese dann über die Gerade verwalten zu können", sagt der MB-Teamchef.

Heißt: Mercedes hat sein Paket für die Kurven tatsächlich extrem gut hinbekommen - ohne dafür noch mehr auf den Geraden bezahlen zu müssen. "Du musst die Balance zwischen Luftwiderstand, Power und Downforce-Level richtig hinbekommen", schildert Toto Wolff den Schlüssel zu Shanghai-Show der Silberpfeile. "Du brauchst ein Auto, das richtig Abtrieb generiert, um schnell durch die Kurven zu fahren, aber gleichzeitig darfst du keine Zeit auf den Geraden verlieren. Da die richtige Balance zu finden, ist sehr schwierig."

Allround-Mercedes holt in Kurven Polster für Topspeed-Mangel

Genau das hat Mercedes nun offenbar sehr viel besser hinbekommen als Ferrari. Hier hat der Allround-Silberpfeil der Topspeed-Göttin aus Maranello den entscheidenden Schritt voraus. Dagegen wehrt sich Ferrari auch gar nicht. Dass Nachholbedarf besteht, gibt man offen zu.

"Wir haben ein sehr starkes Auto, da ist nicht irgendetwas grundfalsch damit. Aber ich denke, dass wir noch nicht in der Lage sind, es in das richtige Fenster zu bekommen", sagt Sebastian Vettel. Doch das werde man noch schaffen. Da ist sich der Deutsche sicher. "Wir beginnen, eine Art Muster zu erkennen und zu verstehen, was wir brauchen - besonders über eine Grand-Prix-Distanz hinweg -, um dieses Auto wirklich zu entfesseln."

Vettel sieht langsam Muster: Ferrari 'nur' nicht im Fenster

Genau deshalb sei man keinesfalls schockiert von dem bombastischen Saisonstart des großen Rivalen Mercedes. "Zu diesem Zeitpunkt ist es eher eine Frage, dass wir es selbst zusammenbekommen müssen", sagt Vettel. Damit zielt er insbesondere auf das Chassis. "Denn ich denke, dass wir sehr zufrieden damit sein können, wo wir motorseitig sind. Der scheint stark zu sein. Gerade scheint es für uns einfach etwas schwieriger zu sein, herauszufinden, wo das ideale Fenster für das Auto ist, um auf einem Niveau mit Mercedes zu sein."

Mercedes mahnt: Der Ferrari hat richtig Potential

Vettels Teamchef bleibt genauso ruhig. "Wir müssen jetzt die ganzen Daten studieren und unsere Performance in Relationen zu ihnen analysieren", sagt Mattia Binotto. Zumal der Abstand - Außreißer Australien ausgenommen - ohnehin nie groß sei oder werden würde. "Der Wettbewerb ist sehr hart, es wird Rennen geben, wo du zwei Zehntel vorne bist und Rennen, wo du hinten bist."

Braucht Ferrari einen Nummer-1-Fahrer?: (09:46 Min.)

Daran zweifelt Mercedes ebenfalls nicht. "Ich sage es wieder - und vielleicht ist das nicht sehr beliebt", beginnt Toto Wolff, berüchtigt für Understatement. "Aber ich denke, dass wir nicht das wahre Bild sehen. Der Ferrari ist schon sehr stark und wir erwarten, dass dieser Fight um Pole Positions und in der Konsequenz um Siege weitergehen wird."

Deshalb sieht auch Silber fortwährend Verbesserungsbedarf, aktuell beim Topspeed. Das müsse nämlich komplett an der Power Unit liegen. "Unser Auto hat vielleicht auch etwas mehr Luftwiderstand als ihres, wir müssen weiter an unserer Performance auf den Geraden arbeiten", vermutet und fordert Wolff. "Denn schon in Baku kann alles schon wieder ganz anders aussehen. Dort gibt es eine sehr lange Gerade und wir müssen die Leistung und den Luftwiderstand richtig treffen."

Lewis Hamilton verweigert sich ebenfalls, die Einschätzung mancher zu teilen, 2019 werde unter dem Strich der nächste Mercedes-Durchmarsch. "Noch ist es zwischen uns allen richtig eng. Ich habe keine Ahnung, wie die kommenden Rennen verlaufen werden", winkt der Weltmeister ab. "Ferrari war ja direkt dran. Und es werden Rennen kommen, die ihnen potentiell besser liegen könnten."

Hamilton gespannt: Ändert Ferrari sein Konzept?

Das komme wiederum auf die unterschiedliche Philosophie bei Mercedes und Ferrari an, also Rundenzeit auf der Gerade oder in den Kurven holen. "Sie waren ja wieder schnell auf den Geraden, haben dort gegenüber uns gewonnen, aber es in den Kurven verloren. Ich bin gespannt, ob sie bei dieser Strategie bleiben werden. An manchen Orten wäre das großartig, das nächste Rennen könnte für sie in dieser Hinsicht echt richtig gut für sie laufen. Aber andere vielleicht nicht …"

Das kann wir eine kleine Drohung klingen, ist aber anders gemeint. Hamilton geht nämlich wie Ferrari selbst davon aus, dass die Scuderia durch ein besseres Verständnis des eigenen Pakets auch in den Kurven wird nachlegen können. "Ferrari hat ein gutes Auto. Sie scheinen nur nicht ihr volles Potential auszuschöpfen."

Wie hat Mercedes Ferrari abgehängt?: (10:36 Min.)


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