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Formel-1-Rennanalyse China: War Ferraris Stallorder richtig?

Ferrari sorgte beim 1000. Formel-1-Rennen mit einer Stallorder für viel Aufsehen. War es richtig, Vettel vor Leclerc zu bringen? Die Rennanalyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Sebastian Vettel gegen Charles Leclerc: Dieses Duell sorgt schon zu Beginn der Formel-1-Saison 2019 für viel Zündstoff. Der viermalige Weltmeister fährt um die Vorherrschaft bei Ferrari, der junge Monegasse um den letzten Durchbruch auf dem Weg in die Elite der Königsklasse. Im Rennen von China fand das Duell einen neuen Höhepunkt.

Nachdem Vettel seinen dritten Platz beim Start an den von Platz vier kommenden Leclerc verloren hatte, fuhren die beiden Ferrari-Piloten in umgekehrter Qualifying-Reihenfolge um den Shanghai International Circuit: Leclerc auf drei, Vettel auf vier.

Ferrari hatte aber ein Problem: Mercedes machte vorne an der Spitze richtig Dampf. Trotz der Qualifying-Klatsche hatten Vettel und Leclerc nach den Freitags-Longruns an eine reelle Chance im Kampf gegen Lewis Hamilton und Valtteri Bottas geglaubt, jetzt zogen die Silbernen vorne weg. Vettel sorgte währenddessen für Sorgenfalten an der Ferrari-Boxenmauer. Er folgte seinem Teamkollegen Leclerc, der seinerseits eine Lücke zu den Mercedes aufreißen ließ, extrem knapp um den Kurs. Es schien, als könne Vettel schneller.

Braucht Ferrari einen Nummer-1-Fahrer?: (09:46 Min.)

Vor der Stallorder: Vettel steckt in Leclercs DRS-Fenster fest

Als das DRS drei Runden nach dem Start freigegeben wurde, klappte Vettel den Flügel hinter Leclerc nach oben und kam dem Monegassen am Ende der langen Geraden mehrmals sehr nahe. Einen echten Angriff wagte er jedoch nicht.

Ab Runde fünf meldete Vettel seiner Box, dass er eigentlich die Pace von Hamilton mitgehen könne. Der Kommandostand reagierte mit einer Anweisung an Leclerc: Er solle vorne das Tempo erhöhen, um einen schnelleren Vettel nicht unnötig aufzuhalten.

Leclerc konnte sich folglich in der nächsten Runde - Runde zehn - leicht aus Vettels Fesseln befreien, doch nicht genug, um den Kommandostand zu überzeugen. "Ich habe die Pace angezogen, ich setze mich ab", funkte der 21-Jährige noch vergeblich. In Runde elf musste er die dritte Position zu Gunsten seines Teamkollegen räumen.

Nach der Stallorder: Vettel vor Leclerc, aber mit Fehlern

Doch dann passierte, was passieren musste: Auch Vettel konnte sich zunächst nicht wirklich von seinem Teamkollegen lösen. "Ich hatte Probleme, die Runden zusammenzubekommen", analysierte Vettel selbst. Offensichtlich hatte der Deutsche etwas mehr Pace als sein Teamkollege in der Tasche, verspielte den Vorsprung aber gleich mehrmals mit kleineren Fehlern.

"Als ich den Rhythmus gefunden hatte, konnte ich etwas wegfahren", meint Vettel. Das ist aber eher positiv ausgedrückt: Vor seinem Boxenstopp konnte Vettel Leclerc lediglich aus seinem DRS-Fenster fernhalten. Von Wegfahren kann bei 1,6 Sekunden Vorsprung keine Rede sein.

Wohl auch deshalb zeigte sich Charles Leclerc zunächst wenig begeistert vom Platztausch. Erst nach dem ersten Debrief mit dem Team kommentierte er die Situation gegenüber den Medien: "Seine Reifen hatten in der Dirty Air hinter mir schon etwas gelitten."

Ferrari Teamchef Binotto: Mercedes im Fokus

Und hier muss sich Ferrari die Frage gefallen lassen: Kam der Platztausch zum falschen Zeitpunkt? Hätte man Vettel schon früher an Leclerc vorbeilotsen sollen? Vettel verlor hinter Leclerc definitiv Zeit. Zwar konnte er sich nach dem Platztausch nicht freifahren, allerdings ist das einerseits auf die in Mitleidenschaft gezogenen Reifen, andererseits auf seine Fehler zurückzuführen.

Vettel stand unter Druck und musste sich unbedingt freifahren, andernfalls hätte er die Position schnell wieder verloren. Genau da machte er wieder Fehler. Hätte Ferrari den Tausch schon früher orchestriert, hätte das Vettels Leben zumindest erleichtert.

Anhand der Entwicklung von Vettels Rückstand auf die Spitze ist klar zu erkennen, dass er sich fast alles davon im ersten Stint einfing. Durch den früheren Stopp holte er wieder deutlich auf, bevor Hamilton dank frischerer Reifen den Vorsprung wieder auf den Ausgangspunkt zurückbrachte. Das gleiche Spiel wiederholte sich beim zweiten Stopp.

Hamilton, davon ist auszugehen, fuhr an der Spitze allerdings sein Tempo. Ein gutes Pferd springt nicht höher als es muss. Auch Bottas dahinter ging nur das Tempo, das er gehen musste. Dass Vettel mit einem früheren Platzwechsel und einem besseren ersten Stint Mercedes ernsthaft unter Druck setzten hätte können, darf bezweifelt werden.

Leclerc litt indessen zum Abschluss seines ersten Stints hinter Vettel - wie zuvor sein Teamkollege zuerst unter der Dirty Air, dann kamen auch noch Vettels Fehler hinzu. Vor dem Platztausch lag Leclerc 3,5 Sekunden vor Max Verstappen. Direkt nach der Stallorder waren es nur noch zwei Sekunden. Zwischenzeitlich wurden es wieder 2,5 Sekunden, doch unmittelbar vor Verstappens Boxenstopp war Verstappen schließlich wieder bis auf zwei Sekunden herangekommen.

Nach dem Platztausch baute Vettel mehrere Fehler ein - Foto: LAT Images

Genau hier begann Ferraris nächstes Problem. Weil der Reifenabbau in Shanghai recht hoch war, brachte ein Undercut viel Zeit. Wer früher an die Box kam, konnte mit deutlich schnelleren Runden auf neuen Reifen die direkten Gegner schwer unter Druck setzen. Genau das erkannten auch die Strategen von Red Bull.

Red Bull stellt Ferrari vor die Wahl: Vettel oder Leclerc

In Runde 17 holten sie Max Verstappen an die Box. Ferrari war nun in der Zwickmühle: Nur einer der beiden Piloten konnte eine Runde später mit dem Stopp reagieren. Für den anderen war es zwei Runden später schon zu spät, so groß war der Vorteil des Undercuts.

Ferrari entschied sich für das besser platzierte Auto und holte Vettel in Runde 18 herein. Damit brachten sie ihn vor dem Red Bull von Verstappen wieder auf die Strecke, aber nur knapp. Das zeigte sich am gleich darauf folgenden Duell, bei dem Verstappen gleich eine Attacke versuchte. Dabei hatte Vettel vor seinem Stopp noch 3,5 Sekunden Vorsprung auf Verstappen vorweisen können. Ein McLaren bremste Vettel in der ersten Runde nach dem Stopp zusätzlich ein, sodass Verstappen in der Spitzkehre sogar kurzzeitig vorbeigehen konnte.

Vettel konnte das Duell mit Verstappen noch für sich entscheiden, doch für Leclerc war es zu diesem Zeitpunkt schon vorbei: Seine vierte Position würde unter allen Umständen an den viel schnelleren, mit neuen Reifen ausgestatteten Verstappen fallen. Weil Ferrari das wusste, stellte man bei Leclerc auf eine Offset-Strategie um.

Hätte man ihn zwei Runden nach Verstappen reingeholt, hätte er die Position mit vergleichsweise ähnlichen Reifen auf der Strecke zurückerobern müssen. Eine Herausforderung, die die Ferrari-Strategen schließlich lieber umgehen wollten. Als Alternative griffen sie auf eine Ein-Stopp-Strategie mit etwas längerem ersten Stint zurück. "Wenn die Ein-Stopp-Strategie geklappt hätte, wäre es einfacher gewesen, die Position zurückzugewinnen", erklärt Teamchef Mattia Binotto.

Leclerc kam also erst fünf Runden nach Verstappen zum Stopp und verlor dabei exorbitant viel Zeit. Mit mehr als zehn Sekunden Rückstand kam der Ferrari-Pilot wieder auf die Strecke. Dann begann ein Ping-Pong-Spiel wie bei Vettel und Hamilton. Mit frischeren Reifen fuhr Leclerc wieder deutlich schneller als Verstappen, aber Verstappen kam zum zweiten Stopp - und Leclerc ebenfalls. Wieder war Verstappen zuerst da, wieder nahm er Leclerc nach dem Stopp dank des Undercuts viel Zeit ab.

Früherer Platztausch: Pro und contra

Sämtliche Ferrari-Entscheidungen haben ihren Ursprung im angeordneten Platztausch zu Rennbeginn. Was hätte ein früherer Platztausch geändert? Möglicherweise wäre Vettel zum Zeitpunkt des Verstappen-Stopps weiter vor Leclerc gelegen. Dann hätte Ferrari zuerst Leclerc, und eine Runde später schließlich Vettel zum Stopp holen können. So musste sich Ferrari für einen Fahrer entscheiden. Möglicherweise wäre auch Leclerc selbst deutlicher vor Verstappen gewesen, was die Undercut-Gefahr insgesamt geschmälert hätte.

Von Motorsport-Magazin.com darauf angesprochen, ob der Platztausch also zu spät kam, weicht Teamchef Mattia Binotto aus: "Wir haben alles versucht, keine Zeit auf Mercedes zu verlieren, aber es hat leider nicht funktioniert."

So erinnerte die Szene etwas an Hockenheim 2018: Ferrari wartete mit dem Platztausch zu lange und schadete sich am Ende selbst. Für Mercedes hätte es wohl so oder so nicht gereicht, den vierten Platz gegen Verstappen hätte man aber verteidigen können. Schlussendlich war der Tausch deshalb für Leclerc etwas unfair: Hätte er Vettel nicht passieren lassen, wäre er wohl Dritter geworden und Vettel hätte seine Probleme mit Verstappen bekommen.

Braucht Ferrari einen Nummer-1-Fahrer?: (09:46 Min.)


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